Er trug dasselbe gestreifte Hemd, dieselbe graue Hose, dieselben Socken in Sandalen, vielleicht sogar dieselben Fussfesseln wie beim letzten Gerichtstermin im April. Er sprach laut, weil sein Hörgerät defekt ist, sein Tonfall hingegen war deutlich gemässigter als auch schon. Vielleicht, weil der Richter schon präventiv mit Ordnungbussen gedroht hatte, sollte sich jemand im Gerichtssaal nicht benehmen.

U.B., verurteilter Sexualstraftäter aus dem Aargau, kämpft gegen seine Verwahrung. Aktuell vor dem Walliser Kantonsgericht, im selben Raum, wo er im Frühling ausgerastet war und abgeführt werden musste – nach der Anhörung vor dem Straf- und Massnahmenvollzugsgericht. Dieses hatte später das schriftliche Urteil veröffentlicht: U.B. sei untherapierbar, die 2012 angeordnete stationäre Massnahme bringe nichts, der Mann sei zu verwahren.

Sicher fünf Vergewaltigungen

Im Aargau ist U.B. (69), Heimatort Beinwil am See, unter der Bezeichnung «Chloroform-Unhold» bekannt. In den Jahren 1977 bis 1979 stieg er über 50 Mal in Häuser der Region ein; in Brugg, im Wynental, im Freiamt. Er kundschaftete aus, wo Teenagermädchen wohnen und suchte sie nachts in ihren Schlafzimmern heim. Dort betäubte er sie mit Wattebäuschen, die er in Trichloräthylen tauchte. Es kam zu mindestens fünf Vergewaltigungen und zu weiteren sexuellen Handlungen.

1979 wurde U.B. verhaftet und zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt, 1987 kam er vorzeitig frei. Dann hörten die Aargauer Behörden nichts mehr von ihm – weil er ins Wallis ausgewandert war. Er stieg abermals in Privathäuser und Ferienlager ein, schnitt jungen Mädchen die Pyjamahosen auf, «getrieben vom Verlangen, Schamhaare zu sehen», gab er später zu Protokoll. Erst 2007 wurde der nun in Trimbach wohnhafte Mann geschnappt. Als er in Olten einem Mädchen nachstellte, wurde er von ihrem Vater gestellt und überwältigt. U.B. biss und kratzte den Vater, was zur nötigen DNA-Spur für die Festnahme führte. Schliesslich wurde er Wallis verurteilt, weil er dort eine besonders schwere Vergewaltigung begangen hatte.

Er wurde zu 11 Jahren und 8 Monaten Haft verurteilt. Weil eine Gutachterin ihm grundsätzliche Therapiefähigkeit attestierte, wurde er nicht verwahrt, stattdessen verfügte das Gericht eine stationäre therapeutische Massnahme. Die Haft ist abgesessen, die Therapie abgebrochen, U.B. sitzt nun in Sion im Gefängnis. Die nachträgliche Verwahrung akzeptiert er nicht, weshalb die Akte nun beim Kantonsgericht liegt.

Gutachter erstmals befragt

Erstmals wurde gestern ein Gutachter vom Gericht einvernommen. Steffen Lau, Chefarzt für forensische Psychiatrie, berichtete, U.B. leide an einer sogenannt «histrionischen Persönlichkeitsstörung». Seine sexuellen Vorlieben sind gestört, U.B. ist Voyeur und Frotteur (jemand, der sexuell erregt ist, wenn er seine Genitalien an einer fremden Person reibt). Es seien keine Therapiefortschritte erkennbar und die histrionische Persönlichkeitsstörung gelte generell als ausgesprochen schwer behandelbar. «Wer sich nicht der Realität der Straftat stellt, weil die Störung es verhindert, hat ein höheres Risikio für zukünftige Taten», so der Experte.

Es sei nicht ersichtlich, dass U.B. auch nur «ansatzweise in der Lage ist, seine deliktfördernde Persönlichkeitsstörung» zu verändern. Bei ihm bestehe «gar kein Bewusstsein für das Ausmass seiner voyeuristisch und frotteuristisch geprägten Sexualität», er sei den sexuellen Fantasien weiter uneingeschränkt ausgeliefert. Und: «Weitere therapeutische Massnahmen machen keinen Sinn.» Auch eine triebdämpfende Medikation bringe in diesem Fall nichts.

Nichts Neues vom Angeklagten

U.B. erhielt ausführlich Gelegenheit zur Stellungnahme, sagte aber kaum Neues. Soweit seinen wirren Ausführungen zu folgen war, stellte er das Gutachten infrage und betonte, dass er für einige Taten, für die er verurteilt worden war, nicht verantwortlich sei.

Sein Anwalt forderte vor dem Kantonsgericht erneut die sofortige Freilassung seines Mandanten oder «mindestens eine Rückweisung an die Vorinstanz». Unter anderem monierte er verschiedene Verfahrensfehler, sprach von einem «Verfahrens-Scherbenhaufen». Und er kündete – sollte die Verwahrung vom Kantonsgericht bestätigt werden, was erst in einigen Tagen bekannt wird – den Weiterzug ans Bundesgericht an.