Weltreise
Wenn ein Grenchner Pöstler auf Reisen gehen will

Einer der wohl bekanntesten Postboten der Stadt Grenchen hat Ende Monat seinen letzten Arbeitstag. Jean-Pierre Reinhard will es aber nicht ruhiger angehen - im Gegenteil.

Oliver Menge
Merken
Drucken
Teilen
Jean-Pierre Reinhard in seinem Verteilbereich in der Post Grenchen

Jean-Pierre Reinhard in seinem Verteilbereich in der Post Grenchen

Oliver Menge

Jean-Pierre Reinhard begann seine 47-jährige Laufbahn bei der Post mit einem Sprung ins kalte Wasser: Der Posthalter von Wintersingen, einem kleinen Bauerndorf im Baselbiet, brauchte dringend eine Aushilfe. Reinhard wurde aufs Land geschickt und war gleich verantwortlich für die Zustellung. «Die Häuser hatten weder Hausnummern noch Briefkästen, also lieferte ich die Post direkt in die Küchen. Das hatte hin und wieder zur Folge, dass ich an einem Morgen gleich drei Znünis bekam», erzählt er. Das war 1964, drei Wochen nach Lehrbeginn in Grenchen, wo er später seine Lehre beendete.

Zu Fuss auf den Berg

«Damals war alles anders», schildert der 63-Jährige seine erste Zeit als Zusteller. Der Arbeitstag begann zwischen 4 und 5 Uhr. Die Aushilfen mussten an beiden Bahnhöfen die Züge abfertigen, Postsendungen aus- und einladen und ins Postzentrum bringen. Dort wurde sortiert und danach begannen die Touren. Reinhard hatte etwa alle fünf Wochen die Bergtour.

Mit einem Rucksack voller Postsendungen ging es Dienstag, Donnerstag und Samstagmorgen zu Fuss Richtung Holzerhütte, auf der alten Bergstrasse zum Stierenberg und dem Untergrenchenberg. «Ein Schweinswürstli, Brot und etwas zu trinken gab es dort - auf Kosten der Post», erzählt er. Vom Untergrenchenberg quer hinüber zur Bützen und dem Bettlachberg, von dort wieder zurück nach Grenchen. «Bei jedem Wetter, Sommer und Winter. Einmal habe ich für die Strecke vom Untergrenchenberg zum Bettlachberg drei Stunden gebraucht, so viel Schnee lag da oben. Normalerweise brauchte ich für dieselbe Strecke 20 Minuten.»

24 Lehrlinge ausgebildet

In der Stadt wurden die oberen Quartiere anfangs ebenfalls zu Fuss bedient, im flachen Teil war man mit dem Velo unterwegs. «Später wechselte man auf Velos mit Anhänger, Töfflis und inzwischen sind manche von uns schon mit Elektrorollern unterwegs», erzählt Reinhard. «Früher stellten wir oft Einschreiben und Nachnahmen zu. Postkonten gab es nicht, also wurde auch die AHV vom Pösteler gebracht und verschiedene Gebühren eingezogen.»

Reinhard betreute zusammen mit einem Kollegen während fast 20 Jahren dieselbe Tour in zwei Quartieren der Stadt. Als sein Kollege an Krebs starb, war die Zeit reif für einen Wechsel. Reinhard, der als Jugend und Sport-Leiter Ski schon «immer gut mit Jungen konnte», bewarb sich für eine Stelle als Lehrmeister der Post. Von 1998 bis 2008 bildete er Lehrlinge in der Postzustellung Grenchen aus. Drei Bezirke der Stadt waren Lehrlingsbezirke, die von den Lehrlingen nach einer Einarbeitungsphase mehrheitlich alleine betreut wurden. «Natürlich gab es hin und wieder Fehler bei der Zustellung, und ich bin dankbar für das grosse Verständnis, das die Kunden uns entgegenbrachten», sagt Reinhard.

Er habe Schwein gehabt mit den insgesamt 24 jungen Leuten, die er während seiner Zeit als Lehrmeister ausbilden durfte. «Kein einziger Lehrabbruch, nur zwei kleinere «Problemfälle», die aber am Ende die Lehre doch erfolgreich absolviert haben.» Er sei ein strenger, aber väterlicher Typ, der von den Jungen akzeptiert wurde. «Andere Lehrmeister haben mir von Schwangerschaften in der Lehrzeit, Drogenproblemen und so berichtet, ich hatte wirklich grosses Glück». Dass er kein «faules Ei gekriegt» habe, sei auch seiner guten Menschenkenntnis zuzuschreiben, sagt er. Die meisten Jungen absolvierten zuerst eine Schnupperlehre. Da habe sich oft schon gezeigt, ob sich jemand für den Beruf eigne oder nicht, und dementsprechend seien seine Empfehlungen ausgefallen.

Ein prägendes Erlebnis

Hunde mag Reinhard nicht besonders und bestätigt damit ein altes Klischee. In den 70er-Jahren wurde er in Staad von einem Dobermann umgerissen, dessen Besitzer ihn zum Glück in letzter Sekunde wegreissen konnte. Reinhard verletzte sich trotzdem, auch ohne gebissen worden zu sein. «Das war ein prägendes Erlebnis», sagt er. Seither gehe er Hunden lieber aus dem Weg. «Heutzutage ist es wohl eher der Ton des Rollermotors, der die Tiere sauer macht», meint er, denn die Uniformen mit den steifen Hüten, auf welche die Tiere früher aggressiv reagierten, sind längst modernen Kleidern gewichen.

Reinhard ist jetzt wieder auf Tour in zwei ehemaligen Lehrlingsbezirken. Ende Monat werden zwei Frauen in Teilzeit die Tour übernehmen, Samstag, 30. Juli, ist sein letzter Arbeitstag. «Langweilig wird mir ganz sicher nicht» sagt er. Vor kurzem wurde er Grossvater. Seine Tochter erwartet das zweite Kind, «also werden wir die Betreuung wohl noch ausbauen. Und: «Wenn ich nur einmal ums Haus gehe, sehe ich Arbeit für den ganzen nächsten Monat.»