Als «Bachs zutiefst menschliches Werk» berührte die Johannes-Passion am Wochenende auch Herz und Gehör der Zuhörerinnen und Zuhörer in der Solothurner Jesuitenkirche. Dies lag an der hohen Kunst der Darbietung durch die fünf Solostimmen, durch das Barockorchester Grenzklang und natürlich durch den Singkreis Wasseramt mit seinen über 80 mitsingenden Mitgliedern.

Markus Oberholzer, der seit 1989 den 1957 gegründeten Chor mit anspruchsvollen und teils visionären Werkerarbeitungen auf hohem künstlerischen Niveau hält, feierte damit sein 30-jähriges Dirigentenjubiläum. Begonnen hatte er damals seine Arbeit ebenfalls mit dieser Johannes-Passion. Ob sie damals schon ebenso gelang wie diese differenzierte Wiedergabe jetzt?

Geschildert wird darin die Leidensgeschichte Jesu, der von einem Jünger zur Gefangennahme verraten, von Petrus verleugnet und schliesslich nach Verhören zur Kreuzigung verurteilt, zur Lästerung und schliesslich Grablegung freigegeben wird. Dieses, mit seiner Aufführungsdauer von fast zwei Stunden bedeutsame, in Dichtung und Komposition facettenreiche Werk umfasst einen ergreifenden menschlichen Seelenspiegel. Es zeigt nicht nur die hoffnungsfrohe Gläubigkeit des barocken Menschen, sondern weist darüber hinaus in typisierenden Charakterzügen auf zeitlose «menschliche» Eigenschaften hin.

Leidenschaft und Zurückhaltung

Schon damals in den Evangelientexten brach, wie Bach sie in wilde Turbae-Chöre ( «Weg mit dem», «Nicht diesen sondern Barrrabam», «Kreuzige, Kreuzige») übersetzte, die unreflektierte, wie populistisch anstachelnde Hetze durch. Als feinfühliger Dramatiker hatte Bach Jesu Passion aus vielerlei erregenden Perspektiven erzählt. Der Chor, der diese wechselnden Stimmungen von Glaubensgewissheit und Trost in bekannten Gemeindechorälen, lyrischen Betrachtungen und wehmütiger Trauer wie Ruhepunkte aufnahm, gelegentlich aber sogar als ironischer Agitator der Handlung in «Sei gegrüsset lieber Judenkönig» auftrat, war zugleich Zuschauer und schmerzlich Betroffener.

Die musikalisch und sprachlich hervorragende Interpretation der Wasserämter Sängerinnen und Sänger ging dem intensiv mitgehenden Auditorium sehr zu Herzen. Die Rezitative und Arien der Solo-Vokalisten prägten den Leidensweg Jesu mit der nötigen Leidenschaft, aber auch zarter Zurückhaltung: Carmela Konrad mit strahlender Sopranstimme, Barbara Erni ausdrucksstark im Part der Altstimme, Nino Aurelio Gmünder als gefühlsbewegter Evangelist, Marcus Niedermeier (Bariton) und Martin Weidmann (Bass), klanglich seriös in verschiedenen Rollen beteiligt.

Ein musikalischer «Cartoon»

Diese in reichen Bildern beschriebenen Vorgänge könnten vermutlich zeitgenössische Zeichner zur Produktion eines «Cartoon» mit den typischen Sprechblasen verführen, in dem etwa die hitzigen Diskussionen zwischen allen Beteiligten wie Gericht, Pilatus, Hohepriesterschaft und Kriegsknechten enthalten wären. Der von 1685 bis 1750 in Mitteldeutschland lebende Kantor und Komponist Bach konnte wie frühere Kirchenmaler mit ihren umfangreichen Kreuzwegschöpfungen nicht davon ausgehen, dass alle Menschen etwa die Bibel lesen konnten. Deshalb wurde es auch zur Aufgabe der Musik, dieses für die Christenheit so wesentliche Geschehen mit allen künstlerischen Mitteln szenisch breit auszugestalten.

Die 20 Angehörigen des Barockorchesters Grenzklang rundeten in ihrer Virtuosität auf historischen oder dem Vorbild nachgebauten Instrumenten die ergreifende Wirkung dieses Klanggemäldes ab. Bach hat den Ensemble-Vortrag in gedeckten Farben ausgestattet- ohne Scheu vor kurzzeitigen Dissonanzen- mit raffinierten rhythmischen sowie melodischen Einschüben und zauberhaften instrumentalen Umrankungen der Solisten. Für diese unvergessliche, künstlerisch erlebnisreiche Aufführung dankte das Publikum mit lang anhaltendem, stehend gespendeten Beifall. Die mehrfache, stimmlich gewaltige Anrufung des Herrn zur Eröffnung der Passion wird noch lange im Gedächtnis haften.