Auf der Südseite der Anlage des Schulhauses IV und nur einen Steinwurf vom hundertjährigen Nordbahnhof entfernt, steht seit 50 Jahren das Denkmal für den polnischen General Graf Marian von Langiewicz (1827–1887), der 1863 ins Grenchner Bürgerrecht aufgenommen wurde.

Es war ein trüber Novembermorgen im Jahre 1965. Aus London war die polnische Exilregierung mit General Wieczorkiewicz angereist. Stadtammann Eduard Rothen und die Mitglieder der Gemeinderatskommission sowie die Chefbeamten der Stadt vertraten die Einwohner- und Bürgerammann Rudolf Gschwind mit dem Bürgerrat die Bürgergemeinde.

Im Mittelpunkt aber stand der Schöpfer des Denkmals, der in Muri bei Bern lebende polnische Künstler Zygmunt Stankiewicz (1914–2010). Anwesend waren zudem der Solothurner Landammann Dr. Hans Erzer und Oberstbrigadier H. U. von Erlach.

An diesem trüben und kalten Novembermorgen waren diese Personen zusammengekommen, um das diskrete Denkmal, das an den polnischen Freiheitskämpfer und General Marian von Langiewicz, Bürger von Grenchen, erinnert, feierlich einzuweihen.

Im Verlauf der Feier überreichte General Wieczorkiewicz dem Grenchner Bürgerammann Rudolf Gschwind feierlich das polnische Verdienstkreuz in Gold. Die Stadt organisierte zum Anlass im Parktheater eine Ausstellung mit polnischer Literatur.

Die Festreden bei der Übergabe des Denkmals an die Stadt Grenchen und deren Bevölkerung hielten Oberst Wieczorkiewicz und Oberst Karolus. Stadtammann Eduard Rothen dankte mit den folgenden Worten: «Ob wir es verdienen, dass uns die polnischen Freunde dieses prächtige Kunstwerk, geschaffen von Zygmunt Stankiewicz, überreichen? Wir Schweizer müssen uns jedenfalls bewusst sein, dass wir kein Recht haben, das Weltgeschehen unberührt an uns vorbeiziehen zu lassen. Es liegt uns auch ob, an grossen Aufgaben des Jahrhunderts, an der Bekämpfung des Hungers, des Elends, der Unwissenheit und der Unterdrückung nach Kräften mitzuhelfen. Wenn wir in diesem Sinne das Denkmal von Marian Langiewicz, das uns an den Freiheitskampf des polnischen Volkes erinnert, übernehmen, dann dürfen wir es mit ruhigem Gewissen tun.»

Aus dem Leben eines Generals

Marian Langiewicz wurde am 5. August 1827 in Krotoschin, Polen, geboren. Bereits sein Vater, der als Arzt tätig war, gehörte zur Gruppe polnischer Patrioten, die von Russland frei werden wollten.

Doch die Aufstände missrieten, der polnische Traum der Souveränität ging nicht in Erfüllung. Der junge Langiewicz studierte an verschiedenen Universitäten Mathematik, später auch slawische Sprachen und Strategie.

In der preussischen Armee holte er sich zusätzliche Kenntnisse über militärische Führung, und an der Militärschule in Paris, an der er unterrichtete, erweiterte er seine Kenntnisse.

1861 sehen wir Langiewicz als Adjutant an der Seite von General Milbitz bei der Eroberung von Neapel durch Garibaldi. Anschliessend wurde er Lehrer für Artilleriewissenschaften an der polnischen Militärschule Cuneo. 1861 machte in Polen eine neue Freiheitsbewegung von sich reden, doch erst 1863 brach der offene Aufstand aus.

General Langiewicz stellte sich an die Spitze der Bewegung, und am 10. März erklärte er sich zum Diktator von Polen und setzte sofort eine Zivilregierung ein. Seine Regentschaft dauerte nur gerade bis zum 19. März.

An diesem Tag musste er der russischen Übermacht weichen und abdanken. Er floh nach Österreich. Dort wurde er gefangen genommen und auf der Festung Josefsstadt interniert.

Rückhalt für Polen

In der Schweiz solidarisierte man sich stark mit den Polen. Die Grenchner Bürgergemeinde setzte in dieser Zeit ein starkes Zeichen und beschloss am 23. Dezember 1863, General Marian Langiewicz ins Bürgerrecht aufzunehmen.

Diese Tat der Grenchner Bürger führte letztlich dazu, dass Langiewicz aus der Haft entlassen werden musste. Langiewicz bedankte sich bei der solothurnischen Regierung mit einem Brief, aus dem folgender Passus stammt: «Mit innigem Gefühl von Freude und Dankbarkeit erhielt ich die Akten, welche mich in Besitz des solothurnischen Bürgerrechts setzen. Ich ersehe in dieser Gunstbezeugung einzig und allein einen Anerkennungsakt der heiligen Sache Polens, welche seit einem Jahr für seine Unabhängigkeit und Freiheit kämpft, eine Freiheit und Unabhängigkeit, welche eng mit der anderer Völker Europas verknüpft ist. Von der Regierung, welche die Nationalität garantiert hat, dezimiert, beraubt und einer schändlichen Barbarei überliefert, führt die polnische Nation, voll des Vertrauens auf die Gerechtigkeit Gottes und die Sympathie der Völker, nichts desto weniger den ungleichen Kampf fort, der die Armeen eines grossen Reiches in Schach hält. Der Mut und der Patriotismus erzeugen Wunder, und der Preis davon wird die nationale Unabhängigkeit sein. Sie haben das Leben des Gefangenen von Josephstadt, den man verhinderte, seinem Vaterlande zu dienen, gemildert. Dank Ihnen für diesen Beweis der Sympathie, die Ihrem Kanton auf edle Weise charakterisiert, seit Sie vor einem halben Jahrhundert dem grossen polnischen Patrioten ein Asyl gewährt haben» (gemeint ist hier der Freiheitskämpfer Kosciusko).

Erster Besuch des Ehrenbürgers

Am 30. März 1865 besuchte der Grenchner General seine neue Heimatstadt, wo er begeistert empfangen wurde. Der Dichter und Arzt Franz Josef Schild, der «Grossätti us em Leberberg», verfasste zum besonderen Anlass ein Gedicht, dessen erste Zeile im Sockel des Denkmals wiedergegeben ist: «Gott grüess di, Bürger Langiewicz/Mir hei di gärn in üser Schwyz.»

General Langiewicz reiste nach Österreich und beabsichtigte, nach Polen zurückzukehren. Aus diesem Grunde musste er 1886 auf das Schweizer Bürgerrecht verzichten. Langiewicz bedankte sich bei den Grenchnern und übergab der Gemeinde 600 Franken, welche in den Spitalfonds flossen.

Langiewicz erreichte sein Heimatland nicht mehr und starb 1887 in der Türkei. Es geht die Sage, dass er dort unter dem Namen Ibrahim Bay im Arsenal tätig gewesen sei.

Mit der Aufnahme des polnischen Generals ins Bürgerrecht blieben die Grenchner ihrer eigenen Tradition treu: Verfolgte Freiheitskämpfer wie Mazzini und Ruffini wurden mit ihre Aufnahme ins örtliche Bürgerrecht vor Verfolgung geschützt. Die Grenchner pflegten diese eigenwillige, aber sehr menschliche Tradition, auch wenn sie nicht den Beifall der übrigen Schweiz fanden.