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1. August? 12. September!

Die Schweiz wird am 1.August gefeiert.

Die Schweiz wird am 1.August gefeiert.

Waren Sie zur Bundesfeier schon einmal auf dem Rütli? Am vermeintlichen Ort des mythischen Rütlischwurs? Auch wenn ich wollte, dieses Jahr kann ich es mir nicht einmal vornehmen, daran teilzunehmen – schade, eigentlich. Denn genügend Futter für interessante Reden, ohne dabei pathetisch zu werden, wäre allemal vorhanden: Wie die Schweizer Bevölkerung beispielsweise in diesen Zeiten wieder vermehrt Nachbarschaftshilfe leistet, sich mit schwächeren oder schwächer gestellten Mitmenschen solidarisiert, lokale und nachhaltige Engagements unterstützt oder auch wie grundsätzlich wichtig ein intakter Sozialstaat ist.

Eine Bundesfeier mit viel Volk wird es dieses Jahr im August wohl nicht geben. Glücklicherweise bietet sich ein anderes, äusserst passendes Datum an, unsere Bundesfeier vielleicht doch noch stattfinden zu lassen: der 12. September – dem eigentlichen Geburtsdatum unserer modernen Schweiz.
Eigentliches Geburtsdatum? Das war am 12. September 1848, als die erste Bundesverfassung der modernen Schweiz in Kraft gesetzt wurde, nachdem der ein halbes Jahrhundert andauernde Kulturkampf zwischen progressiv-liberalen und konservativ-religiösen Kräften im Sonderbundskrieg sein vorläufiges Ende fand. Den damaligen Gewinnern, den liberalen, progressiven und radikalen Kräften, verdanken wir die Grundzüge der demokratischen Grund- und Mitbestimmungsrechte sowie jene der Gewaltenteilung.
Als die helvetische Republik unter Napoleon vorher Anfang des 19. Jahrhunderts schnell wieder zerbrach, fielen die damaligen Kantone sofort wieder in ihre feudalen, plutokratischen Herrschaftsstrukturen zurück. Während sich in Übersee gerade die USA von der englischen Krone lossagten und eine demokratische Republik formten, grassierte in ganz Europa selbst nach eigenen Revolutionen die sogenannte Restauration – die Wiederherstellung der Monarchie und der dazugehörigen Aristokratie. Die Bande der konservativ-religiösen Kräfte waren auf dem ganzen Kontinent, auch in der Schweiz, sehr stark. Gewaltenteilung oder Grundrechte wurden nicht garantiert, liberale und demokratische Tendenzen systematisch unterdrückt.

Erst die französische Julirevolution 1830 gab in der Schweiz den Anstoss dafür, in zehn Kantonen die Restaurationsregime zu stürzen. Nach mehreren offenen, blutigen Konflikten rissen die Progressiven und Radikalen in der Tagsatzung 1847 die Mehrheit an sich, erklärten den vorher von den Konservativ-Religiösen zur Abspaltung gegründeten und um Hilfe der französischen und österreichischen Krone buhlenden Sonderbund als bundeswidrig und marschierten infolge unter General Dufour nach Luzern. Der Sonderbund kapitulierte, die konservativ-religiösen Kräfte waren besiegt. Es entstand das Grundgerüst für einen progressiven, demokratischen Bundesstaat – ein im damaligen monarchisch geprägten europäischen Gefüge bemerkenswertes Konstrukt.

Zurück zur Bundesfeier: Das beinahe sagenumwobene Jahr 1291, konkurrierend mit 1307 und 1315, ist für die reale Schweiz (damals übrigens Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation) nicht einmal annähernd so wichtig und wegweisend wie das Jahr 1848. Wenn wir unsere freiheitlich-demokratische, auf humanistischen Grundrechten aufbauende Gesellschaft, den Rechtsstaat und deren Fortbestand weiter verteidigen sowie ihre Weiterentwicklung gebührend feiern wollen, dann am 12. September – (ausser-)ordentlich.

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