Gestern verliess Primarlehrer Kurt Seematter das Haus, um nach 40 Jahren ein letztes Mal den Weg zu seinem Arbeitsplatz, dem Schulhaus Kastels, anzutreten. Doch für diesen regnerischen Freitagmorgen hat sich sein Lehrerkollegium etwas ganz besonderes ausgedacht. Anstatt, wie gewohnt, alleine zur Schule zu gehen, wurde er von Schulleiterin Lucia Herzog sowie Marianne Stiep vor der Haustüre empfangen.

Parcours des Wissens

Seematter war sichtlich überrascht ob diesem unerwartetem Empfangskomitee, doch blieb er ganz die pflichtbewusste Person, welche er immer war: «Aber um 7.50 Uhr muss ich im Klassenzimmer sein, wenn die Schüler kommen!» sagt Seematter mit Bestimmtheit. Der Weg zum Kastels war gesäumt mit Plakaten, auf denen ein Foto des abtretenden Lehrers zu sehen war. Ausserdem stand an fünf ausgewählten Posten je ein ehemaliger, bereits pensionierter, Lehrerkollege. Jeder von ihnen prüfte sein Wissen mit einer Frage über die Geschichte Grenchens, um so zu testen, ob er bereit sei, in den «Klub der Pensionierten» aufgenommen zu werden. Bei korrekter Beantwortung winkte dem gebürtigen Walliser ein kleines Präsent wie zum Beispiel ein Buch, ein Schnäpschen oder Schokolade.

Als Seematter das Schulhaus betrat und den Gang entlang schritt zu seinem Schulzimmer, ertönte das allseits bekannte Lied «It's time to say goodbye». An seinem langjährigen Arbeitsplatz angekommen, stand die versammelte Lehrerschaft des Schulhauses Kastels Spalier, um dem abtretenden Kollegen die Ehre zu erweisen. Dieser emotionale Moment ging auch an Seematter nicht spurlos vorbei.

Zu Tränen gerührt

«Das ist überwältigend, damit hätte ich nie gerechnet», sagt ein zu Tränen gerührter ehemaliger Vize-Stadtpräsident von Grenchen. Aber auch wenn der Abschied schwer fällt, so sei es nun an der Zeit für junge und innovative Lehrkräfte Platz zu machen. Seinen langjährigen Arbeitsgefährten gab er den Ratschlag mit auf den weiteren Weg, dass sie als Team aufeinander ach geben sollten, denn in der heutigen Zeit komme das zwischenmenschliche nur all zu oft zu kurz. «Haltet Augen und Ohren offen, denn der Mensch könnte verloren gehen», erklärt Seematter.

Von den Lehrern gab es als Abschiedsgeschenk zum einen ein T-Shirt und zum anderen einen selbstgebastelten «Pensionierten-Stuhl». Denn einen freiwillig nicht mehr arbeitenden Kurt Seematter, das könne sich niemand wirklich vorstellen und daher müsse man ihn «quasi zum Ruhestand zwingen».

Doch trotz der neuen Sitzgelegenheit wird sich der frisch Pensionierte nicht ruhen. Schliesslich gebe es noch viel zu tun. Da wäre zum Beispiel sein grosses Hobby, das Tonen, wo er nun endlich genug Zeit hat, um einen Kurs zu besuchen oder das Fotografieren, das er intensivieren möchte. Des Weiteren gilt es, die Ferienwohnung umzubauen und den grossen Garten zu pflegen. Die Schule ganz loslassen, das will er dann aber nach all der langen Zeit doch noch nicht wirklich. «Kurt hat versprochen, dass wenn Not am Mann ist, er zur Stelle sein wird», sagt Schulleiterin Herzog.