Grenchen
Wie sich die 1.-Klass-Lehrerin auf den ersten Schultag vorbereitet

2540 Erstklässler starten im ganzen Kanton ihre Schulkarriere. 16 davon werden von Karin Jaeggi im Grenchner Kastels-Schulhaus unterrichtet.

Andreas Toggweiler
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Karin Jaeggi in «ihrem» Schulzimmer im Kastels-Schulhaus.

Karin Jaeggi in «ihrem» Schulzimmer im Kastels-Schulhaus.

Oliver Menge

Seit fast 25 Jahren unterrichtet Karin Jaeggi an der Unterstufe Grenchen, seit je her Erst- und Zweitklässler. Heute Morgen werden sich wieder 16 Kinder bei ihr und ihrer Stellenpartnerin zum ersten Schultag im Schulhaus Kastels einfinden. Obwohl sie schon manchen ersten Schultag erlebt hat, ist keiner wie der andere und auch das Schuljahr ist für sie trotz langjähriger Tätigkeit nicht zur Routine verkommen. «Dafür sorge ich nicht zuletzt aus eigenem Interesse», meint sie.

In den Sommerferien hat sie vorgearbeitet, die Themen aus der Fülle ihrer Unterlagen zusammengestellt und mit Claudine Gasche, ihrer neuen Stellenpartnerin, besprochen. Material, das den Schülern abgegeben wird mit Namen versehen und mit viel Herzblut das Schulzimmer für die Erstklässler ansprechend gestaltet.

Man kennt sich schon etwas

Die Kinder hat sie vor den Sommerferien schon einmal gesehen, an einem Besuchsnachmittag, an dem alle Kinder der Stadt ihre neue Lehrkraft und das entsprechende Schulzimmer des neuen Schuljahres besuchen. «So lernen wir uns schon mal etwas kennen.»

Als Klassenlehrerin war sie mit der Kollegin der Parallelklasse auch schon bei der Zuteilung der Kinder in die jeweilige Klasse involviert. «Das ist ein relativ wichtiger Prozess, damit die Zusammensetzung der Klassen stimmt und ausgewogen ist», betont Jaeggi. «Die Kinder sind in dieser Gemeinschaft nämlich für sechs Jahre zusammen», gibt sie zu bedenken.

Der erste Tag, das erste Jahr

Am ersten Schultag von heute können die Eltern ihre Kinder in die Schule begleiten und während der ersten Lektion dabei sein. Um 8.20 Uhr startet Karin Jaeggi mit den Kindern und ihrer Kollegin Claudine Gasche in ein weiteres spannendes Schuljahr. Das Material wird verteilt, die Sitzplätze ausgesucht. Für Erstklässler gibt es zuerst einmal Frontalunterricht – nicht zuletzt, weil die Schüler sich das von einer «richtigen Schule» wünschen. Um 11.20 Uhr werden die Erstklässler dann von der gesamten Schülerschaft des Kastels noch offiziell willkommen geheissen, und die Lehrkräfte des Schulhauses vorgestellt.

Im ersten Schuljahr lernen die Kinder lesen sowie Buchstaben und einfache Sätze schreiben. Gerechnet wird bis 20. Die Stoffinhalte, die es in diesem ersten Schuljahr zu erlernen gibt, sind umfangreich und wichtig. Es werden entscheidende Grundlagen gelegt. «Ein gutes Lernklima, zur richtigen Zeit ein aufmunterndes Wort sowie ausreichende Hilfestellungen, sind gute Voraussetzungen, dass die Kinder mit Spass lernen, sich motiviert zeigen und das Schulzimmer beleben. Ich freue mich auf die Zeit ...», meint Karin Jaeggi.

Trotz aller Vorbereitung: alles planen, geschweige denn voraussehen lässt sich nicht. «Die Rahmenbedingungen der Kinder sind so vielfältig. Man merkt den Kindern gut an, wie sie es zu Hause haben», erklärt die erfahrene Lehrerin weiter. Zudem braucht es eine Weile, bis jedes der Kinder «sein Plätzchen» im Klassenverband gefunden hat.

Steigende Ansprüche an Schule

Dass Eltern sich in den letzten Jahren vermehrt in die Belange der Schule einmischen (wie das bisweilen beklagt wird), hat die Lehrerin aber bei ihren Klassen nicht festgestellt. Es sei in diesem Zusammenhang wichtig, ein gutes Verhältnis zu den Eltern aufzubauen. «Wenn die Eltern Vertrauen in die Arbeit der Lehrerin haben, neigen sie auch weniger dazu, sich einzumischen.»

Die Anforderungen und Erwartungshaltungen der gesamten Gesellschaft gegenüber den Schulen, die seien aber zweifellos gestiegen in den letzten Jahren, hält sie hingegen fest. Umgangsformen, Umweltbewusstsein und manuelle Fertigkeiten werden zusehends mehr an die Schule delegiert.

Dass Karin Jaeggi einst in den Lehrerinnenberuf finden würde, «war irgendwie schon ziemlich früh absehbar», erzählt sie lachend. Sie habe als Einzelkind oft mit den Nachbarskindern gespielt und dabei gemerkt, dass sie gerne organisiere, vorbereite, plane. Sie war die, welche für die anderen Kinder die Fäden spannte. Als es dann um die Ausbildung ging, stand zuerst die Idee der Kindergärtnerin im Raum, aber auch die Kunstgewerbeschule war ein Thema.

Schliesslich hat sie die Prüfung fürs Lehrerseminar gemacht. Schon ihre erste Praktikumsstelle war in Grenchen sowie eine Stellvertretung an einer 1. Klasse in ihrem jetzigen Schulkreis. Ihre Anstellung fand sie als Unterstufenlehrerin im Zentrumsschulhaus, wo sie auch bis zur Sek I-Reform mit wechselnden Pensen blieb. Mit der Reorganisation vor einem Jahr kam Jaeggi ins Kastels-Schulhaus.

Der Beruf der Primarlehrerin habe für sie Charakteristika gehabt, die ihrer privaten Situation entgegenkamen. Die Mutter zweier Söhne (13 und 16) konnte zwischenzeitlich das Pensum reduzieren und auch wieder erhöhen.

Sie bedauert den Umstand, dass heute fast nur noch Frauen Primarlehrerinnen sind und dieser Job aufgrund der geringeren Karrierechancen von Männern möglicherweise gemieden wird. «Dabei würden mehr Männer als Bezugspersonen den Kindern sicher guttun.»

Ausdauernde Kinder

Den Kindern stellt sie über all die Jahre ein gutes Zeugnis aus. Es sei sogar so, dass diese seit der Einführung der Blockzeiten im Kindergarten ausdauernder seien als früher. Der Lerneifer der neuen Erstklässler sei gross. «Sie kommen mit einer gewissen Erwartungshaltung und das ist auch gut so», meint Karin Jaeggi. Auch könne man nicht sagen, dass die Schüler respektloser geworden sind. «Sie sind aber selbstsicherer und sagen, was sie wollen und warum.»