Uhrenstreit

Der Frontalangriff auf die Swatch Group

Seit einigen Wochen treibt die Frage um wenn denn nun Swatch gross gemacht hat. Unterschiedliche Meinungen dazu sind vertreten.

Seit einigen Wochen treibt die Frage um wenn denn nun Swatch gross gemacht hat. Unterschiedliche Meinungen dazu sind vertreten.

Der Uhrenstreit befindet sich in den nächsten Runde: Der Wissenschafter Philipp Aerni beurteilt die Gründung und Werdegang der Swatch Group durch eine sehr kritische Brille.

Wer machte die Swatch gross und rettete damit in den 1980er-Jahren auch die Uhrenindustrie? Hoch gehen die Wogen in dieser Frage wieder einmal – seit der Historische Verein des Kantons Solothurn vor wenigen Wochen sein neustes Jahrbuch präsentierte. Dort urteilten nicht Historiker über diese Frage.

Peter Gross, als Banker damals an vorderster Front aktiv, durfte einen «Zeitzeugenbericht» verfassen und selbst am historischen Urteil über seine Taten feilen. Gross rückte die Banken in den Mittelpunkt, die die Sanierung durchgezogen hätten (wir berichteten) – und Gross betont die Leistungen von Nicolas G. Hayek, der zuerst Berater war und 1985 dann die spätere Swatch Group (damals noch SMH genannt) erwarb.

Jetzt lud der Historische Verein quasi selbst zur – schon zuvor organisierten – «Gegendarstellung»: Am Donnerstagabend referierte Philipp Aerni in der Zentralbibliothek. Aerni, der einst die Kanti Solothurn besucht hatte, ist Direktor des Center for Corporate Responsibility and Sustainability an der Universität Zürich. Er hatte mit Isabell Schluep Campo, ebenfalls Solothurner Kantiabgängerin, kürzlich ein Buch zum Thema geschrieben.

Aerni präsentierte eine Abrechnung mit Gross’ Version der Geschichte – und auch mit der Geschichte, die die Swatch-Group erzählt. «Es gibt eine Kluft zwischen der offiziellen und der inoffiziellen Seite», so Aerni. Sein Fazit: Die Swatch Group habe es quasi geschafft, «aus dem Staatsmonopol ein Privatmonopol» zu schaffen. Und: «Die Hayeks wurden Milliardäre dank der Banken und anderer Insider der Schweizer Wirtschaft.» Hayek habe keine Kompetenz in der Uhrenindustrie gehabt, als er als Berater zur damals maroden SSIH geholt worden sei.

«Er kam aus der Stahlbranche.» An der Spitze ebendieser SSIH, zu der die Marken Omega und Tissot gehörten, stand Banker Peter Gross. Auch dieser habe, so Aerni, von der Uhrenindustrie keine Ahnung gehabt. «Es gab Topjobs für Militärkollegen.» Fähige Leute dagegen seien entlassen worden. Gross habe zudem, ganz anders als im Historischen Jahrbuch dargelegt, die Modellpalette bei Omega nicht verkleinert, sondern von 1000 auf 1700 ausgedehnt.

Thomke als Mann der Stunde

Ganz anders schilderte Aerni die damalige Situation beim zweiten grossen Player auf dem Uhrenmarkt der 1980er- Jahre, der Asuag. Zwar schrieb auch sie Verluste. Aber unter Ernst Thomke sei die Automatisierung der Uhrenproduktion vorangetrieben worden. Der Umsatz pro Mitarbeiter sei innert kurzer Zeit von 64 100 auf 99 440 Franken gestiegen.

Ein erster Hayek-Report habe eine erfolgreiche Erneuerung der Asuag aufgezeigt, sei aber zurückgezogen worden. Sonst, so Aerni, hätte sich die Fusion mit der SSIH «nicht rechtfertigen lassen.» Aerni sprach von Bewertungskorrekturen um mehrere hundert Millionen Franken. «Es gab eine massive Enteignung der Aktionäre.» Später, nach der Fusion von SSIH und Asuag, habe Hayek die SMH preiswert erwerben können.

Philipp Aerni blieb jedoch nicht in der Vergangenheit. Er ging kritisch auf die heutige Swatch-Group ein und zog Parallelen zwischen der Quartzkrise und der heutigen Smartwatch. Aerni kritisierte, dass die Swatch Group seit der Swatch-Uhr «keine fundamentale Innovation» mehr präsentiert habe. Was als Innovation verkauft worden sei, wie etwa die Uhr System 51, sei mehr Marketing denn technischer Fortschritt.

«Seit dem Abgang von Ernst Thomke 1992 hat die Swatch Group kaum mehr Produktivitätssteigerungen erreicht, dafür aber die Margen immer stärker erhöht.» Seit 2003 seien die Ausgaben für Forschung und Entwicklung zurückgefahren worden. Es gebe keine innovative Reaktion auf die Smartwatches. «Der nationale Ikonenstatus der Swatch schafft Immunität vor Reputationsverlust.»

Heute zu wenig Innovation

Kritisch beurteilte Aerni die neue Swissness-Vorlage. Sie fordert, dass für das Label «Swiss made» 60 Prozent der Wertschöpfung einer Uhr aus der Schweiz stammen müsse. Dies führe einerseits dazu, dass es für gewisse Marken zu teuer sei, in der Schweiz zu produzieren. Andererseits würde es die Innovationskraft der Schweizer Uhrenindustrie dämpfen.

Die 60 Prozent Schweizer Wertschöpfung hemmten etwa den «Austausch mit dem Silicon Valley». Für Aerni fördert die Vorlage die Abhängigkeit anderer Firmen von der Swatch-Group. Unter der falschen Prämisse, dass es um ein Bekenntnis zur Schweiz gehe, habe die Politik die eigentlich schädliche Swissness-Vorlage durchgewinkt.

In der Diskussion, die auf Aernis Vortrag folgte, kam es zum eigentlichen Schlagabtausch: Der Oekinger Historiker Bruno Bohlhalter, der zur Uhrenkrise doktoriert hatte, zweifelte an Aernis Interpretation. Für Bohlhalter gibt es keinen Zweifel, dass das Konglomerat zahlungsunfähig gewesen sei. Die Diskussion wird unter Historikern wohl noch einige Runden weiterdrehen.

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