Gastautorin

Die Grenzen der Selbstoptimierung

Die Diät- und Fitnessindustrie hat viele Tipps parat.

Die Diät- und Fitnessindustrie hat viele Tipps parat.

In der letzten Zeit werde ich regelmässig nach meinem Meditationsregime gefragt, zum Beispiel, welche Technik ich verwende oder ob ich ein App empfehlen könne. Meistens geht es um Schlafprobleme oder Stress.

In unserer hochindividualisierten Gesellschaft sind wir es gewohnt, bei Problemen zunächst einmal unsere eigene Situation zu betrachten und wenn nötig zu verändern. In der Vergangenheit reichte das häufig schon, lebten doch viele von uns recht unbeschwert in einer als relativ sicher und stabil empfundenen Welt. Die grossen gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen wähnten wir hinter uns, die Wirtschaft schnurrte vor sich hin. Wir hatten Zeit und Energie, um an uns selbst zu arbeiten. Davon zeugt eine milliardenschwere Diät- und Fitnessindustrie sowie ein stetig wachsender Markt für geistige und seelische Selbstoptimierung, der Methoden von Achtsamkeitstraining bis hin zu Seminaren für effektives Arbeiten anbietet.

Wenn aber diese Techniken, so nützlich sie auch sein mögen, ausschliesslich der Symptombekämpfung dienen, übersehen wir manchmal die Krankheit. So zum Beispiel letzthin in einer durchaus liebenswerten amerikanischen Serie, in der vom Leben überforderten Menschen mit Hilfe von allerlei Lifestyle-Beratung auf die Sprünge geholfen wird. Etwa dem erschöpften Familienvater, der tagsüber als Bauzeichner arbeitet und nach dem Nachtessen nochmals bis vier Uhr morgens im Supermarkt Regale einräumt. Die Haarpflegetipps und das Coaching für eine bessere Zeitplanung nahm der Mann dankbar entgegen. Dass sein wahres Problem aber nicht sein mangelhaftes Zeitmanagement ist, sondern der haarsträubende Umstand, dass er zur Ernährung seiner Familie jeden Tag vierzehn Stunden arbeiten muss, fiel offenbar niemandem auf.

Natürlich, wir leben nicht in den USA, wo derzeit auf dem Buckel der arbeitenden Bevölkerung eine gewaltige Umverteilung des Volksvermögens von arm nach reich im Gange ist. Aber auch unsere Wirtschaft steht zusehends unter dem Druck der «Gig Economy», in der in die Scheinselbstständigkeit gedrängte Arbeitskräfte das ganze Risiko tragen, während andere den Gewinn abschöpfen. Hinzu kommen der Klimawandel, das Artensterben und eine Pandemie, deren Ausgang noch niemand kennt. All das macht uns Angst. Es ist sicher hilfreich, mit Entspannungsübungen mehr Gelassenheit im Umgang mit unseren Problemen zu lernen. Aber wir dürfen dabei nicht vergessen, etwas gegen die Ursachen dieser Probleme zu unternehmen.

Das geht nicht im stillen Kämmerlein. Wir müssen den aktuellen wirtschaftlichen und ökologischen Bedrohungen als Gemeinschaft begegnen; das Fordern von Gerechtigkeit ist eine Teamdisziplin. Errungenschaften wie bezahlte Ferien oder das Frauenstimmrecht waren damals kein Geschenk, sie wurden von unzähligen Menschen über Jahre hinweg erkämpft. Die Generation unserer Kinder hat das verstanden - die Klimajugend etwa demonstriert im wörtlichen Sinn, dass Zusammenstehen nach wie vor ein wirksames Mittel ist, um auch im Grossen einen Wandel herbeizuführen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1