«Bei unseren Arbeitern ist vollständige Ruhe eingekehrt, in den städtischen Organisationen aber gibt man den Kampf nicht auf und will das Land dem Sozialismus ausliefern und den roten Terror an Stelle der demokratischen Verfassung und Landesregierung setzen.»

Dies diktierte der Seniorchef Eduard Bally seiner Sekretärin, welche seine Gedanken zum Weltgeschehen in die Maschine zu tippen hatte. Das Monumentalwerk «Geschichte der C. F. Bally AG», das daraus entstand, ist dank den Bemühungen der Stiftung Ballyana seit ein paar Jahren online verfügbar.

Auch im Kanton Solothurn machten die Ereignisse rund um den Landesstreik Schlagzeilen. Dabei verliefen die Tage vom 9. bis 14. November 1918 an den einzelnen Industrieorten sehr unterschiedlich. So wurde beispielsweise in Schönenwerd normal gearbeitet, während in Olten Bahnverkehr und Fabriken für drei Tage stillgelegt wurden und im oberen Kantonsteil die Lage ausser Kontrolle geriet.

Von einem Kollegen erhielt ich kürzlich eine einfache Erklärung für diese Unterschiede. Die Niederämter, so meinte er, seien halt schon immer viel autoritätsgläubiger gewesen als etwa die Leberberger, wo anarchistische Heilsapostel aus dem Jura immer wieder Anhänger gefunden hätten.

Brave Schuhfabrikler versus revoltierende Ühreler also? – Solche Gemeinplätze werden den Hintergründen der regionalen Entwicklungen ebenso wenig gerecht wie Verschwörungstheorien, die noch heute gelegentlich von prominenten Hobby-Historikern aus der Mottenkiste der Klassenkampfzeit hervorgezaubert werden.

Doch wie war es denn wirklich? Um es gleich vorwegzunehmen: Ich weiss es auch nicht.
Was ich zur Beantwortung der Frage beisteuern kann, sind ein paar Beobachtungen, die in diesem Zusammenhang vielleicht von Belang sein könnten.

1

Was in Olten, abgesehen vom materiellen Elend, besonders zur Radikalisierung der organisierten Arbeiterschaft beitrug, scheinen die Bestrebungen mancher Arbeitgeber und derer Interessenverbände gewesen zu sein, das Koalitionsrecht ihrer Belegschaften anzutasten. Im Fall der Oltner Automobilfabrik Berna geschah dies durch die Entlassung von Gewerkschaftsaktivisten und wiederholte Versuche, gewerkschaftlich Organisierte überhaupt vom Betrieb fernzuhalten. Hinzu kam, dass die Berna, die durch die Lieferung von Militärlastwagen an die Schweizer Armee und an fast alle am Krieg beteiligten Staaten satte Gewinne realisieren konnte, in eine spektakuläre Steuerhinterziehungsaffäre verwickelt war.

2

Im Unterschied zu früheren Streikaktionen beteiligten sich im November 1918 auch die unteren Berufskategorien der Eisenbahner, die im Vergleich zu den Beschäftigten in der Privatindustrie und im Gewerbe im Allgemeinen bessergestellt waren. Ohne ihr Mitwirken hätte der Landesstreik nicht dieses Ausmass angenommen, denn erst durch die Lahmlegung des Schienenverkehrs mussten viele Unternehmen den Betrieb einstellen. Was das Bahnpersonal besonders erbitterte, kommt unter anderem in einer Liste von Beschwerden zum Ausdruck, welche der Vorstand des SP-nahen Oltner Lokomotivpersonalverbandes im Vorfeld der militärgerichtlichen Untersuchung nach dem Abbruch des Landesstreiks vorlegte.

Darin ist erwartungsgemäss von der Teuerung die Rede, mit welcher die bescheidenen Lohnerhöhungen und Ausgleichszahlungen nicht Schritt halten konnten. Dann werden aber auch andere Gründe ins Feld geführt: «Auch die Beförderungen, hauptsächlich beim unteren Personal, wurden von unseren Behörden rundweg abgewiesen, wogegen sie auf der anderen Seite bemüht waren, hohe und höchste Stellen zu schaffen (Bahnhof-Inspektoren, Betriebsgruppen-Direktoren etc.), um den Herrschaften möglichst grosse Gehälter zu verabfolgen. Ebenso wurde uns ein Teil der reglementarischen Freibillette einfach weggenommen und das Tragen des Dienstmantels um ein Jahr verlängert. Auch hatten wir sonst noch alle möglichen Schikanen seitens der Verwaltung durchzukosten. Hauptsächlich die jüngeren Kollegen wurden zu allen möglichen Arbeiten, nur nicht ihrer Anstellung gemäss, verwendet.»

