Landesstreik

Wurde 1918 der Mord vertuscht? Rechtsmediziner äussert Zweifel an der offiziellen Darstellung

Vor 100 Jahren eskalierte in Grenchen der Landesstreik. Soldaten erschossen drei Zivilisten. Nun äussert ein Rechtsmediziner Zweifel an der damaligen Darstellung. Hat am Ende gar ein Major geschossen?

In einem Gässlein in Grenchen verloren am frühen Nachmittag des 14. November 1918 die drei jungen Uhrmacher Marius Noirjean (17), Fritz Scholl (21) und Hermann Lanz (29) ihr Leben, hinterrücks erschossen von Soldaten der Schweizer Armen. Der Landesstreik, die schwierigste innenpolitische Krise des Bundesstaates, eskalierte damit ausgerechnet in der Region.

Straflos davon kamen der verantwortliche Major, der 38-jährige Waadtländer Architekt Henri Pelet, und die drei oder vier Füsiliere des Waadtländer Infanteriebataillons 6, die vom Major den Schiessbefehl erhalten hatten. Zwar begutachtete der Grenchner Arzt Girard im Beisein von Offizieren die Leichen in der Totenhalle des Friedhofs. Eine genaue Autopsie gab es jedoch nie.

Jetzt hegt der Rechtsmediziner Christian Lanz Zweifel an der bisherigen Darstellung der Geschichte. Es sind Details, die 100 Jahre nach dem Vorfall, das bisherige Bild verändern könnten. Lanz, der frühere Solothurner Kantonsarzt, stellt in Frage, ob tatsächlich alle drei Personen durch Gewehrschüsse getötet wurden oder ob nicht in einem Fall mit einer Faustfeuerwaffe (und somit einer Offizierswaffe) geschossen wurde.

Denn Lanz, (nicht mit dem Getöteten Lanz verwandt), der als Amteiarzt selbst auch Leichenschauen vornimmt, stiess im Bericht von Dr. Girard auf Ungereimtheiten. «Da passt etwas nicht», dachte sich der Rechtsmediziner, als er diesen Herbst im Kultur-Historischen Museum in Grenchen eine Ausstellung zum Landesstreik besuchte und Girards Bericht las.

Rechtsmediziner Christian Lanz macht den Schusstest.

Rechtsmediziner Christian Lanz macht den Schusstest.

Denn nicht alle drei Toten weisen dieselben Schussverletzungen auf. Bei den erschossenen Lanz und Noirjean fand Dr. Girard nicht nur das Eintrittsloch des Projektils. Als die Patronen den Körper wieder verliessen, entstellten sie auch die Gesichter der Männer. Bei Hermann Lanz war die «ganze linke Wange mit Ober u. Unterkiefer (..) zersplittert u. zum grossen Theil weggerissen». Eine breite und tiefe Spreng- u. Risswunde setzte «sich vom weggerissenen Unterkiefer den l. Hals hinunter bis auf das Schlüsselbein.» Beim 17-jährigen Marius Noirjean war das Gesicht mit Nase «theils ganz weggerissen, theils zersplittert».

Der Grenchner Streikführer Max Rüdt steht am Ort, an dem die drei jungen Uhrmacher erschossen worden sind.

Der Grenchner Streikführer Max Rüdt steht am Ort, an dem die drei jungen Uhrmacher erschossen worden sind.

«Ein Mann fiel sofort, zwei andere machten noch einige Schritte und fielen ebenfalls. Der nächste der Gefallenen befand sich etwa drei Meter von mir, die beiden anderen etwa vier Meter. Ich besah sie nicht näher, hatte aber den Eindruck, dass alle drei tot waren.» Major Henri Pelet schildert seine Sicht der Ereignisse.

