Entlastungsdienst für Familien mit Behinderten

Bedeutet der Spardruck das Ende für den Entlastungsdienst?

Engagiert: Heidi von Siebenthal (r., Geschäftsführerin EFG-ED) und Ruth Stampfli (Sekretariat).

Engagiert: Heidi von Siebenthal (r., Geschäftsführerin EFG-ED) und Ruth Stampfli (Sekretariat).

Ende Jahr droht das Aus für den Verein «Einsatz für die Gesellschaft und Entlastungsdienst für Familien mit Behinderten». Ausser es findet sich bald ein Geldgeber, welcher den Verein unterstützt.

Noch bieten sie Familien und Einzelpersonen aller Altersgruppen unkompliziert ihre Hilfe an. Sei dies bei der alltäglichen Arbeit in Haus und Garten oder bei der Betreuung von Kindern und Erwachsenen.

Die Rede ist von den kantonsweit rund 100 Mitarbeitenden des Vereins mit dem Namen EFG-ED. Ausgeschrieben bedeutet dies: Einsatz für die Gesellschaft und Entlastungsdienst für Familien mit Behinderten.

«Wir machen alles, was Familienangehörige tun und springen ein, wenn sie Unterstützung brauchen.» Damit umschreibt Geschäftsführerin Heidi von Siebenthal das breite Aufgabenfeld.

Seit 1977 ist der Verein aktiv. Zu Beginn im Rahmen von Freiwilligenarbeit, seit vielen Jahren erbringt er seine Dienste zu günstigen Tarifen. Jetzt steht er vor dem Aus – wenn sich nicht demnächst ein Geldgeber findet.

Spardruck der öffentlichen Hand

Heidi von Siebenthal spricht Klartext: «Um unsere Dienstleistungen aufrechterhalten zu können, brauchen wir mindestens 100 000 Franken, garantiert auf drei Jahre.» Nur mit dieser Finanzspritze könnten die Löhne aller sechs mit der Organisation betrauten Mitarbeiterinnen gesichert werden.

Insgesamt teilen sich diese 200 Stellenprozente. «Bis Sommer muss sich eine Lösung abzeichnen, sonst müssen wir eine Überführung der Klienten und Mitarbeitenden in andere Institutionen anstreben.»

Weshalb aber hat der Verein gerade jetzt mit finanziellen Engpässen zu kämpfen? «Wir spüren den Spardruck der öffentlichen Hand», sagt die Geschäftsführerin. Neben Mitgliederbeiträgen und Spenden lebt der Verein von freiwilligen Beiträgen der Gemeinden, die diese in einen Pool einzahlen, der vom Verein Sozial- und Gesundheitsorganisationen Kanton Solothurn (SAGIF) verwaltet wird.

Aufgrund der prekären Finanzlage haben etliche Gemeinden ihre Beiträge gekürzt oder gleich ganz aufgekündigt. Aus dem gleichen Grund streicht so manche Gemeinde aus ihren Budgets auch darüber hinausgehende Spenden an den Verein.

Kein Geld gibts vom Kanton. Jedenfalls nicht mehr. In den letzten Jahren noch hat der Verein auf ein entsprechendes Gesuch hin einen Beitrag aus der Bettagskollekte und dem Schläfli-Fonds erhalten.

Zerschlagen hat sich auch die Hoffnung der gemeinnützigen Organisation auf eine Leistungsvereinbarung mit dem Kanton – und damit auf eine gesicherte finanzielle Zukunft (siehe dazu auch den Text unten).

Neben den spärlicher fliessenden Geldern der öffentlichen Hand muss der Verein EFG-ED ab diesem Jahr zudem auf eine grössere – als Defizitgarantie gedachte – Spende verzichten.

Professionalisierung eingeleitet

Für Heidi von Siebenthal und auch für Ruth Stampfli, die das Sekretariat der Geschäftsstelle in Solothurn betreut, droht das Aus zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. «Gerade jetzt läuft der Betrieb so richtig an», betonen die beiden Front-Frauen.

Mit den Geldern des Kantons hat der Verein, dessen Wurzeln in der Nachbarschaftshilfe liegen, eine Professionalisierung eingeleitet. «Wir haben in den letzten beiden Jahren eine Datenbank aufgebaut und ein Buchhaltungssystem installiert,» hält Ruth Stampfli nicht ohne Stolz fest.

Früchte trage zudem eine bessere Vernetzung mit den sozialen Institutionen, also den Sozialämtern, der Spitex, der Krebs- und Lungenliga sowie der Pro Infirmis. Allein im letzten Jahr sei die Zahl der Klienten von 199 auf 237 gestiegen. Heidi von Siebenthal: «Ein grosses Bedürfnis nach unseren Dienstleistungen stellen wir gerade auch bei Menschen fest, die einen Anspruch auf Leistungen der IV haben.»

Bekannter geworden sei das Angebot des Vereins auch durch verstärkte Anstrengungen für die Werbung, stellt Ruth Stampfli fest. Noch gibt es allerdings eine Menge zu tun. «Unser schmales Budget bedeutet, dass die regionalen Vermittlungsdienste nur während weniger Stunden pro Woche erreichbar sind», so Stampfli.

Wichtige soziale Funktion

«Wir geben nicht so schnell auf», meinen die beiden Frauen kämpferisch. Sie sind überzeugt davon, dass es ihren Verein auch künftig braucht, gerade in einer Gesellschaft, in der die ambulante Betreuung betagter Menschen immer wichtiger wird. Das Angebot des Entlastungsdienstes sei dabei, so Stampfli, in seiner Art einzigartig. «Wir begleiten Familien mit Neugeborenen genauso wie Betagte oder auch Menschen mit einer Behinderung.»

Beliebt bei der Kundschaft und den vermittelnden sozialen Institutionen ist die Bereitschaft des Vereins, nur stundenweise Einsätze zu leisten. Dies, obwohl der dafür nötige Aufwand sich nicht wirklich rechnet, weiss Heidi von Siebenthal. Oft begleiten Mitarbeitende des Entlastungsdienstes ihre Klienten auch über einen längeren Zeitraum und während mehrerer Stunden pro Woche. In Einzelfällen zieht sich das Engagement über Jahre hinweg.

Neben Mitarbeitenden mit einer spezifischen Ausbildung sind für den Entlastungsdienst auch viele Laien tätig. Heidi von Siebenthal. «Bei uns arbeiten zum Beispiel Familienfrauen, die sich stundenweise für die Gesellschaft engagieren und ein kleines Zubrot verdienen wollen.» Beliebt sei der Entlastungsdienst bei Stellensuchenden, die einem Zwischenverdienst nachgehen. Und: «Immer wieder sind wir eine Art Sprungbrett für Menschen, die sonst zwischen Stuhl und Bank fallen», sagt die Geschäftsführerin.

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