Lehrplan 21

Annehmen oder ablehnen? Das grosse Streitgespräch zwischen Befürworterin und Gegner der Initiative

Nicole Hirt und Mathias Stricker

Nicole Hirt und Mathias Stricker

Am 21. Mai stimmen die Solothurner an der Urne über den Lehrplan 21 ab. Ein Thema, das nicht nur Lehrer betrifft, sondern auch gesellschaftspolitisch brisant ist. Das zeigt das Streitgespräch zwischen den Lehrern – und Politikern – Nicole Hirt und Mathias Stricker.

Mathias Stricker, wir haben ein Bildungssystem, auf das wir Schweizer extrem Stolz sind. Warum muss man an diesem schrauben?

Mathias Stricker: Wir schrauben nicht an diesem System, wir machen mit dem Lehrplan 21 auch keine Revolution, wie es die Gegner behaupten. Eine Revolution haben wir 1992 gemacht, als der jetzige Lehrplan in Kraft gesetzt wurde. Das war eine grosse Umstellung. Jetzt machen wir eine Weiterentwicklung. 1992 funktionierte die Welt noch etwas anders. Es ist eigentlich ganz natürlich, dass man eine Betriebsanleitung nach über 20 Jahren mal auf den neusten Stand bringen muss.

Nicole Hirt, Sie sind in einer Partei, die progressiv und nahe bei der Wirtschaft sein möchte. Jetzt aber stimmen die Solothurner GLP-Kantonsräte zusammen mit der SVP gegen diesen Lehrplan. Warum?

Nicole Hirt: Es sind nicht nur GLP- und SVP-Kantonsräte dabei, sondern auch von der CVP und der EVP. Warum ich dagegen bin: Den Lehrplan 92 konnte jeder verstehen. Den Lehrplan 21 kann auch ein Ingenieur zwei mal lesen und er versteht ihn nicht. Er ist zu kompliziert. Ein Lehrplan muss aber von allen gelesen werden können. Das ist der erste Grund.

Stricker: Die Lehrer können ihn lesen, sie müssen ihn ja in erster Linie verstehen können. Es ist ein Planungsinstrument für uns. Ich kann schauen, wie ich meinen Unterricht vorbereiten soll.

Hirt: Mein zweiter Grund gegen den Lehrplan 21: Es soll für die Leute mit dem Lehrplan 21 angeblich einfacher werden, von einem Kanton in den anderen umzuziehen. Das ist aber nicht wahr. Wir wissen alle, dass es eine grosse Problematik mit den Fremdsprachen gibt. Der eine Kanton fängt zuerst mit Englisch an, der andere zuerst mit Französisch. Der Lehrplan bringt die versprochene Harmonisierung nicht.

Mathias Stricker, wenn ich Kinder habe und demnächst umziehen möchte, muss ich dann für diesen Lehrplan sein oder muss ich dagegen sein?

Stricker: Den Kindern zuliebe muss man für den Lehrplan sein. Die Harmonisierungsfrage ist aber nicht ganz so einfach, wie dies Nicole Hirt darstellt. Wir haben heute eine riesige Vielfalt von Lehrplänen in den Deutschschweizer Kantonen. Die Harmonisierung hatte das Ziel, die Bildungspläne in der Deutschschweiz zu vereinheitlichen, und das haben wir mit dem Lehrplan 21 nun gemacht, etwa in den Fächern Deutsch, Mathe, Naturwissenschaften, Sport, Musik, Werken, Informatische Bildung, usw. Der Lehrplan 21 hatte nicht den Auftrag, die Reihenfolge der Fremdsprachen zu regeln. Der Lehrplan 21 hält fest, dass nach der obligatorischen Schulzeit alle in zwei Fremdsprachen die gleichen Ziele erreichen.

Solothurn beginnt mit Französisch, der Aargau mit Englisch.

Stricker: Es ist Fakt, dass wir einen regionalen Unterschied haben in der Schweiz. Wir haben die Kantone Basel, Solothurn, Freiburg, Wallis und Bern als Brückenkantone, die logischerweise mit Französisch anfangen. Hingegen wird in der Ost- und Zentralschweiz Englisch zuerst unterrichtet. Wenn wir den Lehrplan 21 nicht einführen, haben wir diese Schwierigkeit auch nicht gelöst. Aber der Rest der Fächer wird immerhin harmonisiert. Das ist ein grosser Schritt.

