Grenchen

Zwiebeln und Lawinen — so kam Grenchen zu seinen Partnerstädten

Stadtzentrum von Neckarsulm mit Rathaus und Stadtverwaltung (links). Die Partnerstadt von Grenchen hat 26'000 Einwohner.

Wie Grenchen zu seinen Partnerstädten und zur Schweizer Patengemeinde kam.

30 Jahre ist es her, seit Grenchen die Bündnisse mit ihren Partnergemeinden Neckarsulm (D) und Sélestat/Schlettstadt (F) feierlich bekräftigt hat. Die Beziehungen zu beiden Städten sind indessen älter. Zudem feiert die Patenschaft von Unterschächen im Urnerland heuer das 50-Jahr-Jubiläum. Und: Wer erinnert sich noch an die erste Patenschaft überhaupt, von Steinach am Brenner (Österreich)?

Zwei Mitinitianten der Partner- und Patenschaften erinnern sich. «Unsere Stadtpräsidenten wurden früher von Schlettstadt zu Mitgliedern der Zewwalatreppler (Zwiebelträppler)-Bruderschaft ernannt. Eine Ehre, die auch anderen Grenchnern zuteilwurde, die sich um die Partnerschaft verdient gemacht haben. Schlettstadt ist weitherum bekannt für seine Zwiebeln, und daran wollen sie uns teilhaben lassen», blickt Rainer Walter zurück.

Er war bei der Begründung der Gemeindepartnerschaften an der Front dabei. Der Auslöser für die Städtebeziehungen war einerseits ein Zufall: die Hochzeitsreise des jungen Gemeinderats Rainer Walter mit seiner Frau Gerda nach Sélestat 1962. Andererseits agierte die Kulturbeflissenheit beim Kanton Solothurn, der von den Gemeinden damals Kulturvorlagen einforderte, als treibende Kraft. «Der Bürener Künstler Peter Travaglini hat das Konkordanzwappen Grenchen-Schlettstadt entworfen. Es zeigt zwei Zwiebeln und zwei Uhren. Schliesslich sind prunkvolle Uhren auch Zwiebeln», erklärt Walter die Idee und lacht.

Wirtschaft und Lawinenwinter

Bei der Beziehung mit Neckarsulm später hätten wirtschaftliche Überlegungen eine stärkere Rolle gespielt, sagt Rainer Walter. «Grenchen hat im Osten der Stadt, da wo entlang der Neckarsulmstrasse die Industriezone liegt, nach der Uhrenkrise Land gekauft. Die Absicht: neue Industriezweige anziehen. Eine Ansiedlung ausserhalb der Uhrenindustrie war die Binder Electronic aus Neckarsulm Ende der Siebzigerjahre. So entstand die Beziehung nach Franken.»

Bereits seit 50 Jahren ist Grenchen mit einer Patengemeinde im Kanton Uri verbunden. Der Lawinenwinter 1968/69 kam, und der Fliegerpionier, Otto Sallaz, klopfte im Gemeinderat mit der Forderung auf den Tisch, dass man neben der Entwicklungshilfe im Ausland auch eine Schweizer Berggemeinde unterstützen solle.

Diese Gemeinde war auf Anraten der Schweizer Berghilfe das Dorf Unterschächen. Damit betrat neben Rainer Walter ein weiterer Exponent des «Bachtelen» die Bühne der Gemeindebeziehungen, Bruno Meier. Er war der Leiter des Komitees Jugendzentrum, das sich ein Grenchner Jugendhaus zum Ziel gesetzt hatte.

Arbeitseinsatz voller Elan

Gern erinnert sich Bruno Meier an die handfeste Unterstützung, die Gruppen 18- bis 30-jähriger Grenchner in Unterschächen leisteten. Mit von der Partie seine Frau und die Tochter im Babyalter: «Wir bauten in den Sommern 1971 und ’72 in dreiwöchigen Zeltlagern Wanderwege, besonders die Grenchner Promenade. Wir waren ein bisschen schmutzig, voller Elan und haben jede Minute genossen. Die Rückmeldung der Bevölkerung in Unterschächen und Grenchen war sehr positiv.»

Seit Mitte der Siebzigerjahre engagiere sich der Grenchner Zivilschutz in Unterschächen, die Jugend habe in späteren Jahren mit Osterlagern die Beziehungen vertieft. Manche Stunde hätten sie im Lawinenbunker gesessen und am Konzept des Jugendhauses gefeilt. Der Kiwanis Club habe unter anderem beim Schulhaus einen Spielplatz und auf der Grenchner Promenade einen Grillplatz gebaut, zählt Bruno Meier auf.

1999 hätten der Theaterverein Unterschächen und die Schopfbühne für Gastauftritte zusammengespannt. Gegenseitige Besuche von Aufführungen gebe es bis heute, sagt Meier, der inzwischen selbst bei der Schopfbühne auftritt. Auf privater Basis habe er einige Jahre den ehemaligen (mittlerweile verstorbenen) Unterschächer Gemeindepräsidenten Gustav Muheim beim Hirten auf der Alp am Pragelpass begleitet, erzählt Bruno Meier.

Die Nachfrage beim Stadtpräsidenten François Scheidegger zeigt, dass die beiden Städtepartnerschaften sowie die Gemeindepatenschaft auch auf offizieller Ebene weiterhin gut verankert sind. Neckarsulm werde zur Feier des Jubiläums heuer zudem von diversen Grenchner Vereinen besucht. Der jährliche Corso fleuri in Sélestat sei eine feste Grösse in der Agenda der Grenchner Behörden. Aktuell steht in Unterschächen am 19. und 26. Mai ein nächster Einsatz des Kiwanis Clubs an, um Schäden am Spielplatz auszubessern.

Kinderferien nach dem Krieg

Die Geschichte der Grenchner Gemeindebeziehungen ist nicht vollständig ohne die Rückblende auf den Zweiten Weltkrieg. Im Bemühen, die Not im umliegenden Europa zu lindern, unterstützte die Stadt Grenchen damals das österreichische Städtchen Steinach am Brenner, erst mit Nahrungsmittelspenden und später mit Erholungsurlauben für die Kinder.

«Zum Dank für die Aufnahme ihrer Kinder haben die Steinacher Behörden uns zwei Bilder geschenkt», weiss der Lokalhistoriker, Rainer Walter. «Im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs nach dem Krieg hat Grenchen versucht, die Beziehung zu Steinach wiederzubeleben. Doch das hat nicht funktioniert, aus welchen Gründen auch immer.»

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