Standortmarketing
«Willkommen in der hässlichsten Stadt»: Image-Video umwirbt Grenchen mit viel Ironie

Ein neuer Imagefilm spielt mit den negativen Klischees zu Grenchen – verstehen alle die Ironie?

Andreas Toggweiler
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Susanne Sahli und Olivier Messerli haben einen Imagefilm über Grenchen gedreht.

Susanne Sahli und Olivier Messerli haben einen Imagefilm über Grenchen gedreht.

Hanspeter Bärtschi

Die Grenchner Standortförderung hat ein neues Image-Video veröffentlicht. Es dürfte noch zu reden geben – und genau das ist das Ziel. Susanne Sahli, eine Grenchner Unternehmensberaterin, und der Berner Fotograf und Filmemacher Olivier Messerli hatten 2017 die Idee, einen Film zu drehen, der mit dem verbreiteten Negativ-Image der Stadt ironisch spielt und der anhand der gezeigten Bilder diese Klischees zu entkräften sucht. «Willkommen in Grenchen, der hässlichsten Stadt der Schweiz», lautet der Titel des knapp zweieinhalbminütigen Videoclips, den die beiden im Auftrag der Grenchner Standortförderung produziert haben.

«Wir wollten bewusst diese Klischees aufnehmen, mit ihnen spielen und etwas Freches machen, das die Leute animiert, über solche fixen Vorstellungen nachzudenken», sagt Sahli, die 15 Jahre in Hongkong gelebt hat. Diese Aussensicht habe ihr geholfen, bei ihrer Rückkehr die schönen Seiten der Stadt wiederzuentdecken.

Mit alten Klischees spielen

«Auf diese Art mit diesen alten Klischees zu spielen, hat mich gereizt», meint auch Olivier Messerli, der in Grenchen aufgewachsen ist, aber schon lange nicht mehr hier lebt. So habe man zusammen dieses Konzept entwickelt und sich an die Arbeit gemacht.

Angesprochen werden verschiedene Themen wie Wohnen, Arbeitsplätze, Verkehr und Freizeit. «Wer möchte schon so wohnen?», wird da im Ton des Lästerers gefragt und dazu Bilder der kantonal denkmalgeschützten Lambert-Villa im Jugendstil (wo heute Mietwohnungen drin sind) oder der neuen Terrassenhäuser am oberen Stadtrand eingeblendet. «Hier ist echt nie was los», heisst es zu Bildern zum proppenvollen Marktplatz am «Rock am Märetplatz». Systematisch wird eine Text/Bild-Dissonanz aufgebaut mit abwertenden Kommentaren zu Bildern, die aussergewöhnliche Attraktionen von Grenchen zeigen: Hi-Tech-Arbeitsplätze, der Flughafen mit Fallschirmspringern, zwei Fernverkehrsbahnlinien, die sich in der Stadt kreuzen, die Grenchenberge, die Aare, das Velodrome etc.

Soundtrack: Basement Saints

Wie es sich für einen modernen Clip fürs Web gehört, werden die Texte eingeblendet, nicht gesprochen. Der Soundtrack wird ganz von der Grenchner Rockgruppe «Basement Saints» geliefert. «Da sind wir den Jungs extrem dankbar, denn eine gute Musik auf der Tonspur ist die halbe Miete bei einer solchen Produktion», meint Filmemacher Messerli.

«Ungeeignet» – auch fürs Leserwandern dieser Zeitung.

«Ungeeignet» – auch fürs Leserwandern dieser Zeitung.

Olivier Messerli

Etwa ein Jahr haben die Dreharbeiten gedauert. «Sie begannen auf dem Grenchenberg mit Skifahren – es war saukalt», erklärt er grinsend. Der schöne Sommer hingegen, der habe geholfen, dass man die geplanten Sujets ins rechte Licht rücken konnte. Nicht ganz einfach waren die Drohnenaufnahmen, die eigentlich in Grenchen wegen des Flughafens nur mit viel Bürokratie möglich sind. «Wir haben uns mit der Flugsicherung geeinigt, dass wir nur filmen, wenn der Flughafen geschlossen ist.» Früh Aufstehen, war also öfters angesagt.

Die grosse Frage aber bleibt: Verstehen die Leute die Ironie? Sie galt bei Medienproduktionen, die sich an ein Massenpublikum richten, bisher als «No-Go-Zone». Grund: Zu viele Leute nehmen die Aussagen als bare Münze. Sahli und Messerli sind sich bewusst, dass sie hier Neuland betreten, gerade bei einer Image-Produktion.

Der neue Imagefilm für Grenchen spielt mit Ironie.

Der neue Imagefilm für Grenchen spielt mit Ironie.

Olivier Messerli

«Wir haben den Film im Vorfeld vielen Leuten gezeigt, Grenchnern und Nichtgrenchnern, und haben ein gutes Feedback erhalten – es funktioniert also – aus unserer Sicht», meint Sahli. Man sei auch froh, dass man von der Stadt Unterstützung und freie Hand hatte.

Und was meint der Stadtpräsident zum Resultat? François Scheidegger räumt ein, dass er schon leer schlucken musste, als er den Titel des Videos sah. «Aber schliesslich war es auch unser Wunsch, etwas Freches, Unkonventionelles zu machen, das zu reden gibt.» Er hoffe einfach, die Ironie werde von den Zuschauern verstanden.

Der Film wurde auf der Videoplattform Youtube in HD-Qualität veröffentlicht, soll aber auch auf weiteren Portalen der Stadt (Facebook, Standortförderung «Jurasonnenseite» etc. ) verlinkt werden. Es gibt auch eine englische und eine französische Version. «Den Link sollen auch Unternehmen einbinden können, die Personal in die Region holen möchten», meint Sahli.