Corona im Alltag

Abstand halten ist die goldene Regel - aber was, wenn es berufsbedingt nicht geht?

Die Baustelle der Kosmetikerin ist das menschliche Gesicht. Wie schützt man sich gegenseitig vor dem Corona-Virus?

Die Baustelle der Kosmetikerin ist das menschliche Gesicht. Wie schützt man sich gegenseitig vor dem Corona-Virus?

Der Bundesrat empfiehlt wegen des Corona-Virus: Geht auf Distanz! Aber was, wenn man keine Wahl hat? Was, wenn man beruflich auf Tuchfühlung geht mit seinen Kunden? Wir haben uns umgehört bei Menschen, die mit und am Körper ihrer Kunden arbeiten. Von den Händen zum Kopf. Nah, hautnah am Menschen.

Abstand halten! Die Weisung des Bundesrates vom Mittwoch, 4. März, ist unmissverständlich. Und mit den neuen Verschärfungen vom Freitag, dem 13., wurden die Schutzmassnahmen sogar noch strenger: Wir sollen, wann immer möglich, einen Abstand von zwei Metern und mehr zu unseren Mitmenschen halten. Aber für viele geht das schlicht nicht. Berufsbedingt.

Anh Ngoac, Nageldesignerin, Olten

Eine Maske bei der Arbeit trug Nail-Designerin Anh Ngoac schon immer.

Eine Maske bei der Arbeit trug Nail-Designerin Anh Ngoac schon immer.

   

Der Geruch von Nagellack sticht in die Nase beim Betreten des Nagelsalons «Pro Nails.» Anh Ngoac ist über ihren Arbeitstisch gebeugt und hält die Finger ihrer Klientin zwischen den ihren. Sorgfältig streicht sie einen Pinsel über deren Nägeln. Die linke Hand hat sie schon gemacht: Diese verschwindet in einer futuristischen Flachröhre, die mit UV-Licht die Nägel trocknet. Anh Ngoac und ihre Mitarbeitenden tragen alle Gesichtsmasken.

Aber das machen diese Vietnamesen automatisch. Sie sind es gewohnt, maskierte Passanten zu kreuzen. Es ist Alltag in den Metropolen Ostasiens. Hier machen sie es aus Respekt gegenüber ihren Kunden, denen sie manchmal während einer Stunde sehr nahe kommen. Eigentlich ist das für die Verbreitung des Corona-Virus eine Horrorsituation: Zwei Personen, die sich länger als einer Viertelstunde gegenübersitzen, sich anatmen, Körperkontakt haben.

Trotz dieser potenziellen Risikosituation erlebt Anh Ngoac keine einschneidenden Veränderungen im Tagesgeschäft: «Man merkt schon, dass es etwas langsamer läuft. Aber es ist kein Riesenloch», sagt sie. Ihre Kundin, die ebenfalls einen Nagelsalon betreibt, erklärt: «Ich hatte keine einzige Absage.» Sie nervt sich darüber, dass in der Öffentlichkeit der gesunde Menschenverstand nicht mehr walte. Hygiene sei in ihrer Branche ein grosses Thema: Stolz zeigt deshalb auch ein Mitarbeiter von Ngoac ihre Reserve an Desinfektionsmittel. «Wir desinfizieren die Hände immer», erklärt er, bevor er zu seiner Kundin im vorderen Teil des Ladens zurückkehrt.

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Beim Verabschieden schütteln sich Ngoac und ihre Kundin mit den fixfertigen Nägeln die Hände nicht, sondern lachen sich stattdessen an. «Eigentlich gar nicht so schlimm, dass wir das nicht mehr ständig mit allen machen müssen», lacht die Kundin, bevor sie den Laden verlässt.

Stefan Wyler, Tätowierer, Solothurn

Stefan Wyler sticht direkt in die Haut ein. Entsprechend nimmt er angesichts der Krise zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen.

Stefan Wyler sticht direkt in die Haut ein. Entsprechend nimmt er angesichts der Krise zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen.

Das Surren der Nadel übertönt die Gitarrenriffs von Limp Bizkit. «Normalerweise läuft bei mir SRF3, aber ich konnte das Gerede vom Corona-Virus nicht mehr hören», sagt Stefan Wyler, während er sich über den Unterarm seines Kunden beugt. Über ein Auge in einer Sonne, darunter Tannen, Berge. Er trägt transparente Vinyl-Handschuhe, Fabian, sein Kunde, ist allergisch auf Latex.

