Sagt Ihnen der Name Schelten etwas? Falls nicht, ist dies nicht weiter verwunderlich. Denn obwohl das kleine Dorf im Berner Jura nur 15 Kilometer Luftlinie nördlich der Stadt Solothurn liegt, ist Schelten mit seiner Lage nur schwer auffindbar.

Erreichen kann man das Dorf über eine kurvenreiche Passstrasse von Balsthal her oder von Mervelier JU aus durch die mystische Scheltenschlucht. Je weiter man in die bewaldete Hügellandschaft des Berner Juras vordringt, desto schmaler werden die Strassen. 

Ohne die Ortstafel würde man wohl kaum bemerken, dass man das Dorf erreicht hat. Lediglich zwei Häuser befinden sich an der Strasse, eines davon ein Restaurant mit einem Schild an der Eingangstür: «Zu verkaufen». Die einzige asphaltierte Strasse führt direkt zum Dorfkern, bestehend aus einem Mehrzweckgebäude – Schulhaus, Lagerhaus und Gemeindeverwaltung in einem – und einem Feuerwehrmagazin. In der Ferne erklingt Hundegebell, Menschen sieht man keine. Eine Busstation sucht man vergeblich, das Dorf wirkt einsam und verlassen.

Schelten lebt

Doch die Stille täuscht. Schelten lebt. – Lässt man sich auf ein Gespräch mit den Bewohnern des Dorfes ein, erfährt man von Zukunftsplänen und Visionen. Die 36 Bewohner (Stand 31. März) könnten unterschiedlicher nicht sein. Einige sind hier geboren, andere entschieden sich in jungen Jahren, in der idyllischen Abgeschiedenheit von Schelten ihre Zukunft aufzubauen. Eine der Familien ist vor 18 Jahren aus dem Emmental nach Schelten in eines der 13 Häuser gezogen, eine andere hat ihre Wurzeln im nahegelegenen Mümliswil.

Eine Frage, die sich wohl jeder Scheltener, jede Scheltenerin schon einmal gestellt hat, ist jene nach der Kantonszugehörigkeit. Denn obwohl die Gemeinde zum Kanton Bern gehört, existiert keine direkte Verbindungsstrasse zur einzigen Berner Nachbargemeinde. Die nächsten Einkaufsmöglichkeiten, Poststellen und Restaurants befinden sich in den Kantonen Jura und Solothurn. Fühlt man sich hier also wirklich noch als Berner oder Bernerin?

«Nein, nicht wirklich. Und als Jurassierin bestimmt auch nicht», erzählt Martina Husistein lachend. Sie ist gelernte Landwirtin, in der Ausbildung zur Betriebsleiterin und in Schelten aufgewachsen. «Am ehesten fühle ich mich als Solothurnerin, da kommen die meisten meiner Freunde her. Aber man weiss schon nicht so recht, wo man hingehört», fügt sie nachdenklich hinzu.

«Alles kann man nicht haben»

Für Martina ist es normal, an einem abgelegenen Ort wie diesem zu leben. Einkaufen geht sie meistens in Mervelier oder Mümliswil, für Kleider nimmt sie eine Stunde Autofahrt nach Solothurn oder Egerkingen in Kauf. Seit die 20-Jährige ein Auto hat, sei vieles einfacher geworden. Vor ihrem 18. Geburtstag musste sie immer ihre Mutter um «Taxidienst» bitten; spontanes Abmachen mit einer Freundin lag da nicht drin.

Dass es in Schelten keine Einkaufsmöglichkeiten gibt, findet sie aber überhaupt nicht schlimm. «Klar, wäre es manchmal praktisch, ein Lädeli um die Ecke zu haben. Da überlegst du dir im Laden schon zweimal, ob du an alles gedacht hast», sagt sie und streicht ihrer Hündin über den Kopf.

Ins Kino geht die junge Frau selten, man unternehme eben andere Dinge als man vielleicht in einer Stadt unternehmen würde: «Manchmal treffen wir uns hier irgendwo im Wald, grillieren, trinken ein Bier, reden und sitzen den ganzen Abend ums Feuer». «Was es in Schelten aber nicht gibt – und vermutlich nie geben wird – ist Anonymität. Wenn du zum Beispiel familiäre Probleme hast, kriegt das jeder mit», erzählt Martina. «Aber alles kann man ja nicht haben», fügt sie lächelnd hinzu.

An die Schulzeit erinnert sie sich gerne zurück. In der Gesamtschule habe sie sich gut aufgehoben gefühlt, man sei wahrgenommen und von allen Seiten unterstützt worden.
Es sei ein Schock gewesen, als sie dann von der behüteten Scheltenschule in die Landwirtschaftliche Berufsfachschule Wallierhof in Riedholz gekommen sei. «Da musste ich plötzlich selber schauen, wie ich klarkomme», erinnert sie sich.

Das Zittern um die Schule

Das Schulhaus in Schelten ist klein, noch kleiner ist die Anzahl der Schüler, die darin unterrichtet werden. Gerade mal fünf Schüler zählt die Gesamtschule zurzeit – von der ersten bis zur neunten Klasse.

«Für alle Beteiligten ist klar: Wir brauchen dringend mehr Schüler, ansonsten wird die Schule im Sommer 2018 geschlossen», erklärt Regula Imperatori, Schulkommissionspräsidentin der Gesamtschule Schelten. Die Erziehungsdirektion des Kantons Bern hat klare Anforderungen: Die Kinder müssen die Möglichkeit haben, eine deutschsprachige Schule zu besuchen. In der Realität sieht das Ganze aber nicht so einfach aus, denn die nächste deutschsprachige Schule befindet sich im solothurnischen Mümliswil – eine halbe Stunde Autofahrt von Schelten entfernt.

Die Hoffnung, die Gesamtschule Schelten doch noch irgendwie am Leben erhalten zu können, wolle sie aber noch nicht ganz aufgeben, stellt Regula Imperatori klar. «Es hat sich herausgestellt, dass der Kanton Jura an einer zweisprachigen Schule interessiert ist. Damit die Idee dieser zweisprachigen Schule jedoch umsetzbar wird, müsste sich der Kanton Jura dazu verpflichten, für das Schuljahr 2018/2019 mindestens sechs Schüler zu finden, die bereit sind, die Schule in Schelten zu besuchen.»

Martina Husistein würde diese Idee jedenfalls sehr begrüssen. Sie hat klare Pläne: «In acht bis zehn Jahren möchte ich den elterlichen Betrieb übernehmen. Falls es dann plötzlich Kinder geben sollte, möchte ich die Möglichkeit haben, sie in Schelten zur Schule schicken zu können.»

Auch die Aussicht darauf, dass ihre Kinder auf Französisch unterrichtet werden könnten, schreckt die bodenständige Landwirtin nicht ab. Im Gegenteil: «Ich fände es sogar sehr gut, wenn diese Idee umgesetzt würde. Und ein bisschen Französisch würde sicher keinem Scheltener schaden», sagt Martina Husistein schmunzelnd.

Was aus der Gesamtschule Schelten wird, steht noch in den Sternen. Und wo es Martina Husistein noch hintreibt auch. Doch immer, wenn ihr Blick während unseres Gesprächs in die Ferne schweifte, konnte man erkennen, dass sie hier glücklich ist. Ob als Bernerin, Jurassierin oder Solothurnerin.