Grenchen
Wild-West-Freilichttheater begeistert das Publikum

Die Freilichtspiel-Premiere von «Ich glaub, mich tritt ein Pferd» entführte das Publikum in einen komödiantischen Wilden Westen. Die Vorführung riss das Publikum zu Beifallsstürmen hin.

Gundi Klemm
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Es ist viel los im «Wilden Westen» Grenchens: Gangsterinnen überfallen den Saloon. om Es ist viel los im «Wilden Westen» Grenchens: Gangsterinnen überfallen den Saloon. om

Es ist viel los im «Wilden Westen» Grenchens: Gangsterinnen überfallen den Saloon. om Es ist viel los im «Wilden Westen» Grenchens: Gangsterinnen überfallen den Saloon. om

Solothurner Zeitung

Zwei höchst vergnügliche Stunden voller kurzweiliger Spielfreude und szenischer Überraschungen am laufenden Band schenkte das Team der Freilichtspiele 2011 seinem Publikum, das sich frenetisch klatschend bedankte. Die Uraufführung von «Ich glaub, mich tritt ein Pferd», für die Iris Minder als Autorin und Regisseurin verantwortlich zeichnet, glückte in allen Bereichen.

Vorab hielt das Wetter, das zwar dramatisch drohte – aber anders als die Zuschauenden auf der gedeckten Tribüne – keine Freudentränen weinte. Zudem waren alle rund 50 Mitwirkenden, die am Bühnengeschehen im Grenchner Eichholz beteiligt sind, prächtig in Form, was dem gesamten temporeichen Ablauf mit ausgefeilter Situationskomik und pointierten Dialogen bestens zustatten kam.

Wildwestromantik

Der Stoff «City West» greift fast märchenhaft Klischees einer mit alten, thematisch passenden deutschsprachigen Schlagern verwobenen Wildwestromantik auf, die von einer gewollt chaotisch agierenden Schauspielertruppe zu einem Theater im Theater verarbeitet wird. Man wird Zeuge einer fast katastrophal verlaufenden Bühnenprobe, bei der Turbulenzen und Probleme ohne Ende entstehen. Der angeblich eigens aus Hollywood nach Grenchen heimgekehrte Regisseur (Roland Favre mit passend nasal angliziertem Hochdeutsch und tuntigem Getue) ist dem immer wieder aufbrandenden Durcheinander nur mit verabreichtem Baldrian und häufigem Wechsel der Optik sprich: Brillenfarbe gewachsen.

Der Häuptling probt
19 Bilder
Noch sitzt der Text nicht bei allen.
Auch ein echtes Pferd macht beim Freilichttheater mit
Der stolze Häuptling
«Ich glaub mich tritt ein Pferd» - Freilichtheater in Grenchen
Auftritt Pferd: Das Timing muss stimmen
In der Nacht kommen Scheinwerfer zum Einsatz

Der Häuptling probt

Oliver Menge

Immer ereignet sich irgendetwas Unvorhergesehenes. Mal galoppiert ein Cowgirl (Irene Keller) auf realem Pferderücken zur Unzeit über die Bühne, mal fühlen sich die Darsteller unverstanden, verabscheuen ihre Rollen und entwickeln untereinander heftige Neidgefühle. Ein anderes Mal mischt sich die Ehefrau (Bea Corti) eines Mitspielers aus dem Publikum ein und gibt ihren Senf dazu. Oder der Bühnenbauer (Beat Jeannerat) stört die Handlung. In diesem herrlichen Wildwuchs gedeihen aber ebenso nuancenreiche Charaktere, wie etwa Barbetreiber Balduin (Benj Obrecht), der delikat den alternden Beau gibt.

Würdiger Federschmuck

Ums Seelenheil aller und insbesondere um das von Frau Jones (Felisa del Rio) und ihrer Tochter Daisy (Stephanie Zeni) kämpft Pfarrer Seligmann (Kari Amsler) lautstark aber mit fieser, doppelbödiger Moral. Ganz wichtig fürs Geschehen ist Mildred (Maria Dobler), die als Seherin die Zusammenhänge von Himmel und Erde erkennt. Mit gleicher Weisheit hat Iris Minder den alten Häuptling Scharfes Messer (Edi Fiechter) ausgestattet, wenn er angetan mit würdigem Federschmuck handlungsführend zum Schutz von Mutter Erde wie auch zu Frieden und Versöhnung aufruft.

Wesentlich ist die Rolle des «Gold-Suchers» Sam (Köbi Schnurrenberger), der mit seinem Fund Gier und Habsucht in der Gemeinschaft weckt. Davon angelockt zaubern die «Vier Gangsterinnen» (Pia Schild, Sara Nüsslein, Lilian Jeannerat, Meret Orgis) eine wunderbar grotesk auftretende Frauen-Gang auf die Bühne, die die vielen gesehenen Wildwest-Filmschinken parodiert und vor wilder Keilerei nicht zurückschreckt. Köstliches Fingerspitzengefühl hat Minder bewiesen, indem sie die komische Figur des stark und breitbeinig auftretenden Sheriffs «Little Joe» mit dem Jugendlichen Tom Muster und die Aufgabe des Regieassistenten Dominique mit dem jungen Dario Lupi besetzte.

Cowboy ersäuft Traurigkeit

Prall und sinnlich geht es im Saloon mit echter Pendeltür zu, wo die Bordellmutter Maggie (Heidi Huggenberger) und ihre aufgedonnerten «Dirnen» (Esther Haudenschild, Christine Cslovjecsek) die Gäste mit ihren Reizen verwöhnen. Hier ersäuft Cowboy Jimmy (Tobias Neuhaus) seine stete Traurigkeit, die sich an der für ihn unerreichbaren Indianerin «Süsse Maus» (Jana Cslovjecsek) entzündet. Schliesslich bleibt es aber nicht nur beim gemeinsamen nostalgischen Ritt in den Sonnenuntergang, sondern es kommt zum «Happy End». Inmitten der genussvollen bühnenhandwerklichen Einfälle klingen auch leisere, weisere Töne an, wenn etwa die Indianerfamilie (Marc Ghezzi, Lisa Haudenschild, Sandra Huggenberger) sogar auf Indianisch die «Patscha Mama» anrufen, den Raubbau an der Erde beklagen und auf mehr Rücksicht gegenüber der Natur hoffen. Zu ganz grosser Form läuft Elsbeth als zuerst blasses «Mädchen für alles» (Rosmarie Schwab) auf, als sie in Vertretung des Regisseurs die müde gewordene Bühnentruppe nochmals zu einem kraftvollen Engagement anstachelt. Und ganz zum Schluss deckt das Stück noch ein Geheimnis auf, das hier aber nicht verraten sei.

Grenchner Antwort

Das gesamte Ensemble wirkte an der ersten Aufführung sehr homogen, die (verstärkte) Sprache überwiegend gut verständlich. Ausleuchtung nebst Musikeinspielungen im weiträumigen Bühnenbild von Marc Reist, Adrian Cslovjecsek und fünfköpfiger Bautruppe gelangen perfekt.

Urs Wirth hatte als Präsident des Vereins Freilichtspiele Grenchen die Premierengäste begrüsst und den Titel «Ich glaub, mich tritt ein Pferd» – eigentlich ein Ausruf des Erstaunens, der aus Norddeutschland stammt – als heitere Grenchner Antwort auf den skandinavischen stehenden Satz «Ich glaub, mich knutscht ein Elch» bezeichnet.

Weitere 14 Aufführungen bis 16. Juli; Vorverkauf www.freilichtspiele-grenchen.ch