Grenchner Wohntage
Wohin führt Sharing Economy?

Wie verändert sich die Art zu Wohnen mit Angeboten wie Airbnb & Co. Im Rahmen der Wohntage in Grenchen diskutierten Fachleute darüber.

Andreas Toggweiler
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Podiumsdiskussion mit – von links – Karin Salm (Moderation), Benoit Demierre, Michael Hermann, Pierre-Arnauld Fueg, Julia Hofstetter und Dominik Georgi.

Podiumsdiskussion mit – von links – Karin Salm (Moderation), Benoit Demierre, Michael Hermann, Pierre-Arnauld Fueg, Julia Hofstetter und Dominik Georgi.

Hanspeter Baertschi

«Manchmal wünschte ich mir ein Moratorium für technologische Entwicklung, wenig später bin ich wieder froh darum.» Mit diesen Worten eröffnete Ernst Hauri, Direktor des Bundesamtes für Wohnungswesen in Grenchen (BWO) die 21. Wohntage im Parktheater. Die Fachtagung als zentrale Veranstaltung der Wohntage stand diesmal unter dem Motto «Börsen, Plattformen und soziale Netzwerke: welche Auswirkungen auf das Wohnen».

Dass die Auswirkungen der internet-basierten «Share Economy» real sind, zeigte Dominik Georgi vom Institut für Kommunikation und Marketing der Hochschule Luzern am Beispiel des Internetportals Airbnb, auf dem jeder seine Wohnung oder Teile davon (unter-)vermieten kann.

«Erlebe die Stadt wie ein Einheimischer» lautet die Affiche der Airbnb-Homepage, und dieses Alleinstellungsmerkmal, gepaart mit den üblichen Online-Funktionen, sorge für den Erfolg. Schon 50 000 Betten (weltweit 2 Mio.) würden in der Schweiz angeboten, primär in den Ballungsräumen und touristischen Destinationen. «Dies entspricht einem Zuwachs von 250 Hotels in der Schweiz», sagte Georgi.

300000 Übernachtungen würden so schweizweit generiert, 83 Prozent für Ausländer, welche im Durchschnitt 4,5 Nächte bleiben. Während die meisten während der Ferien oder für die Finanzierung einer grösseren Wohnung vermieten, gibt es auch schon «Power Seller», die 100 Wohnungen oder mehr über das Portal auf den Markt bringen. «Es stellt sich die Frage: ist dies noch sharing?»

In manchen europäischen Städten verschärfe Airbnb die Wohnungsnot, da Vermieter von der erhöhten Zahlungsbereitschaft von Touristen profitieren. «Das geht dann bis zu Protesten gegen das Rollkoffer-Geklapper in gewissen Wohnquartieren.» Auch werde diskutiert, ob Airbnb egoistischer mache, indem ein weiterer Lebensbereich monetarisiert wird.

Die Städte steckten in einem Dilemma zwischen einer Attraktivierung als Tourismusdestination durch ein zusätzliche Übernachtungs-Segment und der gleichzeitigen zusätzlichen Verknappung von «normalem» Wohnraum. Auf dem Land hingegen sei Airbnb durchaus geeignet, ein vorhandenes, zu schwach genutztes Angebot besser auszulasten.

Weitere Veranstaltungen

Im Rahmen der Wohntage finden noch weitere öffentliche Veranstaltungen in Grenchen statt: Nach der Verleihung der kantonalen Architekturpreise von Donnerstagabend folgt am Montag, 7. November ein Kinoabend.

Das Kino Rex zeigt die bitterböse Komödie «Allein unter Nachbarn - La Comunidad» (18.30 Uhr, freier Eintritt). Eine Diskussionsrunde widmet sich am 10. November um 19 Uhr im Kunsthaus unter dem Titel «Kunstberichterstattung an der Wohnfront» dem Thema Kunst im (Wohn-)Alltag.

Ausdruck von Knappheit

Eine Podiumsdiskussion diskutierte anschliessend weitere Auswirkungen von webbasierten Dienstleitungen auf verschiedene gesellschaftliche und ökonomische Bereiche. «Sharing ist eigentlich für mich nicht das richtige Wort, es ist eine Untervermietung», meinte etwa der Politologe Michael Hermann.

In der Schweiz sei Airbnb zwar sichtbar, aber mit weniger als 1 Prozent des gesamten Wohnangebotes noch nicht bedeutend. In den Städten sei es ein weiterer Ausdruck der ohnehin schon herrschenden Knappheit. Sharing habe in der Schweiz durchaus eine gewisse Tradition, wenn man an die Waschküche denke. Der Wunsch nach mehr Privatsphäre sei allerdings im Vormarsch.

Julia Hofstetter vom genossenschaftlichen Wohnprojekt Kraftwerk 1 in Zürich betonte ebenfalls den Unterschied zu einer «echten Allmende», die von allen gemeinschaftlich genutzt werden kann. Das Wohnexperiment mit günstigen Mieten innerhalb der «Mietpreishölle» Zürich würde es jedenfalls nicht goutieren, wenn ein Mitglied den Reibach auf Airbnb machen würde. «Das würde unserem Genossenschaftsgedanken widerspreche», meint sie.

Gefordertes Baugewerbe

Benoit Demierre von der Baufirma Losinger Marazzi unterstrich, wie eine rasche gesellschaftliche Entwicklung ein traditionell funktionierendes Gewerbe wie die Bauwirtschaft herausfordere. «Wir haben im Jahr 2000 in der Agglo Bern eine Alterssiedlung mit vielen Parkplätzen gebaut. Heute schon steht die Hälfte der Plätze leer. Airbnb beeinflusse sicher auch den Entscheid, ob und wo man ein zusätzliches Hotel baue. «Die Unsicherheit ist gewachsen, denn die Entwicklung ist rasant.»

Dank digitaler Technologien werden Städte zu Smart Cities mit vernetzten Quartieren und Regionen. Pierre Arnauld Fueg, Stadtpräsident von Pruntrut, betonte, dass auch die öffentliche Hand mit ihren gelenkten Investitionen vor diesem Problem steht. «Entweder man ist zu früh für einen Trend oder zu spät.» Heute könne man auch ein Hotel eröffnen, beispielsweise in einer historischen Kernzone, ohne das Stadtbild zu verändern. «Die Zimmer sind dann einfach über einen Radius von vielleicht 300 Metern verteilt.»

Weitere Beispiele wie Quartier-Apps wurden erläutert, ein Portal zur Vermietung von Studenten-Logis (inklusive elektronische Vertragsunterzeichnung, Bezahlung, Inventar etc.), eine webbasierte Nachbarschaftshilfe für Zeitgutschriften und verschiedene Beispiele von Crowdfunding.