«Projekt Alp»

Bauernhof statt Klinik: Die Berner Institution möchte in Solothurn Fuss fassen – bisher erfolglos

Auf den Hof statt in die Klinik: Das Berner Projekt Alp ist im Solothurnischen noch kaum bekannt.

Auf den Hof statt in die Klinik: Das Berner Projekt Alp ist im Solothurnischen noch kaum bekannt.

Beim Projekt Alp können Menschen in schwierigen Lebenssituationen für eine Zeit auf einem Bauernhof leben und arbeiten. Die Arbeit in der Natur und der geregelte Alltag sollen ihnen genug Halt geben, bis sie wieder auf eigenen Beinen stehen können. Gründer Ruedi Beiner erklärt, wie er auf die Idee für das Projekt kam, und wieso das Angebot im Kanton Solothurn bisher kaum auf Anklang stiess.

Ruedi Beiner ist der Mann hinter dem Projekt Alp. Der Sozialpädagoge gründete die Institution vor über 20 Jahren. Wir treffen den 57-jährigen Berner im Restaurant Toi et moi, direkt vor dem Berner Bahnhof. Zurückgelehnt sitzt er auf dem Sofa, eine Tasse Tee vor sich. Er hat viel zu erzählen, eine Stunde später steht der Tee unberührt vor ihm, mittlerweile kalt geworden.

Statt in die Klinik oder in ein Pflegeheim sollen Menschen mit Schwierigkeiten auf den Bauernhof. Wie kamen Sie auf die Idee?

Ruedi Beiner: 1994 kam ich nach einem längeren Auslandaufenthalt in die Schweiz zurück. Ich hatte keinen Job, keine Wohnung. Aber ich wusste, dass ich auf einem Alpbetrieb arbeiten wollte. Die Abgeschiedenheit, die Intensität: Das hat mich gereizt. Also habe ich es gemacht. Ich hatte Kühe, habe sogar selber Käse gemacht – ein Bauer hat mir gezeigt wie. Verdient habe ich rund 2500 Franken, das war damals schon wenig. Da dachte ich mir: Ich könnte doch einen Pflegeplatz anbieten. Ich kam an meinen ersten Klienten, jemanden aus dem Suchtmittelbereich. Jede Woche ging ich für ihn Methadon aus der Apotheke abholen. Und obwohl die Zeit sehr intensiv war: Sie gab auch sehr viel Energie zurück. Die Arbeit auf der Alp hatte etwas Gesundes, Heilendes. Und auch der Person, die mit mir da war, ging es so, das habe ich gespürt. So hat das Ganze angefangen.

Das Projekt Alp ist seither zu einem kleinen Unternehmen mit 14 Mitarbeitern geworden. Über 60 Bauernfamilien, die Personen bei sich aufnehmen, machen mit. Insgesamt 36 Pflegeplätze bieten Sie an. Haben Sie damit gerechnet, dass Sie einmal so gross werden würden?

Nein. Das hat sich durch die grosse Nachfrage so entwickelt. Viele Gastfamilien wollten mitmachen, die Plätze waren begehrt. Also mussten wir unsere Administration ausbauen. Damit diese Stellen rentabel waren, mussten wir wiederum wachsen. Und wachsen wollen wir immer noch. Wir haben eine Auslastung von über 90 Prozent, wir können nicht alle Anfragen erfüllen.

Wachsen wollen Sie auch im Kanton Solothurn. Doch erst eine einzige Gastfamilie aus dem Solothurnischen macht mit. Wieso klappt es hier nicht?

Seit drei Jahren versuchen wir, in Solothurn Fuss zu fassen. Wir haben einige Anstrengungen unternommen. Etwa zusammen mit dem Bauernverband und Frauenvereinen. Und wir haben unser Projekt an Treffen von Bauern vorgestellt. Das Interesse von Familien war aber bisher relativ gering. Erklären kann ich mir das nicht, ich kann höchstens fantasieren. Vielleicht ist diese Art von Arbeit in Bern stärker verankert als in Solothurn. Vielleicht sind wir auch einfach noch zu wenig bekannt, Mund-zu-Mund-Propaganda ist in unserem Bereich besonders wichtig. Und natürlich ist die Arbeit auch fordernd, das ist nicht zu unterschätzen.

