Granges Mélanges

«Wir sind alles Minderheiten, deshalb braucht es neue Modelle»

v.l.: Valentin Abgottspon, Elisabeth Ambühl-Christen, Andreas Tunger-Zanetti, Kuno Schmid, Sevim Polat und Christoph Jungen.

v.l.: Valentin Abgottspon, Elisabeth Ambühl-Christen, Andreas Tunger-Zanetti, Kuno Schmid, Sevim Polat und Christoph Jungen.

Wo können Jugendliche heute religiöse Erziehung, Wissen und Identifikation erhalten? Eine Podiumsdiskussion im Rahmen der Woche der Religionen zeigte Möglichkeiten auf. Der reformierte Pfarrer Christoph Jungen plädierte dabei für neue Modelle.

An der Veranstaltung in der Aula Schulhaus IV führte Prof. Kuno Schmid von der Uni Luzern die Anwesenden zuerst einmal in die Thematik ein. Die erste religiöse Erziehung obliege den Eltern. Durch die Religionsgemeinschaften erfolge danach eine Art Identitätsstiftung, die zu mündigem und solidarischem Denken führen sollte.

Die Schule schliesslich besetze Felder, die die Kinder und Jugendlichen noch nicht kennen, wobei der Aspekt der Religionsfreiheit wichtig sei. Mit dem Lehrplan 21 werde dem Wandel in der Gesellschaft Rechnung getragen.

Im Kanton Solothurn obliegt dabei der eigentliche Religionsunterricht weiterhin den staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften (katholisch, reformiert, christkatholisch). Neu werden andere Religionen und Ethik in der Unterstufe integriert in das Schulfach «Natur Mensch, Gesellschaft» und an der Oberstufe wird «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» als eigenständiges Schulfach unterrichtet.

Unparteiliche Lehrer

Dass dies in unserer heutigen multireligiösen Gesellschaft von den Lehrpersonen ein hohes Mass an Unparteilichkeit verlange, wurde sowohl von Kuno Schmid als auch an der nachfolgenden Podiumsdiskussion betont. Gesprächsleiter Andreas Tunger-Zanetti, Religionsforscher an der Uni Luzern, betonte, dass neue Religionen und die Veränderungen innerhalb der Religionen es unabdingbar machen würden, dass man immer wieder neu über den Religionsunterricht sprechen müsse.

Elisabeth Ambühl-Christen vom solothurnischen Departement für Bildung und Kultur stellte klar, dass es der öffentlichen Volksschule obliege, Richtlinien zu erlassen. «Früher war klarer, was die Kinder aus der Familie an Vorwissen mitbringen. Heute liegt es an der Schule, die diversen Strömungen zusammenzubringen. Wichtig ist auch, dass Kenntnisse von anderen Religionen vermittelt werden», führte sie weiter aus.

Valentin Abgottspon von der Freidenker-Vereinigung Schweiz forderte, dass die Volksschule die sich verändernde gesellschaftliche Realität umzusetzen hätte. Er bemängelte, dass dem «säkularen Humanismus» (Freidenker, Atheisten, Agnostiker) immer noch zu wenig Beachtung geschenkt werde.

Der reformierte Pfarrer Christoph Jungen erinnerte daran, dass wir definitiv am Ende des «Konstantinischen Zeitalters» angelangt seien und in einer multireligiösen Zeit leben würden. «Alle sind wir Minderheiten, daher braucht es neue Modelle», meint er dazu. Er plädierte auch für eine Lernlust auf Fremdes im Sinne von Kurt Marti (reformierter Pfarrer und Dichter).

Die Muslimin Sevim Polat von der Gemeinschaft «von Christen und Muslimen in der Schweiz» unterstützte dieses «Wegerleben von Differenzen» und erzählte von einer gelungenen interreligiösen 1.-August-Feier in Bern. «Manchmal muss man/frau ein Wagnis eingehen», riet sie den Anwesenden. Gleichzeitig sei es aber wichtig, dass Kenntnisse über andere Religionen in der Schule vermittelt würden. Somit könnte verhindert werden, dass sie – wie kürzlich geschehen – gefragt werde: «Habt Ihr Islamisten in der Schweiz eigene Kirchen?»

Die anschliessende, intensive Publikumsdiskussion zeigte, wie brennend das Thema ist. Sie machte auch deutlich, dass die Einführung des Lehrplanes 21 einhergehen muss mit nachhaltiger Begleitung aller Betroffenen, insbesondere auch der Lehrkräfte.

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