3

Was die Situation in Grenchen betrifft, wo die Agitatoren der Arbeiterschaft besonders aggressiv auftraten und wo – nach Abbruch des Landesstreiks – drei Arbeiter vom Militär buchstäblich exekutiert wurden, weist der Wirtschaftshistoriker Wolfgang Hafner auf den Hintergrund der spezifischen regionalen Entwicklung hin, die in der bisherigen Forschung noch kaum untersucht worden ist (vgl. Samstagsausgabe dieser Zeitung). «Grenchen war ein Einzelfall. In kaum einer anderen Region wurden die Widersprüche einer modernen Industrialisierung so auf die Spitze getrieben wie im Leberberg. Hier wurde auf engstem Raum und unter grossem Modernisierungsdruck das Zukunftsmodell einer arbeitsteiligen, durchrationalisierten Massenproduktion realisiert», hält Hafner dort fest. Diese Entwicklung mobilisierte die Arbeiterschaft und erklärt die Serie erbitterter gewerkschaftlicher Kämpfe, welche die Uhrenindustrie seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert erschütterten und schliesslich in der grossen Leberberger Aussperrung vom Frühjahr 1914 kulminierten.

Eine damit durchaus vergleichbare Situation bestand übrigens auch in der Schönenwerder Schuhindustrie. Auch bei Bally war die Produktion gegen Ende des 19. Jahrhunderts rasant mechanisiert worden, und zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte man wenigstens teilweise amerikanische Methoden der Betriebsrationalisierung ein. Im Frühjahr 1907 brach auch hier ein grosser Streik aus, der die gesamte Produktion lahmlegte, nach drei Wochen aber ergebnislos abgebrochen werden musste.

Während – und hier liegt der entscheidende Unterschied – im Leberberg die Gewerkschaften der Uhrenarbeiter den Vernichtungsfeldzug der Patrons 1914 knapp überlebten und in den Kriegsjahren wieder grossen Zulauf erhielten, konnte sich die Organisation der Ballyaner von der Niederlage von 1907 nie mehr richtig erholen.

Im Jahre 1918 waren in Olten besonders das Verkehrspersonal gewerkschaftlich gut und die Arbeiterschaft der Privatindustrie wenigstens teilweise organisiert. Dasselbe traf erst recht für den oberen Kantonsteil zu, während man bei Bally eine solche Entwicklung gar nicht erst hatte aufkommen lassen. Unter der Leitung von Iwan Bally waren Elemente der «Principles of Scientific Management» nach dem Vorbild des Amerikaners Frederic W. Taylor eingeführt worden. Die dafür unerlässliche Loyalität der Arbeiterschaft wurde durch ein professionelles Vorgehen gegen gewerkschaftliche Organisationsversuche und durch intensive «Aufklärungsarbeit» herbeigeführt.

Wie erfolgreich die neue Unternehmensphilosophie auf das Personal übertragen werden konnte, geht aus einem Schreiben der von der Direktion kontrollierten «Arbeitervertretung» vom Juli 1911 hervor. Darin wird die Überzeugung ausgedrückt, «dass die Herren Bally sowie die Geschäftsleitung (...) im wahren Sinne nichts anderes als Arbeiter sind, die mit unermüdlichem Fleisse arbeiten für die Förderung und Hebung des gesamten Volkswohlstandes, was leider in den Arbeiterkreisen nur zu wenig geachtet und geschätzt wird.»

Wie sich dies auf den Arbeitsalltag auswirkte, kommt in einem Leserbrief zum Ausdruck, der am 8. August 1918 im SP-Organ «Neue Freie Zeitung» erschien: «Sobald man die Fabrikräume am Morgen betritt, bekommt man ein Gefühl, wie es derjenige haben mag, hinter welchem sich die Gefängnistüre geschlossen hat. Trotz fleissigen Arbeitens wird man von den Meistern stets noch angetrieben, sind ja solche Antreiber in Hülle und Fülle vorhanden. Das Traurige an der Sache ist, dass es noch so viele Arbeiter und Arbeiterinnen gibt, die sich von solchen modernen Gesslern alles und jedes bieten lassen. Im Gegenteil, macht man sie auf das Unstatthafte einer solchen Behandlung aufmerksam, so wird man von ihnen noch ausgelacht und alles wird brühwarm den Vorgesetzten hinterbracht, denn es herrscht hier ein Denunziantentum und eine Spioniererei, wie man sie selten in einem anderen Geschäfte findet. Statt dass man sich dem Lederarbeiterverbande anschliesst und als aufrechter und gerader Arbeiter seine Interessen vertritt, versuchen noch viele Arbeiter durch Liebedienerei sich Vorteile zu ergattern.»

So ist es kein Wunder, dass es in den Novembertagen 1918 in Schönenwerd und Aarau, abgesehen von einer kleinen Aktion unmittelbar nach Abbruch des Landesstreiks, ruhig blieb.