Gastkolumne

Begegnung ist nicht zu ersetzen

Filme können auch alleine gestramt werden. Die Kino-Stimmung allerdings fehlt unserer Autorin.

Filme können auch alleine gestramt werden. Die Kino-Stimmung allerdings fehlt unserer Autorin.

Ewige Ferien – das war während der Schulzeit eine paradiesische Vorstellung, die einem bei näherem Besehen und gegen Ende der Sommerpause dann doch höllisch lang vorkommen konnte. Die Freundinnen und Freunde wieder sehen, die Begegnung im Hier und Jetzt, das fehlte dann doch plötzlich sehr – und so ähnlich erging es mir während des Lockdowns, der zwar reich an Arbeit und digitalem Austausch, aber arm an «echten Begegnungen» war. Begegnung ist es, was die Welt im Innersten zusammenhält.

In diesem Wissen setzen wir alles daran, die kommenden Solothurner Filmtage mit einer der Situation angepassten Durchführung vor Ort in Solothurn anzubieten. Wir bereiten dafür verschiedene Szenarien vor.

Ich war in den letzten Tagen an einem Filmfestival in der Westschweiz und an weiteren Filmvorführungen – und es war einfach wunderbar, wieder im Kino zu sitzen und gemeinsam mit anderen einen Film zu erleben. Ich habe es vermisst – wie sehr, das war mir davor gar nicht so richtig bewusst. Die Stimmung im Saal war toll – daran taten auch die leeren Sitze, die jede und jeden vom Nächsten «trennte» keinen Abbruch. Film ist, es stimmt wirklich, eine kollektive Erfahrung. Film verbindet – auch über die angemessene soziale Distanz hinweg.

Klar: Filme schaue ich auch zu Hause – auf dem kleinen Bildschirm oder mit dem Beamer, alleine oder im Familien- oder Freundeskreis. Dabei kann uns der mit dem Lockdown verbundene Boom der Streaming-Angebote zwei Dinge bewusst machen: Einerseits zeigt er uns, dass Streamen zwar toll, aber die ausgelassene oder konzentrierte Stimmung in einem Kinosaal oder an einem Festival doch eine ganz andere Erfahrung ist. Insofern verstehe ich den Lockdown als eine Art «Schuss vor den Bug»: Er lässt uns verstehen, dass das Streamen eine neue, zusätzliche Form des Filmerlebnisses ist, doch die Erfahrung im Kino mit seiner ganz besonderen Magie nicht ersetzen kann – und wir also gut daran tun, die Kinokultur zu schützen und zu unterstützen – bevor es zu spät ist.

Andererseits zeigt uns der Streaming-Boom auch die neuen Möglichkeiten für das Medium Film auf. Er gewinnt ein zunehmend junges Publikum für die Siebte Kunst. Selten hatten wir ein so starkes und vielseitiges – und auch einheimisches – Angebot von Filmen frei Haus; ganz im Sinne des Schriftstellers und Philosophen Walter Benjamin, der schon vor 100 Jahren kühn voraussagte, dass dereinst die Kultur zu Hause aus den Leitungen fliessen wird.

Im Kontext dieses digitalen Neulands steht auch unsere Online-Edition «filmo», die seit dem letzten Sommer bereits 59 Schlüsselwerke des Schweizer Films digitalisiert hat und rund um die Uhr fürs Heimkino zur Verfügung stellt. Die aktuelle filmo-Staffel übrigens ist auch vom Ferienfieber gepackt und lädt auf filmische Reisen quer durch die Schweiz und Europa ein – per Autostopp, per Nachtbus oder per pedes. Ferien verlängern – auch das kann Schweizer Film.

Anita Hugi ist Direktorin der Solothurner Filmtage

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