Noch blöken schwarze Schafe auf der saftgrünen Wiese zwischen Höhenweg und Schöneggstrasse. Im südlich gelegenen Wäldchen jagen sich aufgeregte Eichhörnchen durch die Baumkronen. Und ein paar Meter weiter unten geniessen die Mieter in der bald 100-jährigen, herrschaftlichen Villa Lambert die Ruhe in ihrer idyllischen Insel, gärtnern, hocken im Liegestuhl oder machen draussen abends ein kleines Feuer an.

Um die Villa des Maschinenfabrikanten Seraphin Lambert (1853-1924) mit ihrer terrassenförmig angelegten Parkanlage geht es aber nicht. Sie steht unter kommunalem Schutz.

Es geht um die knapp 7000 Quadratmeter Bauland, die die Stanser Wohnbaugenossenschaft Atlantis-WBG 2005 zu guten Konditionen gekauft hat, um darauf 40 bis 50 preiswerte Wohnungen und Raum für eine betreute Wohngemeinschaft zu erstellen.

Danach war es jahrelang still - jetzt könnten die Pläne wieder aktuell werden. «Wir werden die Pläne unter Umständen nächstes Jahr wieder aufrollen», bestätigte Leo Wolfisberg, Präsident der Wohnbaugenossenschaft, diese Woche auf Nachfrage.

Visionen mit sozialem Charakter

Die lange Pause muss nicht überraschen: «Atlantis» scheiterte mit ihrem Projekt sowohl bei der Stadt wie - nach einer Beschwerde - auch beim Kanton. Die Genossenschaft hatte sich überzeugen lassen, einen Gestaltungsplan zu verfassen, der nicht bewilligt wurde.

Der geplante Bau sei zu dicht, lautete ein Hauptargument in der Begründung. Ausserdem wurde der Wohnbaugenossenschaft langsam bewusst, dass Grenchen weniger urban ist, als man es vielleicht erwartet hätte. Günstiger Wohnraum ist in Fülle vorhanden.

«Atlantis» widmete sich vorerst anderen Projekten in der Innerschweiz und Bern. Wolfisberg sagt, er habe Zeit gebraucht, die Bruchlandung in Grenchen zu verdauen. Jetzt aber hat die Genossenschaft eine Partnerschaft mit der Luzerner Fachhochschule, Abteilung Architektur, zur Überarbeitung des Projekts begonnen.

Grosse Hoffnung in Ergebnisse aus Luzern

Ob und wie man in Grenchen doch noch bauen kann, sei zwar noch offen, sagt Wolfisberg, der in mehreren sozialen Stiftungen Einsitz hat. Er setze aber grosse Hoffnung in die Ergebnisse aus Luzern, wo Grenchen ein Semester lang als Modellgrundlage für Arbeiten zum Thema Wohnwandel diene und Inputs für ein neues Vorprojekt liefern soll.

Wolfisberg hat ambitionierte, fast fantastisch anmutende Visionen für Grenchen: Ziel ist es, auf genossenschaftlicher Basis eine generationenübergreifende Siedlung zu bauen. Dort könnten Familien, Alleinerziehende, Menschen mit Behinderungen, jüngere und ältere Leute in sogenannten «Clustern» ein Zuhause finden.

«Inklusion» nennt Wolfisberg diese Idee. «Das soll einem möglichst grossen Kreis von Menschen die Handhabung von Gegenständen und Orten ermöglichen, ohne spezielle und separierende Lösungen zu bieten, die häufig als stigmatisierend empfunden werden», erklärt er.

So könne man auch Problemen entgegenwirken, die mit dem demografischen Wandel entstehen. «Damit würden wir das ursprüngliche Projekt für Grenchen ausbauen und die Wohngemeinschaft in eine modernere Richtung führen.»
Trotzdem will Wolfisberg noch nicht vom konkreten Bauprojekt sprechen. 100 000 Franken hat «Atlantis» in Grenchen bereits (vergebens) eingesetzt.

Würde die Wohnbaugenossenschaft bauen, müsste sie im Voraus einen Teil der Wohnungen verkauft haben, um das wirtschaftliche Risiko zu minimieren. Und auf einen Gestaltungsplan würde Wolfisberg nächstes Mal voraussichtlich verzichten.

Mit der Idylle wär es vorbei

Zurück zur Villa Lambert. Deren Bewohner - heute drei Parteien - stehen einem Bauprojekt nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber. Das legt zumindest die Aussage einer Mieterin nahe. Dennoch könnte letztlich die effektive Ausführung des Baus auch das Wohnen in der Parkanlage beeinflussen.

Zwischen Villa und Bauland liegen nur wenige Meter - und so viel ist daher sicher: Schafe oder Eichhörnchen müsste man dann künftig woanders suchen.