Grenchen
Wenn zwei Uhrengiganten fusionieren – und es mehr als zwei ergibt

Bruno Bohlhalter hielt im Kultur-Historischen Museum Grenchen ein Referat zur damals und noch heute viel diskutierten Fusion der beiden Uhrengiganten ASUAG und SSIH im Jahr 1983.

André Weyermann
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Bruno Bohlhalter referierte im Museum über die Fusion von SSUA und SSIH im Jahre 1983.

Bruno Bohlhalter referierte im Museum über die Fusion von SSUA und SSIH im Jahre 1983.

André Weyermann

Der Wirtschaftshistoriker Bruno Bohlhalter beleuchtete in einem Vortrag im Kulturhistorischen Museum insbesondere die finanzielle Situation der beiden Partner, welche 1983 zur Fusion von Société Suisse pour l'Industrie Horlogère (SSIH) und Allgemeine Gesellschaft der Schweizerischen Uhrenindustrie (ASUAG) und in der Folge zur Gründung der Swatch Group geführt hat.

Der Referent liess keinen Zweifel darüber offen, dass die Fusion finanziell notwendig gewesen sei, aber auch industriell Sinn gemacht habe: «Der Zusammenschluss wird bis heute als Jahrhundertfusion in der Uhrenindustrie bezeichnet. Sie verschmolz die beiden grössten schweizerischen Uhrenkonzerne, die zusammen rund sechzig Prozent der Wertschöpfung des ganzen Wirtschaftszweiges erbrachten.» Er verwies auf die Tatsache, dass 1983 sowohl Medien als auch massgebliche Wirtschaftsspezialisten diese Fusion begrüssten, teilweise gar als überfällig bezeichneten. Dies stehe im schroffen Gegensatz zur jüngst entbrannten Debatte über Sinn oder Unsinn dieser Zusammenlegung.

Verkäufe brachen massiv ein

Bruno Bohlhalter widersprach vor allem Stimmen, die erklärten, die ASUAG sei im Gegensatz zur SSIH nicht konkursreif gewesen, es hätten genügend stille Reserven bestanden. Er untermauerte mit Zahlen, dass sowohl die Verkäufe im Kerngeschäft der Schweizerischen Uhrenindustrie als auch ihr Anteil an der gesamten Wertschöpfung in den Jahren 1978 bis 1983 geradezu einbrachen. «Wer nach derart lange anhaltenden, brutalen Rückschlägen und Einbrüchen noch von stillen Reserven in den Fabriken und Warenlagern träumt, lebt wohl in einer anderen Welt», folgerte er. In der Kasse der ASUAG sei in der fraglichen Zeit nicht einmal mehr genügend Geld vorhanden gewesen, um zehn Tage die Löhne bezahlen zu können. Die Kreditlinien seien alle ausgeschöpft gewesen, die weitere Kreditfähigkeit mangels genügender Deckungen nicht mehr gegeben.

Ein kurzer Exkurs in die Geschichte der beiden Heiratspartner führte den Referenten zum Schluss, «dass diese mit Blick auf eine Fusion sehr gut zusammenpassten. Vor allem in ihren Stärken waren sie komplementär. Die Fabrikation von Fertiguhren und ihr weltweiter Vertrieb sowie die uneingeschränkte Spitzenstellung in der Sportzeitmessung (Omega) lagen in der DNA der SSIH. In den Genen der ASUAG hingegen bestens verankert waren die Ebauches- und Bestandteilherstellung, insbesondere auch jene für die regulierenden Komponenten.» Bruno Bohlhalter stellte pointiert fest: «Bei einer solchen Ausgangslage liegt es auf der Hand, dass das Ergebnis von eins plus eins bei der Fusion mehr als zwei gibt.»

Der Rest der Geschichte dürfte bekannt sein: Die Fusion wurde beschlossen, wobei die Banken insgesamt rund 860 Mio. Franken einschossen. Die Genesung des Konglomerats ASUAG-SSIH verlief nicht zuletzt dank der Lancierung der «Swatch» beinahe unverzüglich.

Schliesslich machte der an den Verhandlungen als Berater beteiligte Nicolas G. Hayek mit seiner Investorengruppe von der gewährten Kaufoption Gebrauch und erstand 51 Prozent der Aktien. «So lässt sich zusammenfassend feststellen, dass aus dieser Fusion die grösste und erfolgreichste Industrie-Rettungsaktion des 20. Jahrhunderts ohne jede staatliche Hilfe resultierte», schloss Bruno Bohlhalter.

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