Instrumente, Arbeitsfläche, Hände, Türfallen, selbst Lichtschalter – alles ist desinfiziert. «Nach jedem Kunden wird alles geputzt, manche Dinge werden auch während dem Stechen immer wieder desinfiziert», sagt Alexandra Wyler, Stefans Frau, die gute Seele im Laden («Was würde ich ohne sie machen?»). Noch. Denn langsam werden die Desinfektionsmittel knapp. Bis Ende März reichts sicher noch.

Sie sind Stammkunden bei der Bahnhofsapotheke. «Ich war sehr dankbar, als ich am Dienstag vorbeiging und sie eine Flasche und ein Spray mit Desinfektionsmittel für uns auf die Seite gestellt hatten», erinnert sich die 44-Jährige. Sie kümmert sich um das Drumherum, um die Buchhaltung, die Website und die Laufkundschaft, während ihr Mann oft drei, vier Stunden am Stück Tinte in die Haut seiner Kunden sticht. Es sei verdächtig ruhig geworden seit dieser Woche, sagt Alexandra. Kaum Kunden, die reinmarschieren, nur wenige Anrufe. Oder wenn, dann sinds Absagen. Allein am Donnerstag drei.

Stefan und Alexandra Wyler vor ihrem Shop in Solothurn.

Stefan und Alexandra Wyler vor ihrem Shop in Solothurn.

   

Obwohl sie selbst an Asthma leidet, sagt sie, fürchte sie sich nicht vor dem Virus, sondern vor seinen wirtschaftlichen Folgen. «Wer zahlt unsere Rechnungen, wenn das so weitergeht?» fragt sie. Als Selbstständige tragen sie das ganze Risiko, Kurzarbeit könnten sie nicht beantragen, das kann man nur für Angestellte und die gibt es bei «Art of Ink» nicht.

Auch deshalb haben sie ihre für April geplanten Tauch-Ferien in Ägypten abgeblasen. Was wenn sie nicht mehr zurückkämen? Oder in Quarantäne müssten? «Das Risiko ist zu gross, das können wir uns nicht leisten», sagt Stefan und zuckt mit den Schultern. So ist das nun mal.

Fatima Arm, Kosmetikerin, Solothurn

Fatima Arm bringt Wimpern-Extensions an. Seit wenigen Wochen trägt sie eine Maske.

Fatima Arm bringt Wimpern-Extensions an. Seit wenigen Wochen trägt sie eine Maske.

   

Tief beugt sich Fatima Arm über das Gesicht ihrer Kundin. Wimpern-Extensions, weit über eine Stunde sind sie Auge in Auge. Seit kurzem trägt die 28-jährige Kosmetikerin für solche und ähnliche Arbeiten einen Mundschutz. Aus Respekt gegenüber der Kundschaft, als weitere Massnahme im behördlich verordneten Ausnahmezustand. «Das Corona-Virus ist das Thema Nummer 1 unserer Kundschaft», sagt sie, während sie der Kundin Wimper für Wimper aufklebt.

Arm ist Geschäftsführerin des Kosmetikstudios «Art of Beauty Cosmetic». Die Situation ist für sie und ihre drei Angestellten nicht einfach. Nicht wegen der Hygiene. Die Vorschriften sind ohnehin hoch. Vor jeder Behandlung desinfizieren sie sich die Hände, auch die zu behandelnde Körperstelle. Noch haben sie Desinfektionsmittel an Lager. Aber: «Wir kriegen keinen Nachschub mehr», sagt Arm. Und was dann?

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Zuletzt hat sie öfters auch kurzfristige Absagen bekommen. «Aber nicht mehr als in anderen Jahren während der Grippesaison», sagt sie. Noch nicht. Denn natürlich verunsichert die Situation. Die Kunden, aber auch sie. Sie habe Kontakt mit ihrem Versicherungsberater aufgenommen. «Das Risiko auf Umsatzausfall kann man nicht versichern», weiss sie jetzt. Noch sind die Auswirkungen minim, aber erste Leerläufe gibt es. Erst letztes Wochenende wäre sie mit zwei Kolleginnen nach Düsseldorf an eine der grössten Beauty-Messen Europas gereist. Sie wurde auf September verschoben. Das Hotel konnte sie umbuchen. Kostenfrei. Die Flüge nicht. Die nicht angenommenen Termine am Samstag konnte sie auch nicht wettmachen so kurzfristig.