Was muss eine Gastfamilie denn alles mitbringen?

Das ist unterschiedlich. Sie müssen etwa ein eigenes Zimmer mit Mobiliar haben, Zugang zu sanitären Anlagen, solche Sachen. Dann gibt es aber auch weiche Kriterien. Was für Erfahrungen hat die Familie bisher gemacht? Vieles läuft hier über die Gefühlsebene. Hat die Familie Zugang zu solchen Themen? Hat sie Verständnis für jemanden in einer Krise? Hat sie ein «Gspüri» für die? Das versuchen wir herauszufinden. Für uns ist es wichtig, dass wir eine breite Auswahl an Familien haben. Bei uns machen klassische Milchwirtschaftsbetriebe mit, dort wird gemolken und geheut. Aber auch Bio-Betriebe, wo Gemüse und Kräuter angebaut werden. Wir haben junge Familien mit Kleinkindern, ältere mit erwachsenen Kindern. Wir versuchen herauszufinden, zu welcher Art von Familie der Gast möglichst gut passen würde. Und wir berücksichtigen seine Wünsche.

Wenn Sie eine Gastfamilie gefunden haben: Wie läuft die Vermittlung dann konkret ab?

Zuerst: Die Klienten sind in der akuten Phase nicht bei uns. Der Entzug passiert in der Klinik. Oder Menschen mit psychischen Problemen: In der akuten Phase sind sie in der Klinik. Erst danach kommen sie in die Familien. Denn diese Menschen müssen für die Familien tragbar sein. Das klären wir bei einem Vorstellungsgespräch ab. Dann gehen wir mit dem Klienten bei der Familie vorbei, es gibt ein Gespräch, eine Besichtigung. Beide haben das Recht zu sagen, ob es passt oder nicht. Einen Aufnahmezwang gibt es nicht. So machen auch Gastfamilien bei uns mit, die einen Klienten haben, dann während Monaten pausieren, bevor sie wieder jemanden aufnehmen. Bei einem Aufenthalt finden wöchentlich Gespräche mit einer Fachperson von uns statt. Beide Parteien können jederzeit sagen, wenn es nicht mehr gehen sollte.

Jemanden in einer Krise in seine Familie hineinzulassen: Die Vorstellung kann abschreckend sein.

Ja. Deshalb erzählen wir einer Familie, die sich bewirbt, was auf sie zukommen könnte. Es ist aber auch immer gut, wenn sich die Familien untereinander austauschen: Wie machen es andere am Mittagstisch? Wie grenzen sie sich ab, wenn sie in der Familie persönliche Dinge besprechen wollen? Oder was machen sie, wenn sie am Wochenende Mal weg wollen? Wichtig ist: Dabei werden sie von uns unterstützt. Die Familien müssen keine Entscheide fällen, etwa ob ein Gast am Wochenende nach Hause darf. Wir versuchen mögliche Konflikte so früh die möglich anzusprechen und zu entschärfen. Schliesslich ist es aber auch nichts Spektakuläres. Die Menschen haben persönliche Krisen, das muss man wissen. Die Leute kommen zu uns, weil sie etwas mehr Unterstützung brauchen. Und hier kann der familiäre Rahmen auf dem Land eine gesunde Alternative zu anderen Einrichtungen sein.

Und wer bezahlt das Ganze?

Das kommt darauf an, woher die Leute kommen. Das können etwa Sozialdienste sein. Wenn der Aufenthalt der Klienten eine angeordnete Massnahme ist, bezahlt die Behörde, die die Massnahme angeordnet hat. Also die Justiz, oder Jugendgerichte, oder die Kesb. Rund 200 Franken kostet ein Tag, etwas weniger als die Hälfte davon geht an die Familien. Mit dem Rest decken wir unsere Kosten. Wir sind als gemeinnützige Aktiengesellschaft organisiert, die keinen Profit machen darf.

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