Hirt: Wir haben schon jetzt Kantone die trotz Lehrplan 21 ganz anders fahren. Basel etwa. Es gibt dort auch mit dem Lehrplan 21 Physik, Chemie und Biologie, anders als bei uns, wo diese drei Fächer zu einem zusammengelegt sind. Also ich frage mich, wo da die Harmonisierung ist. Ich glaube, in einem Land wie der Schweiz ist eine vollständige Harmonisierung gar nicht möglich und ich frage mich, ob das überhaupt Sinn macht.

Stricker: Wir haben einen grossen Teil harmonisiert. Dass man gewisse kantonsspezifische Traditionen trotzdem aufrechterhält, das ist schweizerische Tradition.

Nicole Hirt, was haben Sie gegen die Harmonisierung?

Hirt: Ich bin für eine Harmonisierung, aber mit dem Lehrplan 21 funktioniert das nicht. Was ich mir gewünscht hätte, ist, dass man aus allen Lehrplänen das beste nimmt und daraus einen neuen Lehrplan macht, der für alle gültig ist. Jetzt hat man aber mit dem Lehrplan 21 eine neue Denkweise erschaffen, die auf Kompetenzorientierung und selbstorganisiertem Lernen basiert. Man wird versuchen, durch den Lehrplan 21 Menschen wirtschaftstauglich zu machen. Ich bin eine Lehrperson, die aus den Kindern, die zu mir in die Schule kommen, in erster Linie Persönlichkeiten machen will, nicht in erster Linie Berufsleute.

Mathias Stricker, möchten Sie als Lehre nicht auch Kinder zu Persönlichkeiten erziehen?

Stricker: Eigentlich wollen wir ja das gleiche. Auch der Lehrplan 21 will Kinder zu mündigen Leuten erziehen, die fähig sind, ihr Leben selbständig zu bestreiten. Das Rad wird nicht neu erfunden. Auch im Lehrplan 92 hat es bereits kompetenzorientierte Ansätze. Zum Beispiel bei den didaktischen Grundlagen ist beschrieben, dass Kinder möglichst bald selbstautonom lernen sollen, um sie selbständiger zu machen.

Nicole Hirt, wir können heute das Handy nehmen, wir können alles Wissen innert Sekunden googlen. Warum ist es nicht in Ordnung, dass Kompetenzen im Vordergrund stehen?

Hirt: Kompetenzorientierung, das ist wie wenn ein Betrieb eine neue Maschine kauft. es aber keine Anleitung für die Mitarbeiter gibt. Der Chef sagt nur zum Arbeiter: «Geht mal schauen, wie diese funktioniert, probiert sie aus.» Irgendwann findet er es auch heraus. Und so wird es in der Schule passieren. Einige werden das schaffen, klar. Aber die meisten brauchen weiterhin eine Anleitung. Und das ist unsere grosse Kritik. Wir haben nichts gegen Kompetenzen. Aber bis man Kompetenzen erreicht, braucht es von der Lehrperson eine Begleitung. Gerade im Kindergarten und in der Primarschule ist die Beziehung zur Lehrperson sehr wichtig, und wir haben das Gefühl, mit der Kompetenzorientierung und dem selbstorganisierten Lernen ist der Lehrer einfach der, der vorne am Bildschirm sitzt, die Kinder machen selbst etwas. Wir haben auch viele schwache Kinder, die hier auf der Strecke bleiben. Für gute Kinder, da bin ich einverstanden, ist der Lehrplan 21 eine gute Sache. Bei den anderen werden sich Nachhilfeinstitutionen die Hände reiben.

Stricker: Das ist sehr plakativ. Der Lehrplan 21 setzt darauf, dass man das, was man lernt, auch versteht. Es ist heute oft so, dass Themen behandelt und erledigt sind, aber nicht wirklich verstanden. Auch künftig werden Instruktion und Frontalunterricht ein Thema sein. Es geht darum, dass man im Unterricht mit Möglichkeiten arbeitet, die zum selbstständigen Denken anregen. Was glaubst du, welche Kinder einen Rechnungsweg besser verstanden haben: Diejenigen, denen ich es vorgerechnet habe oder diejenigen, welche gewisse Strategien selber herausgefunden haben? Und auch schwächere Kinder können das.

Hirt: Das braucht Zeit und gerade mit den Früh-Fremdsprachen fehlt diese. Wenn wir endlos Zeit hätten, wäre ich einverstanden.

