Dann hebt er die Langhantel in einer fliessenden Bewegung nach oben und mit durchgestreckten Armen über den Kopf. 40 Kilogramm hat er gerade «gerissen», wie es beim Gewichtheben heisst. Auch 43 Kilogramm würde er schaffen - genau so viel, wie der 13-jährige Nachwuchssportler selbst wiegt.

Er stemmt sein eigenes Körpergewicht, obwohl dem schlanken, jungen Mann diese Power auf den ersten Blick nicht anzusehen ist. Keine Muskelberge, kein übermässig breiter Brustkasten, wie ihn sein Vater Harald und sein berühmter Grossvater Kurt Schenk haben. «Peng», lässt Andreas die schwere Hantel wieder zu Boden knallen. Er ist in seiner Altersklasse der stärkste Gewichtheber der Schweiz.

Von Generation zu Generation

«Gewinnen ist nicht wichtig», sagt Andreas Schenk, doch das stolze Lächeln kann er nicht verstecken. Muss er auch nicht: Vor einigen Wochen hat er sich zum zweiten Mal den Schweizer-Meister-Titel in der Mini-Kategorie und den Gesamtsieg geholt. Der Sport macht ihn selbstsicherer, in der Schule wird er nicht mehr gehänselt. Zwei Mal die Woche trainiert Andreas Schenk Gewichtheben und Fitness, drei Mal die Woche spielt er Fussball im Verein. Mit dem Gewichtheben setzt er die lange Tradition der Familie Schenk aus Grenchen fort.

Der heute 74-jährige Kurt Schenk hat diese Familientradition begründet. Erzählt der Grossvater über sein Leben als Sportler, kommen beim Zuhörer Gedanken an berühmte Actionfilme auf. «Herkules» habe man ihn früher genannt. Auch krank gewesen sei er noch nie, ganz so wie Hollywoodstar Bruce Willis im Superheldenstreifen «Unbreakable».

Auch mit 65 in Form

Doch das Grenchner Urgestein braucht gar nicht erst anzugeben, seine Erfolge sprechen für sich. 1988 hat er in Salzburg in den beiden Disziplinen Reissen und Stossen zusammen 247 Kilogramm gehoben und damit den Europa-Meistertitel geholt. An den Weltmeisterschaften in Melbourne vor neun Jahren schaffte er auch mit 65 Jahren den 4. Platz.

Kurt Schenk war ausserdem acht Mal Senioren-Schweizer-Meister, und er wurde von der Stadt Grenchen mehrfach mit dem Sportlerpreis und dem Sportförderpreis für seine Leistungen als Trainer ausgezeichnet. 2012 wird er nach sieben Jahren Pause wieder auf die Wettkampffläche zurückkehren, um den Konkurrenten das Leben an den Schweizer Meisterschaften schwer zu machen.

Auch seine beiden Söhne sind sportliche Schwergewichte: Rolf Schenk als Bankdrücker, Harald Schenk als erfolgreicher Gewichtheber, der nächstes Jahr nach 4 Jahren Unterbruch übrigens ebenfalls sein Comeback gibt. «Das Gewichtheben gehört zu unserer Familie dazu, und es macht mir viel Freude, dass es über die Generationen weitergelebt wird», sagt Kurt Schenk. Er und die Söhne mit deren Familien wohnen noch heute im selben Haus in Grenchen, wo Kurt Schenk sie als alleinerziehender Vater aufgezogen hat.

Noch steht er am Anfang

Kurt Schenk ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, seine erste Hantel hatte ihm sein Vater aus einer Reckstange und zwei Betonklötzen gebastelt. Als 19-jähriger Neuling holte er sich nach nur drei Wochen Training den Schweizer-Meister-Titel im Gewichtheben. Mit dem jungen Sohnemann Harald trainierte er früher in Holzbaracken beim Nordbahnhof, selbst im Winter bei Eiseskälte.

Da hat es Grosskind Andreas schon etwas einfacher: Heute trainieren Schenks seit bald 40 Jahren im einfachen, aber gut ausgerüsteten Lokal des «Gewichtheber- und Fitnessklubs Grenchen», dessen Gründer Kurt Schenk ist. Vom Sport leben kann man zwar nicht, aber darum gehe es auch nicht, sagt Andreas Schenk, der Ende Oktober in Magglingen sein erstes internationales Turnier mit Preisgeld bestreiten wird. «Ich bin natürlich etwas nervös, denn ich will aufs Podest. Gewinnen muss ich nicht, und das Geld ist mir auch nicht wichtig.»

Tatsächlich hat Andreas ein viel persönlicheres, eben familiäres Ziel. Er klopft seinem Vater Harald auf die Schulter und sagt lachend: «Ich will einfach den hier schlagen.» Die Leistungen des Vaters übertreffen, das heisst mehrfach Schweizer Meister werden. Der Grundstein dazu ist gelegt. Vielleicht wird Andreas ja einmal sogar erfolgreicher als sein Grossvater. Schon heute nennen ihn seine Schulkameraden «Kampfmaschine» - fast so, wie in einem Actionfilm.