Von der gedeckten Tribüne blickt der Zuschauer auf das idyllische Dorf Granienburg, umgeben von Bäumen und Büschen, in dessen Mitte eine runde, an ein Zifferblatt erinnernde Bühne steht. «Mir läbe hie nach der Natur, nachem Sunnestand und de Johreszyte», erklärt der 90-jährige Bauer Peter. Mit dem Krähen des Hahnes steht man auf, mit der Finsternis geht man ins Bett. Doch damit soll in Granienburg Schluss sein, als die beiden Lausbuben Till (Tom Muster) und Tim (Andrim Weber) Einzug halten. «Mir mache Gäud us dr Zit!», lautet ihre Idee. Als Hausierer tauschen sie ihre lässigen Klamotten in piekfeine Anzüge, klingeln beim Gemeindeammann und erklären: «Mir si Zytmanager und bringe euch e lukrativi Zuekunft».

Der Ammann – nicht eben mit Geistesblitzen gesegnet – lässt sich beeindrucken. Die Zeitmessung wird eingeführt, für Granienburg hat ein neues Stündlein geschlagen. Bald zieht die bäuerliche Dorfbevölkerung nicht mehr mit Sense, sondern mit blauen Arbeitskitteln über das Gelände. «Lueg, wie si hetze und renne, der Zyt hingenoche, der Zyt vorus. Mir heis gschafft: Zyt verchouft! Zyt isch Gäld!», freuen sich Till und Tim.

Rennen ohne vorwärts zu kommen

Fantasievoll zeigt das Stück die Entwicklung der Stadt Granienburg vom Bauerndorf zur Industriestadt auf. Wer aber an einen historischen Abriss Grenchens glaubt, liegt falsch. Autorin und Regisseurin Iris Minder schafft es mit ihrem Schauspielteam, das Publikum eintauchen zu lassen. Unabhängig von der historischen Entwicklung erlebt der Zuschauer eine spannende Geschichte mit Intrigen und Romanzen, wird berührt und wird mit viel Humor zum Nachdenken angeregt.

Die Inszenierung lebt von der Liebe zum Detail: Die Handlung spielt auf verschiedenen Schauplätzen. Ermöglicht wird dies insbesondere durch das beeindruckende Bühnenbild. Mitten in der Natur haben die Bühnenbildner unter der Leitung von Künstler Marc Reist und Architekt Adrian Cslovjecsek ein Dorf mit mehreren Häusern errichtet, in dessen Hintergrund nach und nach eine Fabrik errichtet wird. Auf raffinierte Art wird diese über eine Schiene ins Blickfeld gezogen.

Chaos, Hektik und Tempo haben Einhalt geboten, die Dorfbevölkerung dreht sich auf dem Zifferblatt im Kreis, rennt, überschlägt sich beinahe und kommt dennoch nicht vorwärts. Missgunst und Gier auf der einen Seite, totale Erschöpfung auf der anderen - deutlich gemacht sowohl durch eindrücklichen Text und teilweise roboterartige Bewegungen, vor allem aber auch durch Gesang und Musik.

Die Kunst, im Jetzt zu leben

Die vier Profimusiker Silvan Bolle, Bruno Schaad, Peter Schenker und Ruwen Kronenberg haben die Texte von Iris Minder vertont und treten als Band «les Rubis» selber auf. Sie verschaffen dem Singspiel gemeinsam mit dem Chor eine besondere Atmosphäre.

«Ich bin die Zeit – es liegt an euch, wie ihr mich erlebt», sagt die personifizierte Zeit am Schluss. Inwiefern sich die Granienburger dies zu Herzen nehmen, sei hier nicht verraten. «Es ist eine grosse Kunst und mein persönliches Ziel, ‹im Jetzt› zu leben», sagt Autorin Iris Minder.

«Uhregrübler» – Text und Regie: Iris Minder; Musik: Les Rubis. Spieldaten unter www.freilichtspiele-grenchen.ch