Stricker: Es ist ja nicht die Idee, dass man ständig so arbeitet. Ich als Lehrer kann noch immer entscheiden: Mache ich Frontalunterricht, mache ich Planarbeit, ermögliche ich selbstgesteuertes Arbeiten. Es ist unser Beruf, zu entscheiden, was, wann, wie Sinn macht.

Hirt: Andere Länder, die die Kompetenzorientierung schon vor Jahren eingeführt haben, sind gescheitert. Warum müssen wir einen Lehrplan einführen, der anderswo gescheitert ist?
Stricker: Die Kompetenzorientierung ist eine Geschichte, die je nach Land ganz unterschiedlich umgesetzt wird. Die USA ist ein klassisches Beispiel. Da bekommen Schulen, die in Tests besser abgeschlossen haben, mehr Geld. Da wurde unter dem Stichwort Kompetenzorientierung nur noch auf diese Test gelernt.

Nicole Hirt hat gesagt, dass die schwächeren Schüler abgehängt werden. Mathias Stricker, haben Sie da keine Bedenken?

Stricker: Nein, der Lehrplan 21 trägt diesen Bedenken Rechnung. Er beschreibt die Kompetenzstufen in verschiedenen Zyklen. Ein Kind steht hier und arbeitet da weiter. Ein anderes Kind steht anderswo und arbeitet dort weiter. Die 7Gs, die sich Nicole Hirt vorstellt, sind nicht die Realität. Ihre Idee: alle Kinder im gleichen Alter, arbeiten zur gleichen Zeit mit der gleichen Lehrperson im gleichen Tempo mit der gleichen Methode an gleichen Lernzielen oder an gleichen Inhalten. Die Realität ist: Ich habe in der gleichen Klasse mit dem gleichen Jahrgang einen Unterschied von 3 bis 4 Jahren. Es kann da nicht sein, dass alle auf dem gleichen Niveau arbeiten.

Hirt: Das ist eine weitere Kritik von uns. Man hat keine Jahrgangsziele mehr. Man hat nur noch drei Zyklen, zwei Jahre Kindergarten und die 1./2. Klasse sind der erste Zyklus. In diesem Zyklus sind die Kinder unterschiedlich weit. Wie kann man umziehen, wenn die Kinder am Ende eines Jahres nicht mehr gleich weit sein müssen?

Stricker: Die Kinder sind jetzt schon unterschiedlich weit. In meiner Klasse habe ich vom Niveau her manchmal 3 bis 4 Jahrgänge. Man muss die Schüler dort abholen, wo sie sind. Wenn ein Kind von einer 4. Klasse in eine andere 4. Klasse in einem anderen Kanton wechselt, wird es auch da abgeholt, wo es steht.

Ich möchte auf den Lehrer zurückkommen. Die Gegner sagen, der Lehrer sei bloss noch Coach.

Stricker: Das Wort Coach wird von den Gegner oft verwendet. Ich kann das im Lehrplan 21 nicht ein einziges Mal finden. Was ist aber grundsätzlich schlecht an einem Coach? Der Fussballcoach betreut eine Mannschaft, er baut diese auf und begleitet sie. So verstehe ich auch meine Arbeit. Im Lehrplan 21 ist beschrieben, die zentrale Rolle der Lehrperson ist die Führung der Klasse, sie unterstützt die Kinder beim Lernen. Ich habe nicht Angst, dass der Lehrer plötzlich am Rand steht und nur noch in den PC schaut.

Nicole Hirt, wenn man den Lehrplan 21 annimmt, stehen noch die gleichen Lehrer in den Schulzimmern wie heute. Was sollte ändern?

Hirt: Also eigentlich möchte ich als Lehrperson auch wissen, was genau auf uns zukommt, wenn wir den Lehrplan 21 einführen. Das weiss im Moment niemand wirklich.

Ein Grossteil der Lehrer ist für den Lehrplan 21. Die Lehrerverbände unterstützen ihn. Ist es klug, wenn man sagt, wir wollen das nicht. Wir schreiben euch etwas anderes vor?

Hirt: 70 Prozent der Solothurner Lehrer sagten in einer Umfrage Ja und 30 Prozent Nein. Die Umfrage des Lehrerverbandes beinhaltete aber nur eine Frage: Seid ihr für die Einführung des Lehrplanes 21 oder nicht? Zu diesem Zeitpunkt, als die Umfrage startete, haben die meisten Lehrpersonen den Lehrplan 21 noch nicht gelesen.

