Analyse zur Kinder- und Jugendpsychiatrie

Bitte nicht auf dem Buckel der Kleinsten

(Symbolbild)

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Wenn Kinder psychisch am Ende sind, finden sie häufig am Stadtrand von Solothurn Unterschlupf. In der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik (KJPK) stehen 18 Betten bereit für Kinder, die besonders intensive Betreuung brauchen. Ende Jahr sollen die Betten leer bleiben. Dann wird die stationäre Abteilung der Kinder- und Jugendpsychiatrie geschlossen. Das gab die Solothurner Spitäler AG (SOH) im Januar bekannt. Die stationären Plätze werden aus Solothurn nach Liestal, Bern oder Basel in die Universitätskliniken verlagert.

Die Entscheidung der SOH schreckte Politiker, Ärzte und Betroffene auf. In einem Vorstoss verlangt die Fraktionschefin der Grünen im Kantonsrat, Barbara Wyss Flück, Antworten vom Kanton. Den Vorstoss haben über 60 Kantonsrätinnen und Kantonsräte aus allen Fraktionen unterschrieben. Die Politiker wollen wissen, inwiefern der Kanton in den Entscheid der SOH involviert war, ob er die Auslagerung der stationären Plätze in der Kinder- und Jugendpsychiatrie unterstützt und welche finanziellen Auswirkungen der Schritt für den Kanton hat. Die Politiker vertreten mit der Interpellation ausserdem den Standpunkt, dass «wesentliche Entscheide in der medizinischen Grundversorgung im Kanton transparent und breit abgestützt werden sollen».

Dass die Solothurner Politikerinnen und Politiker die Auslagerung der stationären Abteilung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie hinterfragen, dürfte bei den selbstständigen Kinder- und Jugendpsychiatern im Kanton zumindest teilweise für Erleichterung sorgen. Einige von ihnen wandten sich diese Woche in einem offenen Brief an die SOH und forderten diese dazu auf, ihren Entschluss noch einmal zu überdenken. Die Ärztinnen und Ärzte machen sich Sorgen, weil sich mit der Schliessung der stationären Abteilung in Solothurn die Reisezeiten für die Kinder und Jugendlichen, aber auch für ihre Eltern, Lehrer, Schulfreunde, zum Teil drastisch verlängern. So steigt die Belastung für die Familien, und die Kinder können nicht mehr ihre Schule besuchen, in ihrem Sportverein mitmachen oder ihre Freunde treffen. Das erschwert ihre Rückkehr in den Alltag.

Zu einer guten Versorgung für die Kinder und Jugendlichen gehöre, so folgern die Ärzte, eine stationäre Abteilung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Zusammen mit einem ambulanten Angebot, das auch Tageskliniken und aufsuchende Betreuung beinhaltet.

Mit ihren Fragen und Forderungen sind die Ärzte, Eltern und Politiker im Kanton Solothurn nicht allein. Viele Kantone kämpfe mit ähnlichen Problemen. Denn in der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Land liegt einiges im Argen.

Der Grund dafür liegt einerseits darin, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind. Sie müssen nicht nur anders medikamentiert werden, sondern brauchen auch mehr Betreuung. Der entscheidende Punkt: Mehr Zeit bedeutet auch mehr Geld. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist chronisch unterfinanziert, gerade stationäre Kliniken lassen sich kaum kostendeckend betreiben. Hinzu kommt der sich verschärfende Fachkräftemangel.

Wie es mit der Finanzierung der Kinder- und Jugendpsychiatrie weitergehen soll, wird auf Bundesebene entschieden. Aber die Kantone haben Spielraum. Zwar definiert das Krankenversicherungsgesetz den Rahmen, die Gesundheitsversorgung ist aber Sache der Kantone.

Der Kanton Solothurn hat mit der Solothurner Spitäler AG SOH eine Leistungsvereinbarung geschlossen. Die SOH erhält Geld vom Kanton, dafür muss sie die medizinische Versorgung der Bevölkerung sicherstellen. Wenn die SOH die stationäre Abteilung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in andere Kantone verlagern will, muss ihr der Kanton auf die Finger schauen und darüber wachen, dass sie nicht auf dem Buckel der Kleinsten spart.

Die Kantone können die Angebote, mit denen sie die Grundversorgung der Bevölkerung garantieren wollen, aber auch alimentieren. Der Kanton muss sich also die Frage stellen, wie viel ihm die Versorgung von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen Wert ist. Und auch wenn der Entscheid der SOH sich nicht als Sparübung, sondern als notwendige Reaktion auf den zunehmenden Fachkräftemangel erweist, hat der Kanton Handlungsspielraum. Laut verschiedenen selbstständigen Kinder- und Jugendpsychiatern hat die SOH den Mangel an Fachkräften durch ein schlechtes Arbeitsklima in der Institution selbst verschuldet. Diesen Vorwurf sollte die SOH ernst nehmen und bei Bedarf Massnahmen ergreifen. So wie das jedes andere Unternehmen im gleichen Fall auch tut.

So oder anders: Es ist mehr als ein Wunsch, dass Kinder und Jugendliche trotz systematischer Unterfinanzierung und einem Mangel an Fachkräften möglichst in der Nähe ihrer Familien versorgt werden können. Besonders diejenigen, die so schwer krank sind, dass sie für längere Zeit einen stationären Aufenthalt benötigen.

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