Sonderpädagogik

Wer ins Bachtelen geht, hat dieselben Chancen im Berufsleben

Christof Koch, Leiter Schulen im Bachtelen, darf zufrieden sein. Im Hintergrund zwei Lehrlinge, die Innenausbau-Schreinerarbeiten erledigen.

Christof Koch, Leiter Schulen im Bachtelen, darf zufrieden sein. Im Hintergrund zwei Lehrlinge, die Innenausbau-Schreinerarbeiten erledigen.

Teure Massnahmen am sonderpädagogischen Zentrum Bachtelen in Grenchen helfen bei der Integration ins Berufsleben. Dies beweist eine Studie.

Christof Koch kann zufrieden in die Sommerferien gehen. Der Leiter Schulen am sonderpädagogischen Zentrum Bachtelen hat nicht nur für alle zehn Schüler der Abschlussklassen eine Lehrstelle oder anderweitige Anschlusslösung. Das ist im Bachtelen seit Jahren so. Christof Koch weiss dieses Jahr auch, dass seine Abgänger in den nächsten Jahren ebenso erfolgreich sind wie jeder andere Schulabgänger. Trotz Lernschwierigkeiten oder auffälligem Verhalten schneiden sie nach ein paar Jahren nicht schlechter ab als der Schweizer Durchschnitt. Dies hat eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz gezeigt. Und das gute Ergebnis hat selbst Christof Koch erstaunt. Klar ist jetzt: Der teure Spezialunterricht lohnt sich.

Ein Schlüssel zum Erfolg ist ein dicker Ordner, der auf Kochs Bürotisch liegt. In ihm ist das Berufsintegrationskonzept des Bachtelen. Es existiert seit den 1980er-Jahren und war seiner Zeit etwas voraus.
Bereits Ende der siebten Klasse beginnen die Schüler mit der ersten externen Schnupperlehre. 25 Seiten lang ist Kochs Liste mit Adressen für Schnupperstellen. Bis zu zehn Schnupperlehren absolvieren die Bachtelenschüler in den drei letzten Schuljahren. Was der Kanton erst kürzlich einführte, ist im Bachtelen schon länger möglich: Die Schüler dürfen die Schnupperlehren auch während der Schulzeit und nicht nur in den Ferien machen. «Sie haben zehn Wochen weniger Schule, lernen aber mehr», sagt Koch. «Einige erleben zum ersten Mal richtig, dass sie erfolgreich sind.»

Schritt für Schritt

Nach jeder Schnupperlehre wird ein Rapport ausgefüllt. Schritt für Schritt trägt jede Schnupperstelle dazu bei, dass Jugendliche Neigungen und Fähigkeiten herausfinden - und am Ende den richtigen Beruf entdecken. «Wenn wir einem Jugendlichen etwas sagen, hat es manchmal weniger Gewicht, als wenn es jemand vom Schnupperbetrieb sagt.»

«Wir müssen langsam vorgehen und genau zuhören», sagt Koch. Nicht immer kommt es nur auf die beruflichen Qualifikationen an. «Es gibt einige Schüler, für die das Umfeld wichtiger ist als der Beruf an sich.» Bewirbt sich ein Schüler auf eine Lehrstelle, so versucht das Bachtelen auch zu organisieren, dass sie in der Firma zuerst schnuppern können. Tatsächlich haben in den letzten Jahren alle Bachtelen-Abgänger eine Lehrstelle gefunden. «Das gibt den Eltern Sicherheit», sagt Koch.

Ein Drittel erhält IV-Unterstützung

Rund um das Büro von Christof Koch wirkt es im Bachtelen wie ausgestorben. Während die meisten der 120 Schüler die Sommerferien geniessen, beginnen die zehn Schulabgänger im August ihre Lehre. Acht arbeiten in der freien Wirtschaft - genauso wie alle anderen rund 2300 Solothurner Lehrlinge. Sie lernen Polymechaniker, Spengler, sind bei der Migros im Detailhandel oder bei der Marti AG im Strassenbau. Drei von ihnen erhalten weiterhin Stützmassnahmen. Ihnen bezahlt die Invalidenversicherung 30 bis 40 Stunden Coaching. Damit hat man gute Erfahrungen gemacht. «Ein Lehrmeister kann mit vielem Umgehen, wenn er sieht, dass er keinen sozialen Problemen der Jugendlichen nachspringen muss.»

Kommt ein Jugendlicher oft zu spät, kann ein IV-Coach etwa Eltern, Lehrling und Lehrmeister an einem Tisch versammeln. Zwei diesjährige Abschlussschüler gehen in eine weiterführende Institution. Dies entspricht dem langjährigen Schnitt: Ein Drittel geht jeweils in die freie Wirtschaft, ein Drittel ist mit IV-Unterstützung in der Privatwirtschaft und ein Drittel der Schüler hat eine andere Anschlusslösung.
Eine Gefahr bilden bei der Lehrstellenauswahl laut Koch Modetrends. «Plötzlich ist Töffmechaniker in», so Koch. «Ein Schüler darf nicht nur schnuppern, was den Kollegen gefällt, sondern was ihn weiterbringt.» Eine andere Gefahr sei, dass Schüler eine Schnupperstelle wählen, weil die Entlöhnung für die Woche hoch ist.

Schwieriger ist es auch für Mädchen, einen Beruf zu finden. Das Bachtelen muss auf junge Frauen mehr Rücksicht nehmen. Denn da meistens die Knaben in der Klasse in der Überzahl sind, droht die Gefahr, dass ihre Interessen oder Berufswünsche gar nie zum zentralen Gesprächsthema unter den Schülern werden.

Schwierigkeiten bleiben

Neben den Erfolgen hat die Studie auch Schwachpunkte aufgezeigt, über die Christof Koch ebenso breitwillig Auskunft gibt: Einige Schüler sehen sich in einen Beruf gedrängt. «Nur weil ich im Bachtelen war, darf ich nicht», ist dann der Tenor. «Dort müssen wir versuchen, die Schüler viel stärker am Auswahlprozess teilhaben zu lassen», sagt Koch. Der Schüler müsse begreifen, dass man nicht in jedem Fall den Traumberuf erlernen kann. «Wer nicht gut genug klettern kann, muss vielleicht über einen Umweg zum Gipfel gelangen.»

Wichtig sei es, den Schülern Selbstvertrauen zu geben und die Stärken hervorzuheben. Gleichzeitig, so Koch, müssten sich die Schüler aber auch bewusst sein: «Die Schwierigkeiten, die sie zuvor hatten, kommen wieder. Sie verschwinden nicht einfach.» Doch seit die Studie gezeigt hat, dass die Schüler zwar etwas länger brauchen, aber am Ende gleich erfolgreich sind, ist für Koch klar: «Auch wenn es nicht geradlinig läuft, haben sie gelernt, wieder aufzustehen.»

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