Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt
Ein Wasserplausch endet im Spital – einfach dumm gelaufen oder fahrlässige Körperverletzung?

Es waren wohl der eine oder andere Drink zu viel und vielleicht auch etwas zu viel Druck auf den Gashebel im Spiel. Was im August 2018 bloss ein Sommerplausch auf der Aare sein sollte, muss jedenfalls jetzt vom Gericht beurteilt werden.

Ornella Miller
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Mit etwas zu viel Druck auf dem Gashebel kann ein Bootsplausch schnell gefährlich werden (Symbolbild).

Mit etwas zu viel Druck auf dem Gashebel kann ein Bootsplausch schnell gefährlich werden (Symbolbild).

Hanspeter Bärtschi

Am 1. August 2018 kam es bei einer Vergnügungsfahrt auf der Aare in Zuchwil zu einem Unglück, als ein Motorboot einen aufblasbaren Schwimmring hinter sich herzog, der bei einem Wendemanöver mit der Uferböschung kollidierte. Der damals etwas über 30-jährige Franz K. (Namen geändert) erlitt im Schwimmring liegend schwere Verletzungen wie Brüche an Wirbelkörper, Fuss und rechter Hand.

Weil zwei mutmasslich Verantwortliche – der Fahrer sowie der mitfahrende Bootsbesitzer – den Strafbefehl nicht akzeptierten, kam es zur Verhandlung vor dem Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt.
Die erfahrenen Bootsfahrer mit Schiffsführerausweis sind vor allem der fahrlässigen schweren Körperverletzung beschuldigt, aber auch des «verbotenen Befahrens mit Wasserskis oder ähnlichen Geräten auf Fliessgewässern». Der Fahrer zudem, weil er mit zu hoher Geschwindigkeit und betrunken gefahren sein soll.

Bier und Wodka in der Uferbar

Damals waren fünf teils miteinander befreundete Schweizer Personen aus dem Kanton Aargau vom Bootshafen Solothurn aus gestartet und peilten eine Bar am Ufer von Solothurn an, wo sie etwas assen und Bier und Wodka konsumierten. Sie setzten die Fahrt fort, am Steuer war der jetzt knapp 30-jährige Paul R.

Der 20 Jahre ältere Besitzer des Boots Nils B. legte sich in den Tube (Schwimmring), den er und Paul zuvor am Boot befestigt hatten und der ihm selber gehörte. Das 14 Meter lange Seil war in der Mitte – unerlaubterweise – elastisch. Paul fuhr geradeaus. Dann legte sich Franz an Stelle von Nils in den Ring.

Paul fuhr an, wendete bald etwas ab, der Ring schlitterte und schlug um 13 Uhr auf der Uferböschung auf. Franz verletzte sich schwer, er konnte nicht stehen, der Rücken schmerzte. Paul sprang ins Wasser, um ihn zu stützen. Die Rettungskräfte wurden gerufen.

Wasserplausch endet im Paraplegikerzentrum

Franz verbrachte in der Folge mehrere Monate im Paraplegikerzentrum. Auch jetzt müsse er dreimal pro Woche zur Stabilisierung zur Physiotherapie. Auch eine monatliche Massage sei nötig. Zwar habe er keine körperlichen Einschränkungen mehr und treibe auch Sport, gab Franz Auskunft, aber er habe Angst vor Beschleunigung und könne deshalb etwa nicht snowboarden. Zudem sei er wegen des Unfalls immer noch in Psychotherapie.

Für die Verantwortlichkeitsfrage wurden an der Verhandlung mehrere Punkte thematisiert, etwa jene: Wer trank wie viel? Wer hatte die Idee, den Tube anzuhängen und darin zu liegen? Wer hatte die Idee zur Bootsausfahrt? Instruierte Niels zu Dingen wie Geschwindigkeit? Wie schnell war Paul unterwegs?

Fand der Bootsausflug als eine geführte Tour statt? Denn der Bootsbesitzer Niels bietet nebenerwerblich verschiedenste Ausflüge mit Wasserfahrzeugen an und auch bei dieser Fahrt mussten die vier Mitfahrenden 50 Franken bezahlen. Schlug Franz im Ring liegend auf oder fiel er schon vorher heraus? Welche Erfahrungen mit Booten hatte Steuermann Paul?

Vieles bleibt im Unklaren

Obwohl auch zwei mitfahrende Zeugen aussagten, gab es zu vielen Punkten keine Klarheit. Die beiden Zeugen wussten vieles nicht oder sagten: «Das kann ich Ihnen nicht sagen.» Die Idee, den Tube anzuhängen, da gaben sich Paul und Nils gegenseitig die Schuld.

Merkwürdig war, dass der eine Zeuge mehr als ein Jahr nach dem Unfall auf einen Tipp hin von Franz ein Schreiben zum Unfallablauf verfasste, dies kurz nach der Einvernahme der Beschuldigten durch den Staatsanwalt. Ebenso, dass Franz’ Anwalt Daniel Buchser erst am Prozesstag ein Foto der angeblich konsumierten Getränke präsentierte.

Buchser sagte vor Gericht, dass Paul schneller als die erlaubten 15 Stundenkilometer gefahren sein müsse, damit der Ring sich so erhob, dass er wie ein «Schieferstein» übers Wasser glitt, nämlich doppelt so schnell. Die Idee mit dem Tube stamme von Niels. Dieser sei verantwortlicher am Ganzen, da er ein Profi sei. Er hätte Paul instruieren müssen.

Pauls Anwalt Kenad Melunovic Marini argumentierte, es könne physikalisch nicht sein, dass Paul zu schnell gefahren sei. Und für ihn sei nicht voraussehbar gewesen, dass der Ring am Ufer aufschlagen und sich Franz verletzen werde. Er habe zudem auf Niels vertrauen dürfen, dass der Tube richtig befestigt sei.

Er forderte für Paul einen Freispruch. Verteidiger Markus Härdi forderte für Niels ebenfalls einen Freispruch. Er hob hervor, dass die Bootsfahrt nicht im Rahmen einer geführten Tour stattgefunden habe, Franz habe «keinen Einfluss auf das Programm» gehabt. Paul sei der Schiffsführer gewesen, Franz habe keine Sorgfaltspflicht gehabt. Er zweifelte zudem an der Schwere der Körperverletzung.