Sterben

Dem Tod Farbe geben – beim Bestatter ist Platz für Tod und Trauer

Der Tod soll und muss betrauert werden, findet Bestatter Thomas Giuliani.

Der Tod soll und muss betrauert werden, findet Bestatter Thomas Giuliani.

In Zeiten von digitalen Todesanzeigen und aussterbenden Erdbestattungen spricht sich Bestatter Thomas Giuliani für Trauerfeiern und Friedhöfe aus. Eine Begegnung zu Allerheiligen mit überraschenden An- und Einsichten.

Die Bestattung eines Menschen gehört zur ältesten Kulturbezeugung der Menschheit. Doch in unserer schnelllebigen Zeit hat sie oft keinen oder nur mehr einen geringen Platz. Obwohl das Sterben und der Tod – sieht man sich Nachrichten, Filme und Krimis an – weltweit ein grosses Thema ist. Heute werden in unserer Region über 90 Prozent der Verstorbenen kremiert. «In der Schweiz ist mit der Kremation eine Bestattung rechtlich vollzogen», erklärt Thomas Giuliani aus Rüttenen, der seit vielen Jahren als Bestatter und Trauerredner tätig ist. Damit stellt sich die Frage, ob und wo eine Beisetzung stattfindet und wie man von Angehörigen Abschied nimmt, sodass es Sinn macht – für den Verstorbenen, für die Hinterbliebenen, für die Öffentlichkeit.

Früher waren die Sterbe- und Abschiedsrituale im kirchlich-christlichen Lebenskreis eingebettet, und dieser war für die meisten Leute bestimmend. Doch heute, wo viele Menschen der Kirche den Rücken zugekehrt haben, ist dies eine Frage, die – nebst Pfarrpersonen- auch Fachleute wie Giuliani beantworten können. Er hat ein Buch verfasst, in dem er einige Beispiele des Abschiednehmens aus seinem Berufsleben auflistet und damit aufgezeigt, welche Vielfalt an Möglichkeiten eines sinnvollen und nachhaltigen Abschiednehmens besteht.

«Eine Trauerfeier, egal in welcher Art, sollte stattfinden»

Im Gespräch ergänzt Giuliani: «Im Unterschied zu heute, wo es oft heisst ‹Trauerfeier im engsten Familienkreis› waren früher der Tod und die darauffolgende Beerdigung eine Sache, an der eine (Dorf-)Gemeinschaft Anteil nahm.» Der Tod gehörte zum Lebenslauf wie die Geburt. Die Kirche stellte ihre festen Rituale zur Verfügung, die damals auch eingehalten wurden. Heute leben wir anders. «Wir sind eine Leistungs-, Freizeit- und Spassgesellschaft. Grosse Gefühle, besonders wenn sie schwer wiegen, sind uns im Weg, werden lieber verdrängt. Betrifft uns aber der Tod persönlich in der Familie, sind viele damit überfordert.»

Der Mensch ist eben keine funktionierende Maschine und der Verlust eines lieben Menschen soll und muss betrauert werden. Dafür braucht es Zeit und Raum, und andere Menschen, die einem über den Verlust hinwegtrösten und begleiten können. Giuliani: «Ich stelle fest, dass heute auch viele Seelsorger sehr offen mit diesem Thema umgehen und den Hinterbliebenen gerne mit persönlich abgestimmten Ritualen im kirchlichen Kontext beistehen.»

Heute soll der Verstorbene, seine Persönlichkeit im Vordergrund des Abschiednehmens und einer Trauerfeier stehen. «Dazu gehört meiner Meinung nach eine Aufbahrung des Verstorbenen, auch wenn viele Angehörige sich zunächst dagegen wehren, es scheuen», sagt der Bestatter. «Einen geliebten Menschen zum Beispiel nach langer Krankheit und Spitalaufenthalt wie friedlich ‹schlafend› im Sarg zu sehen, kann sehr versöhnlich und tröstlich sein.»

Giuliani ist zudem der Meinung, dass eine Trauerfeier, egal in welcher Art auch immer, stattfinden soll. «Die Öffentlichkeit, Freunde, Bekannte – man kennt ja nie alle – haben auch ein Anrecht auf das Abschiednehmen. Und wenn der Tod sehr überraschend kommt, ist es für Angehörige doch auch tröstlich zu sehen, dass auch andere Menschen da sind und mitfühlen. Wer nur im engsten Familienkreis Abschied nimmt, der bittet um Abstand statt Beistand und verbaut sich Trost von Aussenstehenden.»

«Man sollte Friedhöfe auch zu Lebzeiten besuchen»

Braucht es in Zukunft noch einen Friedhof? Einen speziellen Ort zum Trauern? Heute, wo alles online im Internet zu erledigen ist, geben viele ihre Todesanzeigen und die Beileidbekundungen nur noch virtuell ab. Es gibt Seiten wie beispielsweise «Gedenkzeit.ch». Dazu sagt Giuliani. «Grundsätzlich finde ich diese Portale gut. Jedermann hat dort Zugang, findet wertvolle Informationen und kann ebenfalls seiner Trauer Ausdruck verleihen und dies hinterlegen. Auch Fotos aus dem Leben des Verstorbenen kann man hochladen; man stirbt somit ‹digital› nicht.» Doch der professionelle Trauerredner findet, dass ein Ort, wo die Asche oder Urne des Verstorbenen hingebracht werden kann, sehr wertvoll ist. «Viele brauchen einen Ort, wo man hingehen kann. Wo man einen Grabschmuck ablegen oder sich mit den Verstorbenen verbunden fühlen kann.» Heute lassen sich gut 70 Prozent der Verstorbenen auf dem Friedhof bestatten, alle anderen wünschen sich eine Bestattung in der Natur oder in der privaten Umgebung. Die Hälfte der Beisetzungen auf dem Friedhof findet im Gemeinschaftsgrab statt, ein Viertel in neuen und ein Viertel in bestehenden Grabstätten. «Erdbestattungen gibt es nur noch bei rund fünf Prozent aller Bestattungen. Meist sind es sehr religiös oder auch traditionell denkende Menschen», weiss Giuliani.

In seinem Buch «Dem Tod Farbe geben – Abschied einmal anders» hat Giuliani rund 15 Beispiele von Trauerreden publiziert, die er selbst so gehalten hat. «Ich will damit auf die grosse Bedeutung des bewussten Abschiednehmens aufmerksam machen und aufzeigen, dass es wichtig ist, dafür die richtige Form und die passenden Worte zu finden.» Er gibt im Buch auch Tipps, welche Symbole oder Rituale einen Abschied begleiten und bereichern können. «In den Trauerreden ist es wichtig, die Persönlichkeit des Verstorbenen zu veranschaulichen und seinen Tod begreifbar zu machen.» Vier Jahre hat er sich mit der Publikation des Buches beschäftigt und so ist ein schön illustriertes, eindrückliches Werk entstanden.

Giuliani will ermuntern, auch zu Lebzeiten Friedhöfe zu besuchen. Orte, die derzeit immer leerer werden. «Man könnte diese schönen, friedvollen Orte auch für Neues nutzen. Warum beispielsweise nicht ein Friedhof-Café einrichten, wo man sich treffen kann?»

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