Filmprojekt

Wenn eine Mutprobe aus dem Ruder läuft – Grenchner Schüler drehen Cliquen-Film

Eine Grenchner Sekundarschulklasse dreht einen Film zum Thema Cliquenbildung. Der Film soll im November fertig und auch auf Youtube zu sehen sein.

Neulich auf dem Vorplatz eines unscheinbaren Mehrfamilienhauses an der Studenstrasse am oberen Stadtrand von Grenchen. Eine Schar von Jugendlichen lauscht den Instruktionen von Sandra Sieber. «Das könnt ihr besser, wenn ihr aus dem Keller kommt, dann muss das ‹häschere›! Man muss euch anmerken, dass ihr geschockt und auf der Flucht seid.»

Die Grenchner Schauspielerin spielt die Szene gleich selbst vor, flüchtet Tempo Teufel aus dem Keller des Wohnblocks und legt sich derart ins Zeug, dass sie stolpert und zu Fall kommt. Zum Glück ist ihr ausser einer kleinen Schramme nichts passiert. «Das gehört bei vollem Einsatz bisweilen dazu», meint Sieber und lacht.

Aber die Jugendlichen haben kapiert, dass sie mehr Gas geben müssen. Denn wenn die Szene gedreht wird, wird es aus dem Hausflur qualmen. Es brennt. Die Feuerwehr wird kommen. Doch davon später.

Schüler wählten das Thema selber

Der Take, der an diesem Spätsommerabend gefilmt wird, ist einer der Höhepunkte eines Kurz-Spielfilms, den Filmemacher Lukas Eggenberg zurzeit mit den Schülerinnen und Schülern der Sek B Klasse von Markus Altermatt an verschiedenen Schauplätzen in Grenchen filmt. Es ist ein Auftragswerk der Jugendkommission (Juko) Grenchen, der auch Sandra Sieber angehört. Das Thema: Cliquenbildung bei Jugendlichen - und zu was diese führen kann.

Die Stadt setzt damit eine Massnahme um, um das Unicef-Label «Kinderfreundliche Stadt» erneuern zu können. Dazu sind «partizipative Projekte» mit Jugendlichen nötig. Laut Gesamtschulleiter Hubert Bläsi, der das Projekt seitens der Juko vorangetrieben hat, war es gar nicht so einfach, eine Schulklasse zu finden, die mitmacht. «Aber jetzt, da sie am drehen sind, haben die Jugendlichen Spass daran», meint er. Drehbuchautorin Katja Ritter hat den Plot in enger Zusammenarbeit mit der Schulklasse realisiert. «Die Schülerinnen und Schüler haben das Thema selber vorgeschlagen», erklärt Eggenberg. Seine Aufgabe ist, die Szenen zu Filmen, zu schneiden und einen fertigen Film zu produzieren.

Youtube-Film mit 10 Millionen Clicks

Dass er das kann, hat er 2018 schon in Bettlach bewiesen. Der Film «Ist das alles meine Schuld?» zum Thema Mobbing, den er dort ebenfalls mit Katja Ritter und einer Schulkasse realisiert hat, wurde zu einem Grosserfolg im Internet. Kürzlich wurde die Marke von 10 Millionen Views auf Youtube erreicht.

Ist das alles meine Schuld? Film der Bettlacher Klasse 3A

Zur Rahmenhandlung des neuen Spielfilms gehört ein Videoprojekt, das Lehrer Markus Altermatt (im Film «Herr Ingold») die Schülerinnen und Schüler ihre Lieblingsplätze in Grenchen filmen lässt. Eggenberg hat ihnen dafür extra einen Crash-Kurs im Handy-Videografie gegeben.

Zur Cliquenbildung gehören auch Mutproben bzw. Prüfungen. Timo Matzinger («Luca») hat dafür den Beamer in einem Grenchner Kino erfolgreich gehackt und verschafft sich so Respekt bei seinen Schulkollegen. Die Mutprobe von Delila Solakoska («Larissa») läuft aber derart aus dem Ruder, dass die Feuerwehr kommen muss.

Nah dran sein - aber nur mit Maske

Mehr sei hier nicht verraten. Laut Lukas Eggenberg nähern sich die Dreharbeiten schon allmählich dem Ende zu. Sie sollen noch vor den Herbstferien abgeschlossen werden. Danach folgt die Bearbeitung des Films der gegen 45 Minuten lang werden soll. Die Hauptprotagonisten müssen noch einige Tonaufnahmen machen. «In den Off-Texten soll man etwas über ihre Gedanken erfahren - und welche Lehren sie für sich aus der Entwicklung der Dinge ziehen», meint Eggenberg.

Zurück auf dem Set: Der Filmemacher gibt klare Instruktionen und geht mit der Kamera manchmal ganz nah ran. So nah, das er als einziger auf dem Platz Maske trägt. «Als Dokumentarfilmer bin ich es mir gewöhnt, sehr nah dran zu sein und mich voll zu konzentrieren. Da möchte ich mich nicht noch mit Abstandsregeln befassen müssen.»

Den Schülern, die meisten 15-jährig, gefällt das Projekt, wie sie einhellig betonen. Bis jetzt habe es Spass gemacht, auch wenn sie nicht alle Ideen als wirklich realitätsnah einschätzen. «Es ist ja ein Film», meint jemand.

Inzwischen sind Leute von der Grenchner Feuerwehr eingetroffen, mit einer Apparatur, mit der man zünftig Rauch erzeugen kann. Jetzt gilt es ernst für die Sekundarschüler: Die Clique schleicht sich ins Haus ihres Lehrers und sie hat wohl nichts Gutes vor. «Die Szenen mit richtigem Feuer werden oben bei der Feuerwehr gedreht», erklärt Eggenberg.

Hier an der Studenstrasse wird aber demnächst das Feuerwehrauto mit Sirene und Blaulicht vorfahren. Für Action ist damit gesorgt. Und vielleicht für Umdenken in den Köpfen der Teenager. Denn die Situation produziert auch Helden, wie man sehen wird.

Ziel ist, dass der Film etwa Ende November fertiggestellt ist. In welchem Rahmen die Premiere erfolgen soll, sei noch offen ebenso der Filmtitel. Sicher wird er aber auf der Homepage der Stadt zu sehen sein, sowie auf Youtube. Das Projekt wurde von der Stadt mit knapp 10 000 Fr. unterstützt. Man hofft auch noch auf einen Beitrag von der kantonalen Kulturförderung.

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