Das heisst, die Lehrer haben Ja gesagt ohne zu wissen, über was sie abstimmen?

Stricker: Natürlich nicht. Das Thema neuer Lehrplan entstand bereits 2004. Seither ist man an dem Thema dran. Es heisst von den Gegnern, irgendwelche Bildungsbürokraten hätten diesen entwickelt. Das ist nicht so. Da haben zig Lehrpersonen aktiv in der Praxis mitgearbeitet. Einen ersten Entwurf haben wir von den Lehrerverbänden kritisiert. Er musste noch verbessert werden und das wurde gemacht. Er ist beispielsweise um 20 Prozent entschlackt worden. Wir finden, dass wir jetzt damit arbeiten können.

Hirt: Der Lehrplan ist nicht von uns Lehrern oder vom Lehrerverband, das ist eine Sache der Erziehungsdirektoren. Diese wurden wiederum beauftragt von der OECD, das ist eine weltweit vernetzte Wirtschaftsorganisation, die dafür sorgt, dass alle Schüler gemessen werden können. Das ist ein weiterer Kritikpunkt von uns. Man macht Test, und bei den vielen Checks, die wir dann machen müssen oder jetzt schon machen, passiert genau das Teaching to the test. Du weisst, was an diesen Tests kommt und bereites deine Schüler genau darauf vor. Ich sehe den Sinn nicht darin.

Stricker: Das passiert nicht. Die Checks, die wir machen, haben keine Noten zur Folge. Sie sind nicht selektionswirksam.

Was passiert, wenn die Initiative am 21. Mai abgelehnt wird?

Stricker: Der Kanton Solothurn wird extrem isoliert sein. In zwei Kantonen läuft der Lehrplan 21 schon. Im 2018 soll er in den meisten Kantonen laufen. Wenn wir den Lehrplan ablehnen, dann haben wir eine isolierte Solothurner Lösung. Dann müssten wir eigene Lehrmittel und einen eigenen Lehrplan entwickeln. Das kostet viel Geld.

Hirt: Ist das schlimm, wenn wir alleine da stehen? Wir haben weltweit eines der besten Bildungssysteme – ohne Lehrplan 21. Ich sehe keine Notwendigkeit, warum man das ändern muss. Wir haben immer noch einen gültigen Lehrplan, der angepasst werden kann. Das kostet einiges weniger als der Lehrplan 21. Dann sind wir zwar alleine, es könnte aber auch dazu führen, dass es einen Standortvorteil gibt und Leute in angrenzenden Kantone sagen: Die fahren nach dem alten System, dort sind unsere Kinder gut aufgehoben.

Zum Schluss: Wie haben Sie eigentlich Ihre Schulzeit erlebt?

Stricker: Ich ging gerne zur Schule. Das hatte viel mit den Lehrpersonen zu tun. Das ist ja schliesslich eine Beziehungssache. Da wo man das Gefühl hat, man ist willkommen, da geht man auch gerne hin. Ich kann mich konkret an ein Projekt in der 3./4. Klasse erinnern, wo wir ein Puppentheater gemacht haben. Die Lehrperson hat es geschafft, jedem Kind eine wichtige Aufgabe zu geben, sei es im Kulissenbau oder etwa beim Schreiben der Einladungen. Das war eigentlich schon eine kompetenzorientierte Anwendung.

Hirt: Ich bin sehr gerne in die Schule gegangen und habe gute Erlebnisse gehabt. Ich war immer die Buchhalterin der Klasse, die genau wusste, wie viele Stunden es noch bis zu den nächsten Ferien geht. Ein schlimmes Erlebnis war, als ich mal krank gewesen bin. Da durfte ich am nächsten Tag nicht mit auf die Schulreise. Ich habe alles probiert, damit das Fieberthermometer nicht mehr als 37 Grad anzeigte. Aber meine Mutter hatte dies durchschaut. Heute verstehe ich nicht, wenn die Schüler sagen «Was auf die Schulreise. Nein, wir gehen viel lieber in die Schule».

Das hier wiedergegebene Gespräch ist die Aufzeichnung eines Streitgespräches, das Nicole Hirt und Mathias Stricker unter Moderation dieser Zeitung kürzlich in Grenchen hielten. Mitarbeit: Daniela Bernasconi

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