Ganz anders war der Befund beim dritten Toten. Hier fand der Arzt Girard bei der Leichenschau drei Einschusslöcher, aber es gab, anders als bei den anderen Opfern, keine Austrittswunde, keine Verletzungen auf der anderen Seite des Körpers. «Ich hätte auch bei Scholl Durchschüsse erwartet», sagt Lanz. Denn Gewehre schiessen Patronen mit einer solchen Energie los, dass sie meist durch die Körper der Opfer hindurchdringen, anders als Pistolen, bei denen die Projektile im Körper der Getroffenen bleiben können.
Bei Scholl aber fand sich, trotz des Schusses aus geringer Distanz und obwohl er gleich drei mal getroffen wurde, keine Austrittswunde. «Ich kann mir fast nicht vorstellen, dass drei Treffer von Infanteriegewehren vorne keinen Ausschuss erzeugen», sagt Lanz.

Damit liegt für Lanz die Schlussfolgerung nahe, dass Scholl, anders als die beiden anderen, nicht mit einem Gewehr, sondern mit einer Faustfeuerwaffe getötet wurde die die Kugeln mit weniger Energie losschicken. «Als Faustfeuerwaffen waren damals in der Armee zwei Revolvertypen (Kaliber 10.4 mm und 7.5 mm) und die Pistole «Parabellum» (Kaliber 7.65 mm) im Einsatz. Die halbautomatische «Selbstlader»-Pistole ist sicher geeignet, auf kurze Distanz ein Trefferbild wie beschrieben zu bewirken», erklärt Lanz.
Doch wer hat dann geschossen? War es der Major selbst?

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Die damaligen Untersuchungen waren schnell abgeschlossen. Die drei Opfer wurden bereits am 16. November beerdigt. «Dieser Umstand erlaubte eine Autopsie nicht», heisst es im Untersuchungsbericht beinahe entschuldigend. Die Projektile aus dem Körper herauszunehmen, erachtete Dr. Girard «nicht als nötig».

Zeugenaussagen, die belegen würden, dass Major Pelet geschossen hat, gibt es in den erhaltenen Militäruntersuchungsakten im Bundesarchiv nicht. Und Rechtsmediziner Lanz betont: «Wir wissen nicht, ob in dieser Einheit andere Armeeangehörige als die Offiziere Handfeuerwaffen hatten.» Dazu fehlen Angaben.

Ungereimtheiten, denen nicht nachgegangen wurde, gibt es auch in den Untersuchungsakten. So schreibt Major Pelet in seinem zuhanden der Untersuchungsbehörden verfassten Bericht, dass zwei Schüssen abgefeuert und drei Männer getötet wurden. Tatsächlich muss schon damals, nach Dr. Girards Bericht, klar gewesen sein, dass es mehr Schüsse gab. Ebenso gab der Major an, mit drei Füsilieren unterwegs gewesen zu sein, während die Zeugen - und der Untersuchungsbericht von vier sprachen. Nachgegangen wird den Ungereimtheiten in den damaligen Akten nicht.

War es Schlamperei, wollte man nicht zu viel wissen oder schien die Lage einfach klar? «Wir können nicht heutige Erkenntnisse und Anforderungen einfach auf anno dazumal übertragen», warnt Rechtsmediziner Lanz. «Es muss ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass heute routinemässig in eine Tatrekonstruktion einbezogene Anknüpfungspunkte wie Schmauchspuren an den Kleidern, gesicherte Projektile zur Bestimmung des Waffentyps und der individuellen Waffe etc. nicht zur Verfügung standen.»

Szene vom Landesstreik.

Szene vom Landesstreik.

Ganz anders würde man heute vorgehen: Alle Waffen auf Platz würden sofort eingezogen. Die Projektile im Körper würden Rückschlüsse zulassen, mit welcher Waffe gefeuert worden war. Und, so Lanz: Heute würde man die Kleider der Beteiligten sicherstellen, um anhand der Schmauchspuren zu erfahren, wie weit die Schussdistanz war.

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Doch wie kam es überhaupt zur Tat? Nach zwei Tagen Streik hatte sich die Lage am 14. November zugespitzt. Gerüchte gingen in den Tagen zuvor um, in Solothurn wolle die Arbeiterschaft das Rathaus stürmen. «Allgemein herrschte der Eindruck vor, bei einer Fortsetzung des Landesstreiks drohe ein Bürgerkrieg», schreibt die Historikerin Edith Hiltbrunner, die den Landesstreik in der Region Solothurn-Grenchen aufgearbeitet hat.
Auch in Grenchen war die Lage sehr angespannt. Gegen Mittag belagerten 2000 Streikende den Bahnhof Nord, demolierten Gleise, um die Einfahrt eines Zuges aus Moutier zu verhindern, sie bewarfen Soldaten mit Steinen, versuchten Eisenbahnlinien zu unterbrechen. Zusätzliche Ordnungstruppen, Kavallerie und Maschinengewehre, wurden in die Uhrenstadt beordert, die Ordnung und Ruhe sicherstellen sollten.

