Zwei Einfamilienhäuser – das ursprüngliche Direktionshaus und das Gebäude des Hauswarts – wurden durch einen Neubau miteinander verbunden und umgebaut. Nebst den eher kleinen Schlafzimmern gibt es zwei Badezimmer, eine grosse zentrale Küche, einen Aufenthaltsraum, eine eigene Waschküche und zwei grosse Terrassen. Rund eine Mio. Franken wurden für das Pilotprojekt aufgewendet.

Die Idee, beim Alterszentrum Weinberg eine Wohngruppe zu schaffen, entspricht einem Bedürfnis, das schon länger latent vorhanden ist. «Die Stiftung Alterssiedlung Grenchen bietet im Alterszentrum Kastels 87 und im Alterszentrum am Weinberg 86 betagten Menschen ein wohliges und sicheres Zuhause», so die Einführung auf der Website.

Nicht nur «Alte» im Altersheim

So weit, so gut. Nur findet man ab und zu auch Menschen im Altersheim, die im Grunde dort nicht hingehören. Sonja Leuenberger, Geschäftsleiterin der beiden Alterszentren Kastels und Weinberg, erklärt: «Es gibt im Kanton Solothurn nur wenige Plätze für Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen, wegen psychischer Probleme oder weil sie beispielsweise eine Suchtvergangenheit haben, nicht mehr alleine leben können. Sie sind nicht körperlich beeinträchtigt, wären folglich in einem Heim für Behinderte fehl am Platz. Es sind Menschen, die nicht mehr im Arbeitsprozess stecken, entweder, weil sie bereits im Pensionsalter sind oder weil das aus psychischen oder anderen Gründen nicht möglich ist. Und weil es für sie nirgendwo einen Platz gibt, werden sie in ein Altersheim gesteckt.» So lebt beispielsweise seit einiger Zeit ein 40-jähriger Mann im «Weinberg», der an einem Hirntumor leidet. Auch Bewohner von Institutionen, wie dem Schmelziwohnheim, werden älter und brauchen ein neues Zuhause, sobald sie ins Pensionsalter kommen. Aber gegenüber den «normalen» Bewohnern im Altersheim sind sie vergleichsweise jung.

Beim Umgang mit den alten Menschen, welche im Alterszentrum leben, liege der Schwerpunkt auf der Pflege, erklärt Leuenberger. Diese jüngeren Menschen benötigten aber hauptsächlich Betreuung. «Es sind Menschen, die in erster Linie eine Tagesstruktur brauchen, eine sozialpädagogische Betreuung benötigen und eine Umgebung, in der sie sich wohlfühlen und einen Grossteil ihres Alltags selber organisieren können. Das sind andere Bedürfnisse, als wir sie normalerweise auf unseren Stationen abdecken.» Das Personal im Altersheim kann im Pflegealltag nicht gleichzeitig therapeutische Tagesstrukturen anbieten, aber auch Angehörige hätten oft Mühe, wenn «normale» alte Leute zusammen mit solchen Menschen auf einer Station untergebracht seien.

Lücke im Angebot füllen

Die neue Wohngruppe fülle quasi eine Lücke im Angebot. Bewohnerinnen und Bewohner kaufen zusammen ein, kochen gemeinsam, putzen und räumen auf. «Die Mitglieder der Wohngruppe erleben einen normalen Alltag, wie sie ihn in einem eigenen Zuhause auch erleben würden – allerdings betreut. Jeder Bewohner wäscht beispielsweise seine Leibwäsche selber», sagt Leuenberger. Gleichzeitig könne man von Synergien mit dem Weinberg profitieren: Bettwäsche und Grossreinigung übernehmen die Hausdienste. Der Wohngruppe steht es auch frei, an Aktivitäten des Alterszentrums teilzunehmen. Das Haus ist offen, die Bewohner können ihre Freizeit selber gestalten, ins Kino gehen oder sonst einem Hobby nachgehen.

Neues Team mit Spezialisten

3,5 Stellen sind in der Anfangsphase für die Wohngruppenbetreuung budgetiert. Ein neues Team wurde speziell zusammengestellt, mit Personen, die sowohl aus dem Pflegebereich kommen, als auch Fachleuten mit sozialpädagogischer und medizinischer Ausrichtung. Zudem arbeitet man eng mit der Psychiatrischen Klinik Solothurn zusammen und ist in Kontakt mit der Stiftung Schmelzi. Die Betreuung ist während 24 Stunden gewährleistet, eine der Betreuungspersonen übernachtet auch in der Wohngruppe.

Von den sieben bis neun Plätzen sind aktuell vier belegt: Zwei Personen, die bisher im Altersheim wohnten, zogen in die Wohngruppe um. Zwei weitere kommen von extern und befinden sich noch zur Probe am neuen Ort – innerhalb von vier Wochen können sich alle Seiten für oder gegen einen Verbleib in der Wohngruppe entscheiden.

Leuenberger stellt fest, dass man mit diesem Angebot ins Schwarze getroffen hat: «Ohne gross Werbung gemacht oder aktive Informationen gestreut zu haben, werden wir von überall her angeschrieben. Institutionen möchten gerne Klienten bei uns unterbringen. Bei neuen Projekten dieser Art ist die Regel, dass nach rund einem Jahr
50 bis 60% der Plätze belegt sind. Wir liegen jetzt schon nach sechs Wochen bei 50%. Das zeigt, dass effektiv ein Bedürfnis besteht.» Aber man will nichts überstürzen: Betreuungsteam und Wohngruppe müssen gemeinsam wachsen. «Wir wollen auch nicht mehr als zwei Personen gleichzeitig auf Probe bei uns haben und werden auch erst später entscheiden, wie viele Plätze es maximal sein werden.»

Finanziert werden die Plätze gleich wie die Plätze im Altersheim: über die Pflegefinanzierung, die AHV und Ergänzungsleistungen.

Bedürfnisse werden sich ändern

Kurt Boner, Leiter der Sozialen Dienste Oberer Leberberg und Präsident der Stiftung Alterssiedlung Grenchen, ist überzeugt vom neuen Angebot: «Das gab es bisher noch nicht im Kanton Solothurn und wir versprechen uns viel vom neuen Projekt.» Mit der Verlegung von Personen aus dem Altersheim in die Wohngruppe entlaste man das Personal und könne den andersgearteten Bedürfnissen besser gerecht werden. «Im heutigen System werden soziale Indikationen zu wenig beachtet. Diese Menschen brauchen einfach andere Dinge als die, welche normalerweise bezahlt werden. Also nicht nur Pflege, sondern eben auch Betreuung.»

Die Stiftung Alterssiedlung Grenchen ist der grösste Anbieter an Betten in der Region, so Boner. «Ein 08/15-Kurs im Betrieb unserer Alterszentren ist nicht mehr zeitgemäss. Wir müssen diversifizieren und differenzierte Angebote anbieten. Auch künftige Generationen werden ganz andere Bedürfnisse haben, wenn sie ins Altersheim kommen, als diejenigen Menschen, die wir jetzt betreuen. Uniformierte Angebote wird es künftig immer weniger geben.» Mit der neuen Wohngruppe mache man einen wichtigen Schritt in diese Richtung.