Grenchen
Wie steht es nach dem ersten Jahr um den Sprachkurs für Asylsuchende?

Ein Verein, der Deutschkurse anbietet, ist seit einem Jahr aktiv – wie funktioniert das Projekt «Sprachbrücke Grenchen»?

André Weyermann
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Therese frei (stehend) und Elisabeth Latscha im Gespräch mit den Asylsuchenden.

Therese frei (stehend) und Elisabeth Latscha im Gespräch mit den Asylsuchenden.

Oliver Menge

Seit gut einem Jahr organisiert der Verein «Sprachbrücke Grenchen» Deutschkurse für Asylsuchende. Im Verlauf des Jahres besuchten insgesamt über 60 Studentinnen und Studenten aus 10 verschiedenen Herkunftsländern den Unterricht.

Die Rückmeldungen der Lehrpersonen sind durchweg positiv. «Die Studenten sind grösstenteils sehr lernwillig, fleissig und interessiert, unsere Sprache und Kultur kennen zu lernen», weiss Therese Frei, Lehrperson und Präsidentin des Vereins. Die Teilnehmenden an den Kursen sind zumeist zwischen 18 und 30 Jahren alt und kommen schwergewichtig aus den Ländern Syrien, Somalia, Afghanistan, Bangladesch, dem Sudan und Sri Lanka. Damit die Studenten möglichst individuell betreut werden können, sind pro Klasse zwei Lehrpersonen im Einsatz, wovon eine nach Möglichkeit mit Lehrdiplom.

Fachpersonen gesucht

Freiwillige haben sich erfreulicherweise genügend gemeldet. Allerdings ist man immer noch auf der Suche nach Fachpersonen. «Denn es gibt schon Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die auch dank ihrer Vorbildung die deutsche Sprache schon ziemlich gut beherrschen und die dann mit Fragen kommen, die nur mit entsprechendem Fachwissen zufriedenstellenstellend beantwortet werden können», erklärt Therese Frei dazu.

Gesucht werden zudem deutschsprachige Personen, die es den Studentinnen und Studenten ermöglichen möchten, die erworbenen Deutschkenntnisse praktisch anzuwenden. Wer sich vorstellen kann, sich im Rahmen der Sprachbrücke regelmässig (mindestens einmal monatlich) mit einer oder mehreren fremdsprachigen Personen auf Deutsch über aktuelle Themen zu unterhalten und so gemeinsam etwas Freizeit zu verbringen, ist herzlich willkommen. Ein Lokal dafür ist vorhanden.

«Keiner spricht mit mir ...»

Der Anstoss zu dieser Idee kam übrigens von einem Teilnehmer am Kurs selber: « Frau Frei, jetzt habe ich schon ziemlich gut Deutsch gelernt. Für was? Kaum jemand spricht mit mir.» Das habe ihr schon zu denken gegeben und daher reifte die Idee, eben etwas auf die Beine zu stellen, einen Treffpunkt, in welchem man sich fernab des Schultages über «Gott und die Welt» unterhalten könne, erklärt dazu Therese Frei.

Es sei in der Natur der Sache, dass die Studierenden mit ganz unterschiedlichen Vorbildungen in die Kurse kommen. Es gibt Menschen, die reine Analphabeten seien, andere kennten einfach unser Alphabet nicht, wieder andere hingegen hätten in ihrem Herkunftsland gar eine gymnasiale Ausbildung genossen.

Hervorragend sei übrigens die Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden und Stellen, insbesondere mit den Schulen Grenchen. So könnten sie die Zimmer und Infrastruktur im Schulhaus IV nützen.

Interesse am Politsystem

Dort machen wir auch eine Stippvisite und sind einigermassen überrascht, dass sich Therese Frei und die Assistentin Elisabeth Latscha das doch eher anspruchsvolle Thema des Schweizerischen Politsystems mit ihren Studierenden erörtern. «Das ist auch nicht der Regelfall. Zuletzt haben wir alles rund um die Körperpflege behandelt. Als bei einem Besuch eines Restaurants aber die Frage auftauchte, wer übrigens unser Präsident sei, habe ich mich spontan entschlossen, das Thema aufs Tapet zu bringen», erläutert Therese Frei. Und siehe da: Assad (Sudan), Akram (Bangladesh), Mohammad (Afghanistan), Abdi Bishaar (Somalia), Ayanle (Somalia) und Pedro (Angola) zeigen sich äussert interessiert, fragen nach, wollen genauer wissen, wie das schweizerische System in Gemeinden, Kanton und Staat funktioniert. Ein Besuch im Bundeshaus wird es den Studierenden ermöglichen, das theoretische Wissen in der Praxis zu begutachten.

Engagierte Frauen

Initiiert wurde der Verein ursprünglich von Käthi Hofer nach einem Besuch der Unterkunft für Asylsuchende beim ehemaligen Spital. Sie holte mit Therese Frei, einer ehemaligen Primarlehrerin und Gründerin der therapeutischen Wohngemeinschaft «Jabahe», eine gut vernetzte Fachperson mit ins Boot. Asylsuchende, die aus diversen Gründen (noch) keinen vom Kanton organisierten Kurs besuchen können, sollen dies nun via «Sprachbrücke Grenchen» tun können. Das Angebot konkurrenziert also keinesfalls die kantonalen Bemühungen, sondern ist als Ergänzung dazu gedacht.

Wer sich zu Gesprächen mit den Studentinnen und Studenten treffen, wer aber auch nur Vereinsmitglied werden will oder wer gar eine Lehrerausbildung absolviert hat, kann sich unkompliziert bei der Sprachbrücke per Email anmelden.
www.sprachbruecke-grenchen.ch

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