Zwar hatte sich die Lage etwas entspannt, als Major Pelet am Nachmittag aus Solothurn eintraf. Es hatte jedoch noch immer Streikende unterwegs. Das Militär versuchte, die Demonstration aufzulösen. Pelet «eröffnete mit lauter Stimme, dass er Platzkommandant von Grenchen sei und dass von nun an alle Ansammlungen verboten seien. Seine Wahrnung wurde von allen Seiten ausgepfiffen.» Innert einiger Minuten war der Bahnhopflatz geräumt.

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Als der Platz geräumt war, gingen Truppen ins Zentrum, um Ansammlung zu verhindern. Schliesslich ging Major Pellet vom «Löwen» her mit nur vier Mann auf die Solothurnstrasse. Zum Vorfall kommt es in einem Gässchen zwischen dem «Ochsen» und dem Cafe Baumann.

«Er hält an auf der Nähe eines Gässchens, welches von links einmündet & in welchem sich zahlreiche Manifestanten befinden», heisst es im Untersuchungsbericht. «Er befiehlt der Menge auf eine Distanz von 10 - 12 Metern, das Gässchen zu räumen. Widerholte Aufforderung. Die Menge weicht nicht, aber fährt fort mit Zurufen und Drohungen.»

Nur schrittweise seien die vordersten Manifestanten zurückgewichen, heisst es in einem Bericht der Solothurner Polizei. «Jede Gelegenheit benutzend, um zurückbleiben zu können». Die Menge sei «immer dicht vor den gesenkten Bajonetten gestanden», wird dort ein Zeuge zitiert. «Der Major habe keine Waffe in den Händen getragen.»

«Die Menge weicht nicht, aber fährt fort mit Zurufen und Drohungen. Major Pelet kommandiert zum «Schuss fertig» Er widerholt die Aufforderung auf Deutsch & Französisch. Nachher gibt er den Befehl «Feuer». Ein Manifestant stürzt sofort, 2 Andere machen 2 oder 3 Schritte und fallen. Plötzlich verschwanden die Hunderten von Manifestanten und die Strasse war total geräumt.»

Mehrmals habe er «Zurück, Trottoir frei» befohlen, schilderte Pelet selbst. Die Demonstranten seien aber nicht gewichen, sondern hätten die Soldaten mit Beschimpfungen überschüttet und «Nieder mit der Armee, es leben die Bolschewiki» geschrien. «Alsdann gab ich den Befehl «Feuer» 2 Schüsse fielen und 3 Tote. Die Menge zerstreute sich vollständig.»

Dass Pelet angibt, die Menge habe den bolschewistischen Umsturz gefordert, erstaunt wenig. In bürgerlichen Kreisen sei die «Interpretation des Generalstreiks als Revolutionsversuch» Ende 1918 «weit verbreitet» gewesen, schreibt die Historikerin Edith Hiltbrunner. Nicht wenige Schweizer hätten geglaubt, dass die Schweiz im November 1918 vor einem bolschewistischen Umsturz gestanden habe. «Allerdings wurde die Angst vor einem Umsturz von bürgerlichen Politikern aufgebauscht und und bewusst verwendet, um dabei den anstehenden ersten Proporzwahlen auf nationaler Ebene punkten zu können.»

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Historikerin Hiltbrunner führt die Eskalation in Grenchen auf zwei schwerwiegende Fehler des Militärs zurück. Einerseits dass der Zug aufgeteilt worden war und Major Pelet mit nur wenigen Soldaten weitermarschierte. «Die Kommandanten mussten schiessen lassen, um sich durchsetzen zu können», schreibt sie. Andererseits fehlte in Grenchen ein Platzkommando. Die Befehlsstruktur war unklar.

