Erinnern Sie sich vielleicht auch an Ihren Urgrossvater, der seine braune, unförmige Stoffhose mit den Hosenträgern so weit nach oben zog, dass der Hosenbund erst eine Handbreite über dem sichtbaren Bauchansatz zur Ruhe kam? Dies erweckte den Eindruck, der Oberkörper sei im Verhältnis zu den Beinen viel zu kurz geraten. Nie hätten sich diese alten Herren vorstellen können, dass ihr Look ein gutes halbes Jahrhundert später die Modeschöpfer inspirieren könnte. Heute ist auch bei vielen Grenchner Frauen «high waist» angesagt, was so viel wie «hohe Taille» bedeutet. Der Hosenbund sitzt nicht mehr knapp über der Hüfte, sondern wird bis zur Taille hochgezogen.


Eine junge Fussgängerin mit langen, offen getragenen dunklen Haaren, einer modischen, schulterfreien Bluse und in sehr engen, kurzen High-Waist-Jeans gewährte ich den Vortritt, als ich vor ein paar Tagen mit dem Auto durch die Begegnungszone fuhr. Von der Gegenseite schritt ebenfalls eine junge Frau über die Pflastersteine. Sie trug einen langen farbigen Rock und einen blauen Hidschab (Kopftuch), der gleichzeitig Haare, Ohren, Hals und die Schultern verschleierte. Die Wege zweier völlig unterschiedlicher Kulturen kreuzten sich in der Begegnungszone, ohne sich zu beachten, da sich beide eifrig mit ihren Handys auseinandersetzten und auch für mich, den Wartenden, kein müdes Lächeln übrig hatten. Das Handy und der tägliche Umgang damit schien das Einzige zu sein, was die beiden Frauen verband. Dieser Moment, als sich die beiden Frauen beim Überqueren der Strasse begegneten, wäre ein gutes Fotosujet geworden. Das Bild hätte symbolisch gezeigt, wie zwei völlig verschiedene Kulturen mit gegensätzlichen Ansichten über Freiheit und Religion sich trotzdem der gleichen Errungenschaften der modernen Technik bedienten. Eine Technik, die in westlichen, freien Ländern entwickelt wurde. Länder, die von einem Teil der Andersdenkenden immer wieder zur Zielscheibe terroristischer Anschläge werden.

In Grenchen leben Menschen aus über 80 Nationen, mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund und verschiedenen Glaubensrichtungen. Nach dreijähriger Bauzeit findet heute in der Moschee Ebu Hanife der Tag der offenen Tür statt. Bereits vor einer Woche feierten am gleichen Ort 2000 Mitglieder der albanisch-islamischen Glaubensgemeinschaft friedlich die Eröffnung ihres Gebetshauses. Vor fast 200 Jahren gewährte Grenchen gegen den Willen der Eidgenossenschaft den Freiheitskämpfern Guiseppe Mazzini und Giovanni Ruffini Asyl.
Grenchen, mit einem Ausländeranteil von 35%, zeigt einmal mehr, dass die Stadt offen ist, gegenüber Menschen mit einem anderen politischen, kulturellen und religiösen Hintergrund. Auch wenn diese Offenheit manchmal ausgenutzt wird, auf diese Tradition darf die Uhrenstadt auch stolz sein.