«Eine Frau urteilt nicht milder oder strenger als ein Mann», sagte die frisch gewählte Richterin Marianne Jeger im Februar 1996 dieser Zeitung. Als erste Frau überhaupt war die Stadtsolothurner Juristin damals ans Solothurner Obergericht gewählt worden.

23 Jahre später ist ihr Büro am Solothurner Amthausplatz schon fast leer geräumt. Die 63-Jährige geht in diesen Tagen in Pension. Den Satz würde die beinahe dienstälteste Oberrichterin des Kantons aber noch immer unterschreiben. Nur eine kleine Einschränkung macht sie. Frauen würden zwar nicht anders urteilen. «Aber vielleicht versteht eine Richterin die Sichtweise von Frauen eher.» Und gewiss erhöhe es die Akzeptanz eines Gerichtes, wenn sich Frauen auch vertreten fühlen.

Spektakuläre Fälle, die in der Öffentlichkeit für Schlagzeilen sorgten, hatte Marianne Jeger seltener auf dem Pult als ihre Kollegen von der Strafkammer, die sich mit Mord und Totschlag beschäftigten. Nur ab und an war sie in Strafgerichtsfällen Teil des Richtergremiums, etwa wenn bei Sexualdelikten eine Frau Teil des Richtergremiums sein muss. Grösstenteils war die Juristin in den vergangenen zwei Jahrzehnten an der Zivilkammer tätig: Sie fällte Scheidungsurteile, musste in Bauprozessen Werkmängel beurteilen oder bei Erbschaftsstreitigkeiten Recht sprechen. «Das Zivilrecht ist für die Öffentlichkeit nicht so spannend wie Straffälle», sagt Jeger. Umso spannender aber ist der Langzeit-Rückblick mit der Richterin.

Denn wer mit Marianne Jeger spricht, erfährt, wie sich Gesellschaft und Familienbilder verändert haben und wie das Recht darauf reagiert hat. «Es ist nicht mehr so, dass der Mann der Ernährer ist, während die Mutter zu Hause die Kinder betreut. Die Väter übernehmen einen Teil der Verantwortung», nennt Jeger Veränderungen aus dem Alltag, die sich auch im Recht niedergeschlagen haben. Das Kindsunterhaltsrecht wurde revidiert; die Höhe der Unterhaltsbeiträge hängt nicht mehr davon ab, ob die Eltern verheiratet waren oder nicht. Und die gemeinsame elterliche Sorge wurde zum Regelfall.

Die Selbstverantwortung der beiden (Ex-)Ehepartner werde höher gewichtet, fährt Jeger fort. «Man bleibt nicht mehr eine Schicksalsgemeinschaft bis in den Tod. Beide Partner sollen bald wieder finanziell auf eigenen Beinen stehen.» Dies hat Folgen, gerade für die Frauen: «Es wird erwartet, dass eine Frau auch mit kleinen Kindern wieder in den Arbeitsprozess kommt.» Die Altersgrenze der Kinder, ab der Mütter wieder arbeiten sollen, sei vom Bundesgericht im Laufe der Zeit gesenkt worden. Und früher sei man davon ausgegangen, dass eine Frau bis 45 wieder in die Arbeitswelt zurück kann.

«Heute wird erwartet, dass eine Frau auch über 50 wieder in den Arbeitsprozess einsteigt», so Jeger. Nicht zuletzt trage das Bundesgericht so dem Umstand Rechnung, dass es verschiedene Formen der Kinderbetreuung gibt, beide Eltern Teilzeit arbeiten oder dass es immer wie mehr Tagesschulen und Kinderkrippen gibt. Belastet hat sie bei den Fällen vor allem, «wenn Kinder von den Eltern als Spielbälle verwendet wurden», etwa beim Streit um Unterhaltszahlungen.

Sozial engagiert, sportlich ambitioniert

Das Scheidungsrecht hat sich in ihrer Amtszeit vom Prinzip her geändert. Das Verschuldensprinzip, welches Einfluss auf die Höhe der Unterhaltszahlungen hatte, ist aufgehoben worden. Zwei Jahre nach der Trennung ist der Anspruch auf Scheidung heute absolut. «Vor Gericht wird nebst der Regelung der Kinderbelange quasi nur noch das Finanzielle angeschaut», sagt Jeger.

Dabei hätten die Richter durchaus einen Ermessensspielraum, etwa im Entscheid, ab wann jemand wieder zu wie viel Prozent arbeiten kann. Dass der Spielraum aber insgesamt kleiner geworden ist, kritisiert sie. Die Idee, bei der Scheidung mit Kleinkindern bestimmen zu wollen, wie die Zahlungen bis zur Volljährigkeit aussehen, hält sie für schwierig. «Die Tendenz, die Höhe des Unterhaltsbeitrages anhand einer Tabelle zu berechnen, führt zu einer Scheingenauigkeit. Man meint zwar, man sei genauer, dabei ist jeder Fall anders». Man könne ja kaum vorhersagen, wie sich finanzielle Gegebenheiten wie Krankenkassenprämien oder Einkommen entwickeln.

Jeger stammt aus der Stadtsolothurner «Cherzen-Jeger»-Familie, die (heute ist es ihr Bruder) das bekannte Kolonialwarengeschäft an der Hauptgasse führt. Aber auch die Juristerei sei ihr in die Wiege gelegt worden, hatte sie, die für die CVP antrat, schon bei ihrer Wahl gesagt. In ihrer Familie habe es schon immer Juristen gegeben.

Bevor Marianne Jeger Oberrichterin wurde, war sie einige Jahre als Anwältin tätig. Damals sei es schon vorgekommen, dass Männer gedacht hätten, als Frau sei sie zu wenig durchsetzungsstark, sagt die kleine, vife Frau, die sich in den vergangenen Jahren auch immer kulturell und sozial engagiert hat. «Männer hatten Zweifel, ob ich bei einem Scheidungsfall sagen kann, wo es durchgehen soll.» Am Gericht aber sei dies von Beginn weg nie Thema gewesen. Die Zeit sei dort auch einfach reif gewesen für eine erste Oberrichterin.

So oder so: Wer Jeger unterschätzt hat, dürfte nichts von ihrem Hobby gewusst haben. Die ambitionierte Läuferin hat im Sport Ausdauer und Ehrgeiz bewiesen. Die 16 Kilometer am Berner Grand Prix rannte sie auch vor wenigen Jahren noch schneller als der Grossteil der Männer, die am Start waren.