Mehr als zwei Stunden erzählte Ruedi Szabo aus seinem Leben. So eindringlich, als wäre es das erste Mal. Dabei erzählt er seine Geschichte ungefähr jede zweite Woche. Die Sprache ist manchmal grob und bildet einen scharfen Kontrast zum Plauderton in Zimmerlautstärke. Das Auftreten ist dazu gedacht, das Interesse von Firmlingen und Konfirmanden zu wecken, aber auch «schwere Jungs» zu fesseln.

Etwas habe sich geändert im Vergleich zu früher: Szabo hat keine Tränen in den Augen, wenn er von seinen fünf Kindern und deren gefängnisbedingten Verlust des Vaters spricht. Auch beim Bericht von jenem Banküberfall, in den zu seinem Entsetzen zwei kleine Kinder verwickelt wurden, wird er inzwischen nicht mehr von Gefühlen übermannt.

Doch der Reihe nach: Er habe Wiener Wurzeln und als Siebenjähriger einen guten Umzug in die Schweiz sowie Schulstart im ländlichen Bern erwischt. Bald darauf sei die Familie in die Ostschweiz umgezogen, eine glückliche Familie, bis auf die Neigung des Vaters, seine Söhne heftig zu schlagen. Zur Abwehr begann Ruedi mit Kampfsport und machte sich die Idee zu eigen, dass Gewalt Probleme löst und – fast noch schlimmer – das Selbstbewusstsein hebt.

Als junger Bauunternehmer mit Schwerpunkt Ökologie habe er jahrelang zivil einen umgänglichen Charakter gepflegt und nur im jährlichen WK als Grenadier «die Sau rausgelassen». Dann kamen die Schulden, die Baukrise, die Ehekrise, die Trennung von der Familie, und Ruedi Szabo heuerte Mitte dreissig drei junge Taugenichtse an, um mit ihnen Banken zu überfallen, ein halbes Dutzend, bevor er geschnappt wurde und für sechs Jahre im Gefängnis landete. Der erste Überfall sei ein persönlicher Racheakt gewesen am Ex-Lover der Frau, den er fast totgeschlagen habe.

Hommage an die Güte

Szabos Bericht ist eine Hommage an eine Reihe von Menschen: an die Mutter, die ihn treu im Strafvollzug in Saxerriet besuchte, an den Gefängnisseelsorger, der ihm den Weg zum christlichen Glauben zeigte, an den Gefängnisdirektor, der ihm gute Referenzen gab, an seinen Anwalt, der ihn vor der geschlossenen Hochsicherheitsanstalt bewahrte, an den Geschäftsmann, der ihm à fonds perdu einen Ausbildungskredit gab, an die Therapeutin, die ihn dazu brachte, einzusehen, dass seine Taten die Taten einer «feigen Sau» waren, wie sie sich ausgedrückt habe.

Vor allem aber ist Szabos Bericht auch seinen Opfern gewidmet, mit denen er nach der Gefängnisentlassung das Gespräch suchte. Diese leiden teilweise bis heute an den Folgen der vier Minuten, in denen er sie schwarz maskiert mit der geladenen Dienstwaffe bedrohte. Eine Frau habe nach dem Überfall einen Gehirnschlag erlitten und sei seither schwer behindert. Gerade diese Frau habe ihm Vergebung zugesprochen, verbunden mit der eindringlichen Bitte, mit jungen Menschen zu arbeiten, was er seither in vielfältiger Weise tut – auch in Grenchen.