Grenchen
Wohlfahrt Pianos & Flügel feiert Jubiläum und eine bewegte Geschichte

Wohlfahrt Pianos & Flügel aus Grenchen feiert 111 Jahre mit einem Tag der offenen Tür. Mattia Wohlfahrt führt das Geschäft in der vierten Generation.

Daniela Deck
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Seit 111 Jahren steht das Piano im Mittelpunkt
8 Bilder
Klavierveteranen der Marke Wohlfahrt
Klavier-Restauration ist Handwerk
Historische Bilder aus der Zeit der Klavierproduktion
Blick auf die Saiten und Hammermechanik
Altes Werbeplakat
Plakat und Foto (rechts) mit der berühmten Pianistin Martha Argerich
Der Firmensitz an der Lengnaustrasse

Seit 111 Jahren steht das Piano im Mittelpunkt

Hansjörg Sahli

Die Schnapszahl kommt von den ersten schriftlich datierten Firmenunterlagen des Klavierbauers, denn das Geschäft an sich ist vermutlich einige Jahre älter. «Bei uns stand schon immer das Alltagsgeschäft im Vordergrund, die Sorgfalt rund um die Instrumente, und nicht die Geschichtsschreibung», sagt Mattia Wohlfahrt. Er führt das Familienunternehmen in vierter Generation. «Den 100. Geburtstag haben wir nicht gefeiert, deshalb möchte ich jetzt ein Zeichen setzen und der Bevölkerung von Grenchen und Umgebung für die treue Unterstützung danken.»

Fotos, Firmenplakate, ein einziges Werkbuch aus den Gründerjahren, rund 11000 Klaviere und Flügel und natürlich die Erinnerungen von Mattia und seinem Vater Werner Wohlfahrt, zusammengenommen geben diese Dinge den Blick auf eine bewegte Geschichte frei. Geografisch spielen Grenchen, Nidau und Lengnau die Hauptrollen, doch ohne die Kulturstadt Meiningen im deutschen Thüringen gäbe es die Geschichte nicht. Hier wuchs im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts geboreneFirmengründer auf, Hermann Franz Wohlfahrt, und lernte das Klavierbau-Handwerk. «Einst waren Klavierfabriken in Deutschland so verbreitet wie in unserer Region die Uhrenfabriken.

Neues Angebot: Klavierschule für Erwachsene

Die Idee kam von der Kundschaft. Immer wieder wurde Mattia Wohlfahrt beim Klavierstimmen und anlässlich von Instrumentenrestaurationen um Adressen von Klavierlehrern gebeten. Jetzt beginnt er im Salon Wohlfahrt, im Dachstock an der Lengnaustrasse 8, eine Klavierschule für Erwachsene. Geleitet wird diese von der erfahrenen Klavierlehrerin, Pianistin, Organistin und Komponistin Sabine Lehmann. Ob Wiedereinsteigerin, Routinier oder Anfänger, wer immer sich fürs Klavierspielen interessiert, kann Lektionen buchen. Es spielt keine Rolle, ob klassische Stücke, Improvisationen, Harmonielehre, Liedbegleitung oder sonst ein Ziel im Vordergrund steht. Mattia Wohlfahrt erklärt: «Im Salon Wohlfahrt erhalten die Leute Gelegenheit, ganz unterschiedliche Instrumente auszuprobieren, ein Steinway-Flügel, ein E-Piano, ein 100-jähriges Wohlfahrt-Klavier und noch einiges mehr. Zentral ist die Freude am Entdecken und Spielen.» Ihm ist wichtig, dass die Klavierschule den Musikschulen keine Konkurrenz macht. Deshalb sei sie für Erwachsene konzipiert worden. «Ich bin überzeugt, dass jedes Lebensalter einen eigenen Zugang zu diesem spannenden Instrument hat, und unser Dachstock bietet das passende Ambiente, um musikalisch neue Horizonte zu entdecken», erklärt er die Wahl des Ortes. (dd)

Erste Klaviere in Biel

Warum Hermann Wohlfahrt ins Seeland kam, wo er seine Frau fand, wissen wir nicht, nur, dass er zuvor in Frankreich in der Fremdenlegion war», erzählt Werner Wohlfahrt vom Grossvater. In der Umgebung von Nidau sei er als Prediger tätig gewesen, wahrscheinlich für die Methodistenkirche, und habe seinen späteren Compagnon, den Lehrer Schwarz, kennen gelernt und das Bürgerrecht erworben. Die ersten Klaviere baute der junge Handwerker in einer kleinen Werkstatt in Biel. Der Erfolg erlaubte ihm den Umzug in eine ehemalige Spinnerei in Nidau, wo er für seine Verdienste um die Stadt später zum Ehrenbürger ernannt wurde.

Schwarz schied bald aus der Firma aus und diese wuchs beträchtlich. Söhne, Töchter und Schwiegersöhne arbeiteten mit. «Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich bei der Restauration die Bronzeplatte mit der Aufschrift «Wohlfahrt Helvetica» und das grosse Schweizer Kreuz im Klavier sehe», sagt Mattia Wohlfahrt. «Dank dem Internet erfahren wir allmählich, wo unsere Instrumente heute daheim sind. Das weiteste ist bisher Südamerika.»

Restaurieren und Stimmen

Von Nidau zügelte die Firma nach Lengnau und Mitte der Fünfzigerjahre nach Grenchen, wo sie seit über 40 Jahren an der Lengnaustrasse beheimatet ist. Anders als sein Vater, der zu Beginn seiner Karriere noch rund 300 Klaviere baute, hat sich Mattia Wohlfahrt nach der Lehre als Klavierbauer auf das Restaurieren und Stimmen spezialisiert. Die meisten Besucher kennen vom Haus den Dachstock als Kulturstätte (siehe Kästchen), doch in den untersten zwei Geschossen verbringt Mattia Wohlfahrt wesentlich mehr Zeit. Im Keller erledigt er die staubigen Arbeiten, wobei ihm ein 100-jähriger Bohrer noch heute gute Dienste leistet. Das Erdgeschoss ist der staubfreien Präzisionsarbeit vorbehalten. «Ein Klavierbauer hat ungefähr zehn Berufe: Schmied, Schreiner, Maler, Schneider, Sattler... und Künstler ist er auch noch», erklärt Werner Wohlfahrt. «In reiner Handarbeit braucht ein Mensch einen Monat, um ein Klavier zu bauen –– wenn er zügig arbeitet.» Das rentiert in der Schweiz nicht mehr. Deshalb hat sich die Firma an die modernen Bedürfnisse angepasst.

Beitrag zur Kultur

Die Firma leistet zudem seit Jahrzehnten einen Beitrag an das Kulturleben in Grenchen, wobei das Klavier nicht immer eine Rolle spielt. Im Rahmen der Konzertreihe im Salon Wohlfahrt gaben sich schon bekannte Namen wie der Pianist Stanislaw Bunin und der Satiriker Andreas Thiel die Ehre, aber auch das Duo Martin Sommer (Gitarre) und Luise Enzian (Harfe) und viele andere. Ausserdem organisiert Mattia Wohlfahrt regelmässig Kulturreisen nach Leipzig, wo neben dem Besuch der weltbekannten Klavierfabrik Blüthner Museen, Messen, Konzerte und kulinarische Spezialitäten auf dem Programm stehen.

Tag der offenen Tür von Wohlfahrt Pianos & Flügel an der Lengnaustrasse 8: Samstag, 22. November, von 10 bis 18 Uhr.

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