Noch hat sie finanzielle Reserven. Denn bis die Corona-Krise begann, lief das Geschäft sehr gut. Aber: «Was wenn wir plötzlich wegen einem Behördenbeschluss schliessen müssen?» Im Hintergrund läuft eine Spa-Relax-Playlist über Spotify. Weiss überall, eine Kerze flackert auf dem Sideboard. Alles wie immer und doch nicht.

Jantra Boonmak, Masseurin, Olten

Jantra Boonmaks angeschlagene Massagesalon leidet in letzter Zeit noch mehr.

Jantra Boonmaks angeschlagene Massagesalon leidet in letzter Zeit noch mehr.

  

Ein leuchtendes «OPEN»-Zeichen lädt Gäste ins von der Strasse aus unscheinbar wirkende Massagestudio «Thai Yoga Team» ein. Drinnen: gähnende Leere. Die Zeiten sind schwierig für Jantra Boonmak, deren Massage-Diplom aus Bangkok an der Wand hängt. Daneben hängt auch jenes von Joaneé Gamma, ihrer Geschäftspartnerin. Mit einer weiteren Angestellten warten sie auf Kundschaft. Gamma ist an ihrem Handy beschäftigt, Boonmak am Schalter, die Angestellte verschwindet im Hintersaal.

Das Corona-Virus ist aber nicht der Hauptschuldige: Auch sonst hat Boonmak Mühe, über die Runden zu kommen; sie habe Schwierigkeiten, genügend Werbung zu machen. Die Pandemie habe sich aber schon auch bemerkbar gemacht. An einigen Tagen kommt niemand in ihren Salon. Dabei weckt ihr Lächeln Erinnerungen an sonnige thailändische Strände; sie läuft barfuss über den sauberen Boden und schminkt sich für das Foto hinter der Theke. Ihr Studio ist sorgfältig eingerichtet, mit Seidenvorhängen zur Abtrennung der Massagebetten.

Boonmak erklärt, dass sie hier selbstverständlich Sicherheitsvorkehrungen vornehmen: Hände waschen, das Tragen eines Mundschutzes beim Massieren des Kopfes. Das war bei ihnen noch vor dem Corona-Virus Alltag. Sie hofft auf ein baldiges Ende der Krise - und dass nach dem Corona-Schrecken das Geschäft wieder anzieht. Beim Verabschieden lächelt sie noch ein letztes Mal, hält ihre Hände zusammen und verbeugt sich leicht. Hier ist Händeschütteln kein Thema.

Gilles Ducaud, Zahnarzt, Solothurn

Zahnarzt Gilles Ducaud muss sparsam umgehen mit Masken, Desinfektionsmittel und Handschuhe, obwohl diese für seine Arbeit unabdingbar sind. Priorität haben nämlich Spitäler und Primärversorger.

Zahnarzt Gilles Ducaud muss sparsam umgehen mit Masken, Desinfektionsmittel und Handschuhe, obwohl diese für seine Arbeit unabdingbar sind. Priorität haben nämlich Spitäler und Primärversorger.

   

Einer der grössten Feinde aller Zahnärzte ist der Sprühnebel, der bei der Zahnbehandlung oder der Entfernung von Zahnstein entsteht. «Aerosol» nennen ihn Gilles Ducaud und seine Kollegen. Ein Gemisch aus Festteilchen und Flüssigstoffen, Bakterien und allenfalls Viren. Ein potenzieller Infektionsherd. Grund für Schutzbrille und Mundschutz, beides unabdingbare Arbeitsutensilien.

Aber: «Der Bund hat sämtliche Mundschütze aufgekauft», sagt Ducaud, Präsident der Solothurner Sektion der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft SSO. Um zu rationieren. Priorität haben Spitäler, Hausärzte, Primärversorger. Die Zahnärzte gehen vorerst leer aus. Ducaud muss sparsam umgehen mit Handschuhen, Desinfektionsmittel und Masken. Natürlich im Rahmen der Vorschriften des Verbandes. Denn: «Ohne Mundschutz wird nicht gearbeitet.» Dauert die Krise noch lange an, können solche Schutz- und Hygieneartikel für Zahnarztpraxen aber knapp werden.

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Hinzu kommen weitere Risiken, ähnliche wie bei anderen Unternehmen auch. Ein Personalausfall. Oder die Abnahme von Patiententerminen. Denn der Ausnahmezustand wird so schnell kaum enden. Ducaud: «Ich bin überzeugt, dass das weitere Kreise ziehen wird. Als Unternehmer beunruhigt die momentane Situation schon sehr.» Noch sind die Absagen im Rahmen. Ähnlich wie sonst während der Grippesaison. Aber die Verunsicherung ist spürbar. Allenthalben.

