Professor Victor Valderrabano kommt mit langen energischen Schritten aus einer Routineoperation, wie er sie seit drei Jahren an der Klinik Obach jede Woche ausführt – vergangenes Jahr soll gar Tennislegende Boris Becker da gewesen sein. Draussen dämmert es bereits, aber der Arbeitstag des Belegarztes ist noch lange nicht zu Ende. Viel Zeit hat er nicht, doch die Vermittlung seiner Passion ist keine Zeitfrage.

Valderrabano ist ein Pionier in der Chirurgie des Sprunggelenks. Ende letztes Jahr gelang ihm eine Weltpremiere: Der Orthopäde hat nämlich in der Klinik Obach erstmals ein neuartiges künstliches Sprunggelenk implantiert. Entwickelt hat der Arzt die Prothese zusammen mit drei US-amerikanischen Berufskollegen bei der amerikanischen Medtechfirma Exactech. «Das Sprunggelenk ist das Gelenk, das weltweit am häufigsten verletzt wird», beginnt er das Gespräch. «Und anders als etwa beim Hüftgelenk gab es beim Sprunggelenk bisher keine wirklich guten und ausgereiften Prothesen.

Seit den Siebzigerjahren, als die ersten Prothesen eingesetzt wurden, waren das ziemlich klobige Dinger, die den Patienten kaum ihre verlorene Beweglichkeit zurückgeben konnten», erklärt der Experte. «Aber genau das ist so wichtig. Denn bei jedem Schritt trägt das Sprunggelenk das Vier- bis Sechsfache des Körpergewichts. Da kommt schnell eine halbe Tonne zusammen, und bei gewissen Sportarten ist es noch viel mehr.»

Auch bei den Ärzten seien diese Prothesen wegen der Komplexität eher unbeliebt. Bis jetzt, sagt Valderrabano und legt sein Patent auf den Tisch in der Spitalcafeteria, das er zusammen mit seinen drei Kollegen und der Entwicklerfirma hält. Mit erst 45 Jahren ist Victor Valderrabano der Jüngste im Entwicklerquartett.

Nächtelang Gedanken gewälzt

So klein ist die dreiteilige Konstruktion aus Metalllegierungen und hochwertigem Kunststoff, dass man sie in der geschlossenen Faust verschwinden lassen kann. «Das ist Grösse zwei von fünf – Ihre Grösse», sagt der Chirurg mit einem kurzen Blick auf die Füsse und Knöchel der Journalistin. Die Oberseite aus Titan ist rau wie Sandpapier, damit die Knochenzellen des Schienbeins und Sprungbeins gut in die Prothese hineinwachsen können. Das Miteinander der Einzelteile ermöglicht nicht nur ein Auf und Ab, sondern auch seitliche Bewegungen und Winkel.

«Meine beruflichen Interessen sind vielseitig: Arthrose, Sport, Unfall und komplexe Fehlstellungen», erklärt der Arzt. «Mit dieser Schnittmenge landet man fast automatisch beim Sprunggelenk. Ich operiere stets sowohl mit dem Auge des Chirurgen als auch mit demjenigen des Ingenieurs und des Physikers. Das war schon immer meine Leidenschaft.» Entsprechend hat er sich seine Karriere mit dem Medizin- und Orthopädiefachstudium und zahlreichen Weiterbildungen in Zürich, Basel, Davos und Calgary (Studium der Biomechanik) aufgebaut.

«Hauptsache, ich habe meine Alpen in der Nähe», sagt er im Hinblick auf die bekannten Sportdestinationen und lacht. Die Berge um Solothurn sind zwar nicht so hoch, dennoch fühlt sich der Orthopäde hier ausgesprochen wohl: «In der Klinik Obach gehen Kompetenz, Professionalität und eine familiäre Atmosphäre Hand in Hand.»

Die Weltpremiere, die er heute vorweisen kann, nahm ihren Lauf vor einigen Jahren auf einem internationalen Kongress. Dort traf Victor Valderrabano Gleichgesinnte, steckte mit ihnen die Köpfe zusammen und wälzte nächtelang Gedanken um das Problem der unbefriedigenden Sprunggelenkprothesen. Das Resultat nach zweijähriger Tüftelei, umfangreichen Studien und Computersimulationen: «Glückliche Patienten mit schönem Gangbild, und das ist die Hauptsache.»

Ein halbes Dutzend Implantationen – Operationen von rund zwei Stunden Dauer – hat Victor Valderrabano seit der Premiere gemacht. Ausserdem schult er inzwischen jede Woche Kollegen, damit diese am Erfolg teilhaben können. Ganz wichtig ist ihm in diesem Zusammenhang die folgende Feststellung: «Besser als das erfolgreichste künstliche Gelenk ist es, wenn das natürliche Gelenk wieder hergestellt werden kann.» Dazu müssten stets auch die übrigen Gelenke, Bänder und Knochen im Bein angeschaut und allenfalls korrigiert werden.

Das könne durchaus so weit gehen, dass die Position einer Ferse versetzt werden muss. Zudem hätten die altbewährten Methoden zur Behandlung kranker Sprunggelenke weiterhin ihre Berechtigung. Victor Valderrabano erklärt am Beispiel von Schwerarbeit, was er meint: «Ein Maurer wäre mit einem künstlichen Sprunggelenk schlecht bedient. Da ist es besser, man versteift das kranke Gelenk, und der Mann kann weiter arbeiten.» Auch für einen Profifussballer würde ein Sprunggelenkimplantat das Ende der Karriere bedeuten, ist er überzeugt. Hingegen sei es möglich, mit einem künstlichen Sprunggelenk Ski zu fahren, zu tanzen oder zu wandern.

Geregelte Arbeitszeiten gibts nicht

Ski fahren und wandern tut Victor Valderrabano selbst gern, mit seiner Familie – er ist verheiratet und hat zwei kleine Kinder – und mit Freunden. Die Familie wohnt in Hofstetten im solothurnischen Schwarzbubenland. «Körperliche Fitness ist für einen Chirurgen enorm wichtig», ist er überzeugt. «Geregelte Arbeitszeiten gibt es nicht, die Tage sind lang und anstrengend. Besonders wenn man wie ich nicht nur operieren, sondern mit Herzblut auch forschen und eigene Fähigkeiten an Berufskollegen weitergeben will. Ohne meine Frau, ihre Ermutigung und ihr Verständnis wäre meine Karriere undenkbar.»

Als Schweizer mit spanischen Wurzeln ist Victor Valderrabano international gut vernetzt; er spricht fünf Sprachen fliessend. Auf der fachlichen Schiene amtet er im Vorstand verschiedener orthopädischer Fachgesellschaften und als Vorsitzender des Swiss Ortho Center in der Schmerzklinik Basel. Ausserdem ist er Professor für Orthopädie und Traumatologie an der Universität Basel.