«Grenchen United»

«Zeigen, was meine Heimat so draufhat» – Grenchner liebt den E-Fussball

Gentijan Pepshi konzentriert sich auf das Spiel auf dem Computerbildschirm

Gentijan Pepshi konzentriert sich auf das Spiel auf dem Computerbildschirm

Gentijan Pepshi ist mit dem virtuellen FC «Grenchen United» in der E-Fussball-Welt auf Eroberungsfeldzug.

Steht Gentijan Pepshi vor dem Durchbruch als E-Fussballer? Am Qualifikationswochenende vom 7. und 8. Dezember zeigt sich, ob der junge Grenchner mit kosovarischen Wurzeln im virtuellen Sport bei den Besten mithalten kann. Wenn ja, holt er sich das Ticket für die Fifa-Regionalmeisterschaften (Europameisterschaften) Ende Januar in Bukarest mit 64 Teilnehmern. Preisgeld: 200'000 Dollar.

Gelingt ihm und seiner virtuellen Elf «Grenchen United» diese Leistung, dann kommt der 26-Jährige seinem Lebenstraum einen grossen Schritt näher: das Berufsleben als Profi-E-Sportler, unter Vertrag eines renommierten Fussballvereins – und das aus der Wohnung seiner Eltern heraus im Süden von Grenchen.

Selbst Eingeweihten ist das schnell wachsende Segment der Online-Community in der Schweiz erst seit wenigen Jahren ein Begriff. Nicht Eingeweihte stellen sich unter E-Fussballern gern weltfremde Freaks vor, die sich mit dem Joystick in der Hand einsam die Nächte um die Ohren schlagen, reichlich Redbull, Bier und Chips neben sich.

Flinke Finger sind gefragt – und viel Koffein.

Dabei ist der E-Fussball eine Parallelwelt mit festen Regeln, knallharten Anforderungen an Talent, Fitness – und zunehmend lukrativem Sponsoring. Entsprechend hat Gentijan Pepshi sein ganzes Leben dem Ziel untergeordnet, «Grenchen United» international an die Spitze zu bringen und künftig von dieser Tätigkeit leben zu können.

«Ich lebe gesund, mit Selbstdisziplin. Ins Bett gehe ich früh, um zehn, und jeden Morgen gehe ich ein bis zwei Stunden joggen, oft auf dem Vita-Parcours. Dann beginne ich das Training am Computer: Spiele gegen andere E-Sportler meiner Liga und, ebenso wichtig, hinterher die Analyse jedes einzelnen Manövers.» Unvermittelt verschwindet er in die Küche. Zurück im Wohnzimmer zeigt er die Lebensmittelwaage, mit der er die Bestandteile seines Essens an Qualifikationsspieltagen aufs Gramm genau abmisst. «Dazu kommt die Dosis Koffein, die genau auf meinen Körper abgestimmt ist.»

Stolz darauf, Grenchen der Online-Welt vorzustellen

Seine Mannschaft, für die er virtuelle Profile von Weltstars wie Messi und Neymar «eingekauft» hat, trägt den Namen nicht von ungefähr: «Ich bin stolz, Grenchen online zu repräsentieren», sagt Pepshi. «Ich will zeigen, was meine Heimat draufhat.» Seit er in der ersten Liga spielt, sind seine Gegner fast nur Profis. Solche sind rundum betreut von Teamarzt, Masseur und Diätberater: E-Spieler, die bereits dort angekommen sind, wo Pepshi hinwill. Könnte er wählen, so ginge er am liebsten zur E-Mannschaft von Bayern München. Seit der Kindheit ist das (in der realen Welt) sein Lieblingsverein.

Die Beziehung zum  «echten» Fussball

Dass Gentijan Pepshi praktisch ohne Geld und ohne Weltklasseclub im Rücken so weit gekommen ist, verdankt er nach eigener Überzeugung der Tatsache, dass er kein Einzelkämpfer ist. Seine Freunde Blerim Jusufi (Bern) und Mergim Sadriji (Grenchen) coachen ihn. An ihren Computern verfolgen sie jedes Spiel und via Headset bringen sie Kritik und Lob an den Spielzügen an. Sadriji war der erste Schweizer E-Fussballer, der sich ab 2009 international einen Namen machte. «Ohne die beiden und ihre Ermutigung wäre ich nie da hingekommen, wo ich jetzt bin», sagt Pepshi. Sadriji spielt das Kompliment zurück: «Genti ist ein sehr geduldiger Spieler, dazu ungeheuer talentiert. Er bleibt selbst dann ruhig, wenn seine Mannschaft ein Tor geschossen hat.»

Dass Grenchner in der jungen Sportart international Akzente setzen, dürfte kein Zufall sein. Erstens begünstigt hier die Aufgeschlossenheit für Technologien diese moderne Ausprägung der «Ich AG». Zweitens ist in der Uhrenstadt die Bevölkerungsschicht gross, die ein Flair für Computerspiele hat.

Jahrzehnte nach der goldenen Ära des FC Grenchen bestehen somit Chancen, dass Grenchen in der digitalen Sportwelt zum Begriff wird. Offiziell hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Trotzdem besteht eine Verbindung: Pepshi hat als Jugendlicher beim FCG gespielt. Das hat ihn dazu inspiriert, mit «Grenchen United» den E-Fussball aufzumischen.

Beim Geld geht die Rechnung noch nicht auf

Bei aller Begeisterung und Hoffnung für Gentijan Pepshis sportliche Zukunft sind sich die drei Männer bewusst, dass Aufwand und Ertrag in Pepshis Leben derzeit (noch) nicht übereinstimmen. Finanziell versucht er, sich als CNC-Maschinenbediener mit Temporärarbeit über Wasser zu halten. Seine Freunde haben in der konventionellen Berufswelt Fuss gefasst. Sie betreiben den E-Sport als Hobby.

Und was sagt Pepshis Familie zu seinem Traum? «Meine Brüder stehen komplett hinter mir», sagt er. «Auch die Eltern unterstützen mich. Es wäre ihnen aber wohler, ich hätte wie meine beiden jüngeren Brüder eine normale Arbeit.» «Eltern sind so. Sie machen sich Sorgen, bis das erste Geld aus einem Sponsoringvertrag hereinkommt», sagt Jusufi verständnisvoll. Sadriji ergänzt: «Man muss realistisch sein. Wer mit E-Sport kein Geld verdienen kann, soll in der Freizeit spielen und beruflich etwas anderes machen. Aber bei Genti sind wir fest überzeugt, dass er es schafft.»

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