Auseinandersetzung in Olten

«Das hat mein Leben verändert»: Täter der Messerstecherei 2012 steht vor Obergericht

Am Obergericht Solothurn wurde der Fall zur Messerstecherei in Olten behandelt. (Symbolbild)

Am Obergericht Solothurn wurde der Fall zur Messerstecherei in Olten behandelt. (Symbolbild)

Vor sieben Jahren ging der Täter Murat Q.* in Olten wegen einer Auseinandersetzung mit einem Messer auf seinen Widersacher los. Jetzt wurde der Fall bis ans Obergericht weiter gezogen.

Der Fall einer Schlägerei mit Messerstich am 6. September 2012 in der Oltner Innenstadt wurde am Obergericht wieder aufgerollt. Haupttäter Murat Q.* hatte gegen das Urteil des Amtsgerichts Olten-Gösgen Berufung erhoben. Während er andere Anklagepunkte wie Raufhandel akzeptierte, wehrte er sich nun nur gegen den Vorwurf der versuchten eventualvorsätzlichen Tötung. Es sei bloss einfache Körperverletzung gewesen. Statt vier Jahre Haft forderte Verteidiger Thomas Müller zehn Monate bedingt mit zwei Jahren Probezeit.

Die Staatsanwaltschaft erhob Anschlussberufung und forderte sieben Jahre. Wesentlicher Hintergrund der Tat sind religiös-ethnische Konflikte. Der 26-jährige Türke und Christ Murat, sein Kollege und der 28-jährige muslimische Albaner Quendrim U.* gerieten spätabends aneinander. Murat fühlte sich beleidigt. «Mein Glaube ist für mich wichtig», erklärte er den Ausraster. Zudem gab er an, unter «Todesangst» gestanden zu haben. Denn der Albaner habe ihn früher in einer Gruppe maskierter, mit Messer bewaffneter Männer in Aarau angegriffen, als er noch minderjährig war.

Der alkoholisierte Quendrim lag im Raufhandel nun am Boden, als Murat weiter auf ihn trat, erhob sich wieder und ging davon. Murats Kollege habe Murat ein Messer – ein Butterfly - gereicht. Murat verfolgte Quendrim ein paar Meter und rammte es in dessen linke Seite. Gemäss Arztberichten habe der Albaner an Milz und Zwerchfell potenziell lebensgefährliche Verletzungen erlitten. Der Einstich habe 15 bis 20 Zentimeter betragen. «Ich dachte nicht mehr klar», erklärte Murat weiter. «Ich wollte nie einen Menschen töten.»

Seine Erscheinung vor Gericht war gepflegt, er war reumütig, auch wegen sich selber: «Das hat mein ganzes Leben verändert.» Der in der Schweiz Geborene und Aufgewachsene hatte eine Lehre als Automonteur abgeschlossen. Seine Stelle verlor er wegen seiner Verurteilung, arbeitet nun temporär und besucht eine Weiterbildung. Umstritten waren mehrere Punkte. Ob und wie weit das Opfer sich entfernte. Wie schlimm die Verletzungen waren. Von wem die nie gefundene Tatwaffe stammte und wie lang sie war (das Messer war eigentlich Murats Messer und er hatte es an diesem Abend in seinem Auto mitgeführt).

Vor Gericht sagten sowohl der Verletzte als auch der Gehilfe aus. Letzterer sprach sehr schlecht Deutsch, der Dolmetscher hatte nicht seinen irakisch-kurdischen Dialekt, sondern einen syrisch-kurdischen, darum verzichtete er auf dessen Dienste. Murat zeigte anhand eines Meterstabs, dass das Messer nicht so lang gewesen sein kann, um so tiefe Stiche herbeizuführen: «Die Klinge war maximal neun bis zehn Zentimeter.» Müller bemängelte, dass sich das Gericht nicht auf den ersten Arztbericht beruft, sondern auf drei später erfolgte. Gemäss erstem sei der Stich nur vier Zentimeter lang gewesen. «Es bestand keine akute Lebensgefahr.» Murat hätte gewusst, dass man Quendrim ins Spital bringen würde. «Der Stich war nicht höher oder tiefer, sondern dort wo er war. Man muss beurteilen was ist und nicht, was hätte sein können.» Der Staatsanwalt habe darauf verzichtet, Röntgenbilder zu den Akten zu geben. Dass das Verfahren so lange daure, sei «ein Skandal».

Staatsanwalt Arnold Büeler fand, man könne Murat nicht milder bestrafen als den Gehilfen mit 22 Monaten bedingt. Unklar sei, wie weit sich das Opfer entfernt hatte, aber man sei sich einig darüber, dass es das tat. Er strich die «dynamischen, unkontrollierten Bewegungen» hervor, bei denen Murat den Tod in Kauf genommen habe. Er bemängelte, dass die Vorinstanz ohne Begründung weit unter dem angemessenen Strafmass geblieben sei. Murat hätte seine Tat vermeiden können, indem er mit seinem Auto weggefahren wäre. «Er hat ihm den Rest gegeben, obwohl er von ihm nichts zu befürchten hatte.» Quendrim trug ausser der Narbe keine bleibenden Schäden davon und sagte: «Für mich ist jetzt alles gut. Ich komme damit klar.»

*Namen geändert

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