Grenchen
Zahnpflege soll billiger werden: Schulzahnärzte bekommen neue Verträge

Die Grenchner Schulzahnärzte bekommen einen neuen Vertrag: Geändert wird das Abrechnungsverfahren. Befürchtungen, die Zahnhygiene der Kinder leide, scheinen unbegründet.

Andreas Toggweiler
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Dieser Zahnarzt im deutschen Lörrach heisst wirklich so. In Grenchen wird der schulzahnärztliche Dienst neu organisiert.

Dieser Zahnarzt im deutschen Lörrach heisst wirklich so. In Grenchen wird der schulzahnärztliche Dienst neu organisiert.

Dimitri Hofer

«Da müssen sie unbedingt drüber schreiben, das ist ein Skandal. Der Stadtpräsident hat die Schulzahnpflege gestrichen. So etwas geht doch nicht, man kann sich doch nicht einfach über die kantonalen Vorschriften hinwegsetzen!» Eine aufgeregte Mutter sorgt sich am Telefon ernsthaft um die Zähne ihrer Tochter. Mit Namen möchte sie allerdings nicht in die Zeitung. Und auf die Frage, woher sie diese Information denn habe, meint sie, man habe es ihr so erzählt. Aber schlimm sei es trotzdem.

Natürlich kann der Stadtpräsident nicht in Eigenregie die Schulzahnpflege abschaffen. Das neuste (falsche) Gerücht, das in der Stadt die Runde macht, hat aber – wie so oft – einen realen Hintergrund. Dieser reicht ins Jahr 2016 zurück, als im Rahmen des Sparprogramms in den Budgetberatungen für 2017 auch die Reduktion des Schulgesundheitsdienstes diskutiert wurde. Diese Diskussion wurde laut Gesamtschulleiter Hubert Bläsi jetzt stadtseitig geführt, und es steht eine Reorganisation der schulzahnärztlichen Leistungen an. Dabei ging es aber, wie Bläsi betont, um die administrativen Kosten. Nach aussen sichtbar wurde dies, weil die Stadt die Verträge den städtischen Schulzahnärzten gekündigt hat, und zwar auf Ende Schuljahr 17/18. Die Grenchner Schulzahnärzte sind zurzeit in einem vertragslosen Zustand.

Verträge unterschriftsreif

Die neuen Verträge seien im Wesentlichen aufgesetzt und würden den Zahnärzten in den nächsten Tagen zugestellt, heisst es dazu bei der Stadt. Und es handle sich um eine Reorganisation, welche auf die Zahngesundheit der Kinder keinen Einfluss habe.

«Natürlich werden wir die obligatorischen jährlichen zahnärztlichen Untersuchungen aller Schulkinder weiterhin vornehmen und damit die kantonalen Vorgaben vollumfänglich erfüllen», beruhigt nämlich Stadtschreiberin Luzia Meister. Auch werde die regelmässige Prophylaxe durch die «Zahnfee» – eine Fachperson, die Dentalhygiene-Unterricht in den Schulen erteilt – weitergeführt.

Die Prophylaxe sei äusserst wichtig, umso mehr als Zahnärzte bei Teenagern einen erneuten Anstieg von Karies beobachteten – vermutlich herrührend vom Dauerkonsum von Süssgetränken in gewissen Bevölkerungsschichten. «Die Prophylaxe wird in Grenchen mit grosser Sorgfalt gepflegt und wurde bei den kleinen Kindern sogar ausgebaut; hier wird nicht gespart», betont Meister. Sparen könne man allerdings im viel zu komplexen Abrechnungsverfahren mit mehreren involvierten Stellen und viel Handarbeit.

Der Schulzahnarzt konnte bisher die ganze Rechnungsstellung und das Inkasso an die Schulverwaltung Grenchen auslagern, d. h. er konnte an die Stadt Rechnung stellen. Die Schulverwaltung stellte wiederum Rechnung bei den Eltern bzw. prüfte, inwiefern die Eltern aufgrund ihrer Einkommenssituation ein Anrecht auf die Anwendung des Sozialtarifs haben. Das heisst, die Stadt trägt einen Teil der Kosten der Zahnbehandlung (10 bis maximal 50%).

Von den Zahnbehandlungskosten für Schülerinnen und Schüler von aktuell jährlich 279'000 Fr. (Rechnung 2017) werden heute schon 208'000 Fr. von den Eltern getragen. In rund 150 Fällen jährlich kommt der Sozialtarif zur Anwendung.

«Wir haben festgestellt, dass etwa zwei Drittel der Eltern, die vom Sozialtarif profitieren, Sozialhilfe beziehen und damit dort bereits abgeklärt wird, was an die Zahnkosten bezahlt wird; sie sollen Hilfe aus einer Hand erhalten», erklärt Meister. Solche Doppelspurigkeiten seien teurer Leerlauf. Es sei auch nicht einsehbar, wieso die Stadt das ganze Inkassorisiko tragen soll. Gespart werde bei der Administration, nicht bei der Prävention.

Neu sollen die Zahnärzte direkt mit den Eltern abrechnen, wie das andernorts auch üblich sei. Damit können auf der Schulverwaltung etwa 20 Stellenprozente eingespart werden bzw. müssen nicht mehr ersetzt werden. Billiger werden die Beiträge der Stadt kaum, meint Stadtschreiberin Luzia Meister. Dies, weil der Schweizer Zahnärzteverband auf 2018 die Taxpunkt-Preise erhöht hätten.

Vier Schulzahnärzte

Die Stadt hatte bisher Verträge mit vier Schulzahnärzten und einer Kieferorthopädin. Schulzahnarzt Dominik Aerni glaubt nicht, dass die Reorganisation keine Spuren an den Zähnen der Kinder hinterlassen werde. Denn die Stadt werde wahrscheinlich auch bei den Untersuchungen zurückstecken. Statt individueller Zahnarzttermine würde man wohl zu Reihenuntersuchungen übergehen, wo wenig Spielraum für individuelle Betreuung und Beratung der Eltern bestehe, so seine Befürchtung. Gemäss Luzia Meister ist aber nicht vorgesehen, vom bisherigen Modell abzuweichen. Gruppenuntersuchungen könnten allenfalls sinnvoll sein für Kinder aus der Gruppe jener, die bei keinem Schulzahnarzt sind. «Die Stadt soll auch hier hinschauen können, gerade weil die Prävention zentral ist», so Meister.

Es bleiben die jährlich 30 bis 50 Fälle (von total etwa 1300 Kindern), bei denen die Stadt bisher Zahnbehandlungsbeiträge ausrichtet und die künftig leer ausgehen beziehungsweise sich neu an das Sozialamt wenden können. Der durchschnittliche Kostenbeitrag betrug laut Statistik der Stadt gut 200 Franken. «Bei dieser Gruppe allerdings wesentlich weniger, da die Beiträge degressiv ausgestaltet sind. Bei unzumutbaren Härtefällen hat die Stadt genügend Legate, um zu helfen», meint dazu Luzia Meister. Das gelte es im Einzelfall abzuklären. Nur soll dies künftig im Sozialamt geschehen, nicht mehr auf der Schulverwaltung.