Kanton

Bildung soll nach Schliessung der Kinder- und Jugendpsychiatrie nicht leiden

Kinder und Jugendliche, die eine stationäre Therapie brauchen, werden ab nächstem Jahr in Basel, Liestal oder Bern betreut. (Symbolbild)

Kinder und Jugendliche, die eine stationäre Therapie brauchen, werden ab nächstem Jahr in Basel, Liestal oder Bern betreut. (Symbolbild)

Der Umbau in der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kanton hat auch Auswirkungen auf die Schulen. Kinder und Jugendliche sollen wenn möglich wieder in die Schule reintegriert werden.

Wie wird die Zukunft der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kanton Solothurn aussehen? Diese Frage beschäftigt neben der Solothurner Spitäler AG (soH) momentan auch die Politik, die niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater und die Angehörigen von kranken Kindern und Jugendlichen. Und sie beschäftigt auch die Schulen. Denn sie sind jeweils stark gefordert, wenn Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen stationär oder ambulant behandelt werden müssen.

Zur Erinnerung: Anfang Jahr gab die soH bekannt, dass die stationäre Abteilung der Kinder- und Jugendpsychiatrie geschlossen wird. Kinder und Jugendliche, die eine stationäre Therapie brauchen, werden ab nächstem Jahr in den Universitätskliniken in Basel, Liestal oder Bern betreut. Dafür hat die soH angekündigt, dass der ambulante Bereich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ausgebaut wird. So sollen unter anderem mehr tagesklinische Angebote entstehen.

Weite Wege könnten die Zusammenarbeit erschweren

Bei dem bevorstehenden Umbau sollen die Schulen auf keinen Fall vergessen werden: In einem offenen Brief fordert der Kinder- und Jugendpsychiater Daniel Barth eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Bildungsdepartement und dem Gesundheitsdepartement des Kantons. Nur so könne sichergestellt werden, dass die Kinder und Jugendlichen so betreut werden können, wie sie es in ihrer jeweiligen Situation benötigen. Diese Meinung teilt auch Mathias Stricker, Präsident des Verbands der Lehrerinnen und Lehrer Solothurn (LSO) und SP-Kantonsrat. Laut ihm hat die schulische Betreuung der jungen Patienten bisher meist gut funktioniert. Das könnte sich aber, so die Sorge von Stricker, in Zukunft zumindest vorübergehend verschlechtern.

Laut Stricker stellt der Umbau im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie die Schulen gleich vor mehrere Unsicherheiten. Zum Beispiel sei noch unklar, wie die Kommunikation und die Zusammenarbeit mit den Ansprechpersonen im stationären und ambulanten Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Zukunft funktionieren wird. «Wir fürchten, dass die Kommunikation und der Austausch schwieriger werden», so Stricker. «Die Schulen waren sich bisher regelmässige Absprachen gewohnt. Diese Wege müssen neu aufgebaut werden.»

«Lehrpersonen betreiben einen grossen emotionalen Aufwand.»

Mathias Stricker, Präsident LSO und SP-Kantonsrat.

Mathias Stricker, Präsident LSO und SP-Kantonsrat.

Eine weitere Herausforderung für die Schulen besteht in den längeren Distanzen zu den Kindern oder Jugendlichen, die in eine der stationären Kliniken in Basel und Bern eingewiesen werden. «Für uns erschwert das die Reintegration der Schülerinnen und Schüler. Bisher waren bei der Reintegration kleine Schritte möglich. Die Kinder und Jugendlichen konnten zum Beispiel zwei Tage ihre reguläre Klasse besuchen und zwei Tage in der Klinik unterrichtet werden. Das wird mit den grösseren Distanzen schwierig.»

Weiter brauche es bei jedem erkrankten Kind oder Jugendlichen einen regelmässigen, intensiven Austausch zwischen Lehrpersonen, Eltern, Therapiepersonal und Ärzten. «Natürlich funktioniert viel auch per Telefon. Das sehen wir ja in der aktuellen Zeit. Aber es ist auch sehr wichtig, dass man sich zu einem persönlichen Gespräch treffen kann.» Ausserdem fürchtet Stricker, dass die längeren Distanzen zu den stationären Kliniken auch dazu führen, dass sich Einweisungen von Kindern und Jugendlichen in den stationären Aufenthalt hinauszögern und sich so das Gefährdungspotenzial vergrössert. Auch die Klassenkameraden und die Lehrpersonen können so zusätzlich belastet werden.

Der Kanton soll helfen, den ambulanten Bereich zu finanzieren

«Lehrpersonen müssen für diese Schülerinnen und Schüler einen grossen Aufwand betreiben. Organisatorisch, aber auch emotional. Das machen sie grundsätzlich gerne, aber die Wege müssen kurz bleiben und es muss klar festgelegt werden, was ambulante Angebote leisten und wie die Zusammenarbeit, die Abläufe und die Zuständigkeiten geregelt sind.»

Weiter fordert Stricker ein gut ausgebautes Schulangebot in den Tageskliniken, welche die soH angekündigt hat. Damit diese Schulen auch wirklich gut funktionieren können und die Reintegration der Schülerinnen und Schüler in die Regelklasse gelingen kann, brauche es aber finanzielle Mittel. Stricker unterstützt deshalb die Forderung von niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiatern, Hausärzten und dem Verband Solothurner Psychologinnen und Psychologen (VSP), wonach der Kanton die ambulanten Tageskliniken nach vollstationärem Tarif vergüten soll.

Weil Tageskliniken für Kinder und Jugendliche kaum kostendeckend geführt werden können, befürchten die Fachleute, dass die Tageskliniken ohne zusätzliche Mittel das Kantons nicht genügend ausgebaut werden und die Reintegration der Kinder und Jugendlichen leidet. Ob der Kanton die Tageskliniken zusätzlich unterstützen wird, ist noch offen, darüber wird im Rahmen des Globalbudgets Gesundheitsver­sorgung 2021–2023 entschieden.

Autor

Rebekka Balzarini

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