Öfter rufen Patienten an, erkundigen sich, verschieben auch mal einen Termin, wenn sie nicht wirklich gesund seien. Einer habe nach einem Italienaufenthalt den Termin bei der Dentalhygienikerin vorsichtshalber um zwei Wochen verschoben. Aber Ducaud betont: «Der Besuch beim Zahnarzt ist nach wie vor absolut bedenkenlos. Wir raten jedoch Patientinnen und Patienten, die Symptome wie Husten und Fieber haben, sich vor dem Termin telefonisch zu erkundigen.» Nicht dringende Termine können verschoben werden, was Platz für Notfälle gibt. Es gilt die Risikogruppen zu schützen. Ducaud appelliert an die Patientinnen und Patienten, diesbezüglich Verständnis zu zeigen.

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Was aber geschieht, wenn ein Corona-Patient einen zahnmedizinischen Notfall hat? Daran arbeitet er derzeit mit dem Kantonszahnarzt und den Behörden. Auch für den Fall, dass ein potenziell Corona-Infizierter die Praxis aufsuchen sollte, gibt es ein vom Bundesamt für Gesundheit definiertes Vorgehen. So wie es die Hygienevorschriften gibt für die Bevölkerung. «Manchmal fehlt es mir, unseren Kunden die Hand zu geben», sagt Ducaud. Er schiebt seinen Bürostuhl zurück ans Pult und verabschiedet sich. Mit dem Ellenbogen und einem Lächeln.

J. Shekany, Coiffeur, Olten

Beim Coiffeur Belchen herrscht gute Stimmung trotz Corona-Virus.

Beim Coiffeur Belchen herrscht gute Stimmung trotz Corona-Virus.

Bärte sind bei Coiffure Belchen allgegenwärtig. Sämtliche Mitarbeitenden tragen einen. Selbst auf dem Logo auf der Fensterscheibe prangt ein bärtiger Mann und ein Kunde lässt sich gerade die Haartracht von Kinn bis Kopfspitze mit dem elektrischen Rasierer trimmen. Der Coiffeur kommt dabei dem Kunden sehr nahe: Ohren, Wange, Mund – Wer Berührungsängste hat, dem dürfte ein Besuch beim Coiffeur unangenehm sein.

Schere, Rasierer, Haarlaque - und Händedesinfektionsmittel.

Schere, Rasierer, Haarlaque - und Händedesinfektionsmittel.

Deshalb gehört in den letzten Wochen neben der Schere und dem elektrischen Rasierer auf dem Ablagetisch des Coiffeurs Belchen eine Flasche Desinfektionsmittel zum Standard. «Wir desinfizieren jetzt nach jedem Kunden», sagt J. Shekany, ein hochgewachsener Mann, dessen Bart leicht angraut. Er und sein Mitarbeiter spassen leicht beim Fotografieren. «Er soll aufs Foto, mit den schönen blauen Augen», sagt Shekany. Auch der Stammkunde, dem der Coiffeur gerade den Millimeterschnitt verpasst, lässt einen Spruch fallen. In der Ecke zeugen ein Staubsauger und ein Wischlappen davon, dass Hygiene auch hier ernst genommen wird - mit oder ohne Corona-Virus, versichert Shekany lachend.

Er sagt aber auch, dass sich die aktuelle Gesundheitskrise auf das Geschäft auswirkt: «Wir verzeichnen etwa 20 bis 30 Prozent weniger Kunden», sagt er. Eine Kundin habe ihm gesagt, sie wäre nicht gekommen, wäre es nicht absolut nötig gewesen. «Aber sie hat gesagt: So kann ich nicht auf die Strasse». Für ihn ist aber auch klar, dass das Leben weitergehen soll: «Im Alltag ist es nicht so schlimm, wie es dargestellt wird.»

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Nachsatz: Diese Reportage ist entstanden, bevor der Bundesrat die Sicherheitsvorkehrungen weiter verschärft hat. Unschwer zu erraten: Mit dem Schliessen der Schulen und den noch strengeren Einschränkungen des öffentlichen Lebens wird das Leben der porträtierten Menschen noch stärker durch die aktuelle Krise beeinflusst werden. Ebenso wie das unsere.

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