Man wähnte sich fast an einem Parteitag der Solothurner SP: Die Prominenz von Partei und Gewerkschaften war, zusammen mit der Gilde der Fachhistoriker, an der Lesung in der Oltner Buchhandlung Schreiber gut vertreten.

«Generalstreik 1918 in der Region Grenchen-Solothurn» heisst die Masterarbeit, die Edith Hiltbrunner an der Universität Freiburg bei Urs Altermatt geschrieben hat. In Altermatts Buchreihe «Religion – Politik – Gesellschaft in der Schweiz» ist das 172 Seiten starke Werk der in Hägendorf und Gunzgen aufgewachsenen Autorin auch erschienen. Finanziell unterstützt wurde das Werk von der Stadt Grenchen, der SP des Kantons Solothurn, vom Solothurner Gewerkschaftsbund, der Rosmarie-und-Armin-Däster-Schild-Stiftung Grenchen sowie vom Solothurner Regierungsrat. Letzterer beteiligte sich mit Mitteln aus dem Lotteriefonds daran.

Einzelne Antipoden aus dem Jahr 1918 treten bei der bisher «einzigen und detaillierten Rekonstruktion der dramatischen Ereignisse» (André Schluchter, Projektleiter Geschichte des Kantons Solothurn im 20. Jahrhundert) am letzten Generalstreiktag im oberen Kantonsteil sozusagen gemeinsam als Sponsoren auf.

Wertvoll für Kantonsgeschichte

Edith Hiltbrunner, stellte André Schluchter fest, bemühe sich um Sachlichkeit: «Sie analysiert und lässt beide Seiten zu Wort kommen.» Die Autorin habe – interessantes Detail – festgestellt, dass es im Regierungsratsprotokoll Lücken gebe, wo es dramatisch werde. Aber sie verzichte darauf, Vermutungen anzustellen. (Die Regierung bestand damals aus drei Freisinnigen, einem Konservativen und einem Sozialdemokraten.)

Für die Kantonsgeschichte wertvoll sei, dass nun die Generalstreiktage im November 1918 für grosse Teile des Kantons einschliesslich der Hauptstadt aufgearbeitet seien. Was noch fehle, sei der Blick aufs Schwarzbubenland und das Thal. Schluchter erinnerte daran, dass die Kommunikation vor knapp einem Jahrhundert noch gänzlich anders funktionierte als heute. So seien wiederholt Radfahrer nach Bern geschickt worden, um Informationen einzuholen. In Wahrheit hätten die Streikführer den Landesstreik bereits abgebrochen gehabt, als es in Grenchen zu den tödlichen Schüssen kam. Die Leute hätten das aber nicht geglaubt.

Tödlicher Waffeneinsatz der Armee

Edith Hiltbrunner selber stellte am Dienstagabend die Frage, warum es ausgerechnet in Grenchen zu einem tödlichen Waffeneinsatz der Armee gekommen sei, ins Zentrum ihrer Ausführungen. Tatsache sei, dass in Grenchen äusserst konsequent gestreikt worden sei. Die Landsturm-Soldaten, die anfänglich einquartiert waren, hätten sich recht zurückhaltend benommen. Als Platzkommandant Peter Bürgi Verstärkung anforderte und diese in Form von Kavalleristen und Mitrailleuren erhielt, sei es wohl darum gegangen, Menschenansammlungen aufzulösen und Demonstrationen zu verhindern.

Rund 2000 Menschen hätten sich am 14. November beim Bahnhof Grenchen Nord aufgehalten, als Mitrailleure des Waadtländer Infanteriebataillons 6 das Gelände zu räumen begannen. Zweimal wurde ein Schiessbefehl erteilt. Im zweiten Fall wurden drei junge Arbeiter erschossen. Die Gründe für den Schiessbefehl, die Hiltbrunner in den Akten fand: Die Menge habe sich geweigert, den Anordnungen des Militärs Folge zu leisten, die Streikenden hätten die Truppen beschimpft und sich durch obszöne Gesten hervorgetan. Das Argument der Notwehr habe sie in den Quellen nicht gefunden, sagte die Autorin.

Sie fand vielmehr Indizien dafür, dass die Truppe auf Fliehende schoss: Die Mediziner, welche die Erschossenen im Grenchner Leichenschauhaus untersuchten, hätten bei zwei Toten Schussverletzungen auf der Rückseite des Körpers gefunden. Das deckt sich auch mit der Version von Jean-Maurice Lätt («120 Jahre Solothurner Arbeiterbewegung», Zürich 1990).

Fehler der Ordnungstruppen

Edith Hiltbrunner machte zwei gravierende Fehler seitens der Ordnungstruppen aus, die massgeblich zum tragischen Ausgang des Einsatzes beitrugen. Man habe nicht zu verhindern gewusst, dass die Truppe unterlegen war. Beide Schusswaffeneinsätze seien denn auch erfolgt, nachdem ein Zug aufgeteilt worden sei. «Die Kommandanten mussten schiessen lassen, um sich durchsetzen zu können», umschrieb die Autorin die militärische Logik. (Der gleiche Fehler hat auch 1932 in Genf, als 13 Menschen von Rekruten erschossen wurden, zum fatalen Schiessbefehl geführt.) Ein Fehler sei es zudem gewesen, dass der Bataillonskommandant in Grenchen keine Instruktionen zum Waffeneinsatz gegeben habe, führte Hiltbrunner aus. «Wohin sollten die Soldaten schiessen? – Im ersten Fall, der mit einem Verletzten und einem Streifschuss abging, liess sich anhand der Einschlaglöcher an Gebäuden feststellen, dass, anders als im zweiten Fall, die Streikenden nicht direkt ins Visier genommen wurden.

Anhand des im Bundesarchiv zufällig erhaltenen Truppentagebuchs des Bataillons konnte Hiltbrunner nachweisen, dass einzelne Aussagen der Kommandanten zum Einsatz in Grenchen falsch waren. Das Verfahren vor Divisionsgericht wurde eingestellt. Der Bund weigerte sich konsequent, den Hinterbliebenen der Opfer eine Entschädigung auszurichten. Hingegen – so Hiltbrunner – erhielten die Soldaten, die geschossen hatten, vom Solothurner Regierungsrat einen Ehrensold und eine Urkunde.