Als ob die Stadt nicht schon genug am Hals hätte: Jetzt wollten die Kirchenglocken der reformierten Kirche auch nicht mehr so richtig mittun. Statt sich ins muntere Geläut der anderen Kirchtürme einzugliedern, die ringsherum die Zeit verkünden, beschloss das Geläut der Zwinglikirche, ein Extrazügli zu fahren: Statt pünktlich die volle Stunde anzuschlagen und mit dem Klang der vier grossen Glocken allen, die mitzählen wollen, die Zeit akustisch mitzuteilen, schlugen die Glocken etwas mehr als eine Viertelstunde später und liessen erst noch einen Schlag weg: Statt um 8 Uhr morgens acht Schläge zu machen, gab es um ca 8.18 Uhr nur deren sieben. Dies obwohl auf der Kirchturmuhr die richtige Zeit angezeigt wurde.

Uhrenstadt mit defekter Uhr?

Sigristin Monika Wyss kam am Sonntag aus den Ferien zurück und wurde sogleich von achtsamen «Glockenlauschern» darauf aufmerksam gemacht, dass da etwas nicht stimmt. Auch in den sozialen Medien liess man sich darüber aus, dass ausgerechnet in der Uhrenstadt Grenchen ein Kirchenglockengeläut dermassen neben der Zeit liegt. Sei’s drum, Monika Wyss stellte als erstes einmal das Geläut komplett ab. Ein Spezialist musste her.

Die Turmuhrenfabrik Sumiswald stellt seit 1903 Turmuhrwerke her. Über 1000 weltweit dürften es inzwischen sein. Auch dasjenige in der Zwinglikirche Grenchen stammt aus dieser Fabrik, es wurde wahrscheinlich im Jahr 1924 montiert, dem Jahr, in dem auch die Glocken gegossen wurden. Inzwischen ist aus der Turmuhrenfabrik eine Zweigstelle der «muribaer» Kirchentechnik geworden, mit Hauptsitz in Büron.

Andreas Sägesser, Projektleiter Verkauf und Spezialist für Glockengeläute und deren Steuerung in der Zweigstelle Sumiswald, kennt die Turmuhr in der Zwinglikirche, die vor 11 Jahren zum letzten Mal komplett saniert und umgebaut wurde. Und als ihm die Sigristin das Problem schildert, hat er mehrere Vermutungen, wo der Fehler liegen könnte. Am elektrischen Tableau ist kein Fehler zu erkennen, meint er. Also steigt Sägesser in den Glockenturm.

Kirchentechniker Andreas Sägesser behebt die Kirchenuhr-Panne in Grenchen

Kirchentechniker Andreas Sägesser behebt die Kirchenuhr-Panne in Grenchen

Im oberen Drittel des Turms, ein «Stockwerk» unterhalb des Glockenstuhls, befindet sich das Uhrwerk. Ein mechanisches Wunderwerk aus lauter ineinandergreifenden Zahnrädern, Gestängen und Schwungrädern von imposanten Ausmassen. «Die Grösse eines Uhrwerks richtet sich eigentlich immer nach der Grösse der Glocken im Stuhl. Die eine der vier Glocken hier hat doch ansehnliche Masse und wiegt meines Wissens gegen fünf Tonnen. Das Uhrwerk muss gross genug sein, um die Hämmer bewegen zu können.»

Sägesser hat keine Werkzeuge dabei. Nur ein kleines Ölkännchen und einen Lumpen. Er stellt fest, dass ein Gegengewicht nicht auf der richtigen Höhe hängt. Um es weiter nach oben zu ziehen, weil es schon fast am Boden zu stehen kommt, lässt der Spezialist die Glocken mehrere Male hintereinander schlagen. Das Gewicht verschiebt sich nach oben, bis rund 50 Zentimeter über Boden des Uhrwerks.

Dann kontrolliert Sägesser die verschiedenen Einstellräder vorne am Werk. Ähnlich einer Musikwalze weisen sie beim einen verschieden lange Einkerbungen auf, die dann bestimmen, welcher Schlag ausgeführt werden soll, ob der Viertelstunden-, der Halbstunden-, der Dreiviertel- oder der Vollstundenschlag. Sägesser nimmt das Einstellrad aus der Führung und fügt es an der richtigen Stelle wieder ein. Die Anzahl Schläge und damit die Uhrzeit wird analog dazu am anderen Einstellrad justiert.

Elektronik hat Einzug gehalten

Nicht alle Teile des Uhrwerks sind mechanisch. Gewisse zentrale Teile wurden durch moderne Elektronik ersetzt. So gibt ein kleines, graues Teil alle zehn Sekunden einen Impuls, der seinerseits einen der alten Hebel ein kleines Stück nach oben verschiebt und so das Uhrwerk antreibt. Mit diesem Anheben wird gleichzeitig ein zweiter Hebel ganz allmählich in eine Position verschoben, die einen weiteren Hebel rund drei, vier Minuten vor dem «Gebimmel» in eine Position schnellen lässt, die sogenannte «Warnung».

Aus dieser Position schnellt dann der Hebel pünktlich zur Viertelstunde nach oben und löst das Schwungrad aus, das den Mechanismus für den Glockenschlag antreibt. «Dieser Schlag wurde wohl einfach nicht ausgelöst, der Hebel fiel nicht in die Warnung», so die Vermutung des Spezialisten.

Ein paar Tropfen Öl hier, ein wenig pützerlen da, und alles funktioniert wieder, wie es sollte. «Den Grund, weshalb der Schlag nicht ausgelöst wurde, und das gleich fünfmal, kenne ich jetzt aber noch nicht. Vorerst funktioniert alles so, wie es sollte.» Bei alten Kirchenuhren, die noch voll mechanisch gesteuert wurden, seien im Winter ab und zu auch gefrorene Fliegen dafür verantwortlich, dass ein wichtiges Zahnrad nicht mehr laufe. Nicht so in der Zwinglikirche. Hier sei nach dem Umbau die Zeit elektronisch geregelt.

Die Uhr stelle sogar automatisch von Winter- auf Sommerzeit und werde durch Funk gerichtet. Im Glockenstuhl scheint alles beim Besten. «Obwohl der Turm nach allen Seiten offen ist, sieht man weder den Glocken noch der Mechanik an, dass das Werk seit 11 Jahren in Betrieb ist.»

Jetzt bleibe nur noch abzuwarten, ob sich das Problem beim Uhrwerk wiederholt oder ob die paar Tropfen Öl geholfen haben. Die Glocken jedenfalls schlagen wieder so, wie es sein soll, pünktlich jede Viertelstunde.