«Heute denke ich, es lief schlecht», sagte der Beschuldigte am Donnerstag vor dem Obergericht zu seiner Tat, die er am 13. August 2013 in Büsserach begangen hatte. Wirklich reumütig wirkte er dabei aber nicht. Dabei hatte er doch mit einer Schrotflinte auf seinen Bruder geschossen und ihn tödlich an der Leber getroffen.

Den Schuss bestritt er nie, auch nicht an der Verhandlung des Amtsgerichts Dorneck-Thierstein vor fast zweieinhalb Jahren. Dieses betrachtete ihn jedoch für die vorsätzliche Tötung als schuldunfähig und ordnete eine stationäre Massnahme an. Schuldunfähig deshalb, weil er gemäss psychiatrischem Gutachten unter einer paranoiden Schizophrenie leidet. X.* focht das Urteil an. Er wäre lieber schuldig statt therapiebedürftig oder verwahrt.

Im Hintergrund der Tat stand ein Erbstreit. Das Haus, in dem X. lebte, war das elterliche Erbe, das unter drei Brüdern und einer Schwester aufgeteilt werden sollte, worüber aber keine Einigkeit herrschte. X. fühlte sich bedrängt, so auch zum Tatzeitpunkt, als seine zwei Brüder bei ihm vorstellig wurden. Er habe deswegen geschossen: «Weil er mich angegriffen hat. Er hätte mich wohl zum Krüppel geschlagen.» «Im Prinzip» greife er niemanden an, doch hier habe er sich bedroht gefühlt: «Ich sah nur noch eines.»

Anwältin: Es war Notwehr

Verteidigerin Cornelia Dippon Hänni versuchte, die Tat als gerechtfertigte Notwehr darzustellen und berichtete von einer Nachbarin, welche bestätigte, dass der Verstorbene seinen Bruder sehr häufig besuchte – manchmal mehrmals am Tag – und «etwas Bedrohliches» an sich gehabt habe. Sowohl der Anwalt der Angehörigen, Remo Gilomen, als auch Staatsanwältin Judith Zimmermann sahen dies anders und stützten sich auf das psychiatrische Gutachten von Lutz-Peter Hiersemenzel.

Mordprozess Büsserach

Mordprozess Büsserach

Karl J. soll seinen Bruder auf dem Gewissen haben. Ein Erbschaftsstreit, der mit einem Mord endete. Karl J. stand heute vor Gericht.

Für den Gutachter war die Lage offenbar «eindeutig», die paranoide Schizophrenie zeige sich in einem komplexen Wahnsystem. X. lebe wie in einer «Doppelten Buchhaltung», das heisst: im Alltag könne er sehr gut funktionieren, aber sobald er in brenzlige Situationen gerate, trete seine Krankheit zum Vorschein. Deshalb erhalte er vom Gefängnispersonal sehr gute Berichte über sein Verhalten. «Das Gefängnis ist reizarm», so Hiersemenzel. Dort seien für X. problematische Themen wie seine Kindheit, das Erbe sowie Geldangelegenheiten ausgeklammert, die Situationen reglementiert und einfach.

Er konsumiere dort auch kein Cannabis. «Seine Krankheit wird nicht auf 10 Meter Entfernung erkannt, sondern nur, wenn man sich mit ihm ausführlicher unterhält.» Die Wahrscheinlichkeit einer erneuten schweren Gewalttat liege «mindestens im mittleren Bereich». Sein bisher auf seinen Bruder bezogenes Wahnsystem könne sich auf andere ausweiten. Er müsse «auf jeden Fall» in einem geschlossenen Rahmen therapiert werden. Das könne kaum ohne Medikamente geschehen.

Bald eine Zwangsmedikation?

Bisher hat sich der Beschuldigte jedoch einer Therapie verweigert. Vor dem Obergericht sagte er: «Ich sehe keinen Sinn darin. Ich kenne keine Studie, welche die Wirksamkeit beweist.» Bei der Medikamentation sah er nebst starker Nebenwirkungen Folgendes: «Die Mittel muss man regelmässig nehmen. Bei Einnahmelücken ist das schädliche Verhalten sogar noch stärker als zuvor.»

Gutachter Hiersemenzel gab praktische Auskunft über die Realisierung einer Therapie, die zumindest einmal versucht werden müsse. Weigere sich X., so könne in einem weiteren gerichtlichen Verfahren eine Zwangsmedikation festgelegt werden. Durch diese würden die Wahnsymptome abgeschwächt, der Patient gesprächsbereiter, sodass die spätere Verabreichung der Medikamente freiwillig erfolge.

Die Therapie könne nur in einer spezialisierten Institution wie der Psychiatrischen Klinik Königsfelden erfolgen. Sie daure zwei oder mehr Jahre, nach der Entlassung müsse X. gut nachbetreut werden. Der im Thorberg einsitzende, heute 51-jährige Täter lieferte während der Verhandlung Anschauungsunterricht über seine Krankheit. So zweifelte er immer noch daran, dass sein Bruder überhaupt tot sei. Öfters sprach er davon, wie sein Bruder ihn habe vergiften wollen, etwa indem er heimlich in die Wohnung eingedrungen sei und das Salz und Haferflocken vergiftet habe. Das Gericht fällt sein Urteil heute Freitag.

*Name der Redaktion bekannt.