Lebensretter-Meisterschaft
Wenn Sekunden über Leben und Tod entscheiden

Am Wochenende traten im Grenchner Schwimmbad 130 Teams mit 720 Lebensrettern gegeneinander an. Rettungsschwimmen will für den Ernstfall erprobt sein.

Julian Perrenoud
Merken
Drucken
Teilen
Top-Einsatz: Nase und Mund der Rettungspuppe müssen über Wasser sein.

Top-Einsatz: Nase und Mund der Rettungspuppe müssen über Wasser sein.

Solothurner Zeitung

Jetzt zählt jede Sekunde! Nase und Mund müssen über dem Wasser bleiben. Der kräftig gebaute Mann, Schwimmbrille, Schwimmkappe, holt mit seinem rechten Arm aus und gräbt ihn ins kalte Wasser. Mit der anderen Hand zieht er die orange Gestalt hinter sich her. Ihr Kopf ragt aus dem Wasser, Nase und Mund, doch sie sind aus Plastik. Der Rest des Körpers auch.

Wettkampf für Ernstfall

Rettungsschwimmen will für den Ernstfall erprobt sein. Mit orangen Plastikpuppen, die schwarze Badehosen tragen. Und warum diese Übung nicht gleich in einen Wettkampf verwandeln? So duellieren sich jedes Jahr die Lebensretter von Genf bis Sankt Gallen, von Basel bis Chiasso in Disziplinen wie Puppenstaffel, Rettungsballwerfen, Gurtretterstaffel, Hindernisschwimmen oder kombinierte Flossenstaffel. Für die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) ist es wichtig, dass dabei der sportliche und gesellschaftliche Aspekt im Vordergrund steht; dennoch sollen alle Disziplinen einen möglichen Rettungseinsatz simulieren.

Die nächsten Teams machen sich im Wasser bereit. Zwei Wettkämpfer warten in der Mitte des 50-Meter-Beckens der Grenchner Badi, ein weiterer schwimmt am einen Ende los, übergibt, damit der Vierte im Bunde am anderen Beckenende die Puppe erhält. 4 mal 25 Meter.

130 Teams, 720 Teilnehmende

Die Zahlen an der diesjährigen Schweizermeisterschaft sind eindrücklich: Etwa 70 Sektionen sind erschienen, 130 Mannschaften, Frauen und Männer, 720 Teilnehmende. Sie campieren während der zwei Wettkampftage unweit auf einer Wiese an der Strasse zum Flughafen. Oder sie stellen ihre Zelte und Zelthäuser gleich auf dem Gelände der Badi auf, unter den Bäumen, dort, wo die Sonne noch nicht erbarmungslos brennt.

Schwierige Vorbereitungsphase

Es ist ein wolkenloser Sommertag, an die 30 Grad. Fast zu schön, um wahr zu sein. Denn die Schweizermeisterschaft stand auf der Kippe: Normalerweise bleibt den Organisatoren, eine der verschiedenen Sektionen, zwei Jahre Zeit, um sich auf die Wettkämpfe vorzubereiten. Doch erst diesen Februar zeigte sich nach langer Überredungskunst der SLRG die Sektion Büren an der Aare bereit, den Anlass mit Lyss kurzfristig auf die Beine zu stellen.

Da sich die Sektion Grenchen in einem Generationenwechsel befindet, stellte sie lediglich das Schwimmbad bereit. Und eine andere Sektion liess sich auf die Schnelle nicht als Organisator gewinnen. Der Präsident der Bürer Lebensretter, Stefan Scheurer, sagt: «Es war extrem schwierig, derart kurzfristig noch Sponsoren zu finden.» Und trotzdem: Innerhalb einer Woche hatte er mit seinen Helfern das Nötigste in die Wege geleitet, um die Schweizermeisterschaft in Grenchen durchzuführen.

Fans wie beim Fussballspiel

Eben springt die Puppenstaffel der Damen ins Wasser, beklatscht von den Rängen, frenetisch angefeuert von anderen Teilnehmern und Angehörigen am Beckenrand. Die Mitglieder der Sektion Bellinzona haben gar eine Pauke mitgebracht und schlagen wie einst auf der Galeere den Takt. Im Sprungbecken nebenan müssen die Teilnehmer eingenetzte Schaumstoffbälle in die Mitte einer schwimmenden Zielscheibe werfen. Die vermeintlich einfache Aufgabe entpuppt sich als schwierig – die Männer und Frauen müssen bei einer Distanz von 18 Metern ihr Visier schon ganz genau eingestellt haben.

An den Beckenrändern verfolgen Mitglieder der SLRG die Wettkämpfer, um allfällige Regelverstösse zu ahnden. Unter ihnen ist Pascal Reichmuth, Chef Rettungssport. Schlank, grossgewachsen, mit Hut und breitem Lachen. 25 Jahre lang war er selber aktiv, davon 15 Jahre in der Nationalmannschaft der Lebensretter. Er freut sich ob den hervorragenden Wettkampfbedingungen, fügt aber an, der Anlass würde auch bei Regen oder Schnee, wie seinerzeit in La Chaux-de-Fonds, stattfinden. «Schliesslich müssen wir auch bei schlechtem Wetter retten können.»

Ruhm, Ehre und Medaillen

Zwar geht es bei der Schweizermeisterschaft um viel Ruhm und Ehre, wie Reichmuth betont. Aber es gibt auch Medaillen und einen Wanderpokal für die erfolgreichste Sektion zu gewinnen. Deshalb kämpfen die Lebensretter im Wasser gegeneinander. Um jeden Meter. Um jede Sekunde.