Notwehr findet sich nicht als Grund für die Schüsse. Dafür wird - neben dem Umstand, dass die Truppen nur ihren Dienst leisteten und für Ruhe sorgten – mehrfach betont, dass die Truppen gereizt und beschimpft worden seien, dass sie aufgefordert wurden, Befehle zu verweigern. Und auch Major Pellet fühlte sich in seiner Ehre getroffen, wie in den Untersuchungen mehrfach festgehalten wird. «Allez chier dans votre commune», soll einer der Streikenden dem Maior zugerufen haben und als dieser sagte»Areetez, soll ihn der Bursche «Sale cochon» genannt haben. « Auf diese erneute schwere Beleidigung wandte sich der Major an die Füsiliere mit den Worten: «Eh bien, tirez», heisst es im Untersuchungsbericht.

«Der befehligende Major sei bis zum Moment, als ihm der junge Bursche das letzte Schimpfwort zurief, ganz kaltblütig und gelassen gewesen. Erst auf dieses gemeine Schimpfwort sei er in Aufregung gekommen», zitiert Leutnant Gribi in seinem Bericht ans Polizeidepartement in Solothurn einen Zeugen.

Dass Beleidigungen als Rechtfertigung für die Schüsse herhielten, sorgte bereits 1918 für Diskussionen. In der Grabrede auf Hermann Lanz sagte Pfarrer Ernst Hubacher: «Wenn in den letzten Tagen auf jede Beleidigung des Militärs so prompt wie in Grenchen mit Blei geantwortet worden wäre, hätten wir als Ergebnis des Landesstreiks in der Schweiz herum nicht ein halbes Dutzend, sondern einige Tausend Tote zu verzeichnen» Wenn ein Schimpfwort gefallen wäre, so hätte sich dies nur «gegen jenen undemokratischen Geist in der Armee» gerichtet, «der meint, die verletzte Ehre eines Offiziers mit drei geopferten Menschenleben wiederherstellen zu müssen.»

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Ob «die Schuldigen dieses Arbeitermordes zur Rechenschaft gezogen» würden, wollte der Oltner SP-Nationalrat Jacques Schmid in einem Vorstoss vom Bundesrat wissen. Dezidiert und knapp antwortete Bundesrat Camille Decoppet, der Vorsteher des Militärdepartementes: «Finden Sie in der Haltung der Offiziere und der Truppe etwas Tadelnswertes? Sie haben ihre Pflicht getan», antwortete Decoppet im Dezember 1918. Man habe die Soldaten mit Steinen beworfen. «Nach dem Reglement waren sie zum Waffengebrauch berechtigt.» Und weiter: «Schuldig sind die, die die Truppe gereizt, sie zur Revolution aufgefordert haben.»

Major Pelet selbst schrieb: «Ich glaube, dass ich im Recht war zu schiessen, oder besser gesagt, ich bin überzeugt, dass ich recht getan habe. Einen Schuss in die Luft abzugeben hielt ich nicht für zweckmässig, einmal weil dadurch Unschuldige, z.B. Leute in den Fenstern gefährdet werden, und sodann weil das Schiessen in die Luft den Eindruck gemacht hätte, dass wir Angst haben.» Als «Opfer ihrer Frechheit und Widersetzlichkeit» werden die Toten in einem Bericht der Solothurner Polizei genannt.

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Die Stadt Solothurn, in der das Waadtländer Füsilierbataillon ebenfalls gedient hatte, spendete 4000 Franken ans Bataillon. Die Bürgergemeinde Grenchen verdankte den heldenhaften Einsatz der Soldaten.

Der Toten aber wurde lange nicht gedacht. Ein Stein, der an sie erinnerte, verschwand in den 1950er-Jahren vom Friedhof. Seit einigen Jahren allerdings gibt es eine Gedenkplatte am Zytplatz. Und heute Mittwoch legen die Behörden in Grenchen einen Kranz für die Getöteten nieder, die Glocken der Landeskirchen läuten. Die bürgerlich regierte Stadt ehrt heute nicht die Soldaten, sondern die Gefallenen.

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