Gastkolumne

Bilder für die Ewigkeit

Der Papst, der mutterseelenallein auf dem Petersplatz steht und den Segen «Urbi et Orbi» erteilt.

Der Papst, der mutterseelenallein auf dem Petersplatz steht und den Segen «Urbi et Orbi» erteilt.

Wir leben in aussergewöhnlichen Zeiten, keine Frage. Es ist möglich, dass gerade keine einzige Gegend auf dieser Welt, kein Bereich, und wer weiss, vielleicht sogar keine einzige Menschenseele gänzlich unbeeinflusst ist von der riesigen Veränderung, die ausgerechnet ein Mikroorganismus ausgelöst hat.

Diese Vorstellung an sich ist schwindelerregend. Und wer ganz unmittelbar von der Coronakrise betroffen ist, stellt sich in diesen Tagen und Wochen andere Fragen, hat andere Befindlichkeiten und setzt Prioritäten anders als noch zuvor. Prozesse und Tempo, die die Arbeitswelt normalerweise vorgeben, sind weitgehend ausgesetzt, ebenso die gesellschaftlichen Strukturen wie Gemeinschaftspflege, Zusammentreffen, Rituale in der Gruppe.

Unser Leben verändert sich gerade drastisch. Man sieht sich kaum noch oder nur über den Bildschirm, hält Abstand und bleibt möglichst in den eigenen vier Wänden. Auch unser Sterben ist ein anderes geworden. Trauergemeinschaft findet physisch nicht mehr statt. Keine Umarmungen, keine Hand, die die andere zum Trost drückt. Keine Anwesenheit, um dem oder der Verstorbenen den letzten Respekt zu erweisen. Und doch: Irgendwie scheint mir, sind alle näher zusammengerückt, sind fürsorglicher, rücksichtsvoller, nachsichtiger, empathischer und auch gleicher. Wettbewerb ist gerade nicht angesagt, kurzfristiger Gewinn auch nicht. Egoismus bringt einem im Augenblick keine Vorteile, vor allem keine Freu(n)de.

Diese Zeit bringt nicht nur ihre eigenen Phänomene und ihre eigene Sprache hervor, sie erzeugt auch Bilder, die man nie für möglich gehalten hätte: Der Papst, der mutterseelenallein auf dem Petersplatz steht und den Segen «Urbi et Orbi» erteilt, was er sonst nur an Weihnachten und Ostern umgeben von Menschenmassen tut. Es ist ein Bild für die Ewigkeit. Genauso wie die Luftaufnahme über der grossen Moschee von Mekka. Wo sich sonst selbst ausserhalb der regulären Pilgerzeit Tausende von Menschen zum Gebet versammeln, steht nur die würfelförmige Kaaba. Der Hof aus weissem Marmor ist vollkommen menschenleer. Ebenso die Grabeskirche in Jerusalem und auch die Klagemauer. Keine Menschenansammlungen, kein Gewimmel, nur die nackte, helle Kalksteinwand. Die kolossale Verlassenheit dieser sonst so bewegten Pilgerorte wirkt surreal, fast apokalyptisch, gerade so, als würde die Welt stillstehen und sich nicht mehr weiterdrehen.

Die spirituellen Traditionen vermitteln aber alle den Gedanken, dass «Leere», Enthaltsamkeit, die Rückbesinnung auf das Wesentliche wichtige Voraussetzungen sind, um überhaupt zu Erfüllung zu gelangen. In den kommenden Tagen finden zeitgleich in den drei abrahamischen Religionen wichtige Zeiten und Anlässe statt, die darauf verweisen.

Mit dem Palmsonntag am 5. April beginnt die christliche Karwoche. Am 8. April beginnt Pessach für Jüdinnen und Juden, und Muslime begehen gleichzeitig die Lailat al-Barā’a, die Nacht der Vergebung. Sie alle werden sich dieses Jahr nicht zu den gemeinschaftlichen Gebeten in Kirchen, Synagogen und Moscheen versammeln, sondern die innere Einkehr, die Hoffnung, die Freude und das Grundvertrauen in den eigenen vier Wänden praktizieren, kultivieren und zelebrieren.

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