Lesekompetenz
Wenn die Förderung im Elternhaus mangelhaft ist

Die Grechner Stadtbibliothekarin Brigitte Stettler sorgt sich um das fehlende Textverständnis bei vielen Jugendlichen. 17 Prozent der Schulabgänger sind schwach im Lesen und verstehen das Gelesene kaum. Die neue Pisa-Studie belegt dies.

Daniel Trummer
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Kinder der 6. Klasse von Klara Zurbrügg im Schulhaus Zentrum haben sich ihr Lieblingsbuch geschnappt. dt

Kinder der 6. Klasse von Klara Zurbrügg im Schulhaus Zentrum haben sich ihr Lieblingsbuch geschnappt. dt

Solothurner Zeitung

Dem Testergebnis entgegenzuwirken, sieht die Grenchner Stadtbibliothekarin als wichtige Aufgabe und Herausforderung. Brigitte Stettler empfiehlt den Kontakt zum Buch bereits in frühester Kindheit. «Man kann im Leben auf vieles verzichten, nur nicht auf Katzen und Literatur», steht auf einem kleinen Zettel geschrieben, der an der Bürotüre von Brigitte Stettler hängt. Einer Katze gibt sie schon lange Wohnrecht in ihrem Haus, und was die Literatur betrifft, ist Stettler stets auf den Laufenden. «Das Textverständnis beim Lesen sinkt bei Kindern und Jugendlichen», ist sie überzeugt.

«Wer gerne liest, liest gut»

Leider erfahren viele Kinder keine Förderung im Elternhaus. «Statt Mutter, Vater oder Grosseltern, erzählt der Fernsehapparat Geschichten.» Stettler will mit dieser Aussage nicht verallgemeinern, ist sich aber sicher, dass Kinder Bücher brauchen. Dank der Stiftung Bibliomedia Schweiz erhalten junge Eltern Gutscheine, die gegen ein Bücherpaket für Allerkleinste umgetauscht werden können.

Hubert Bläsi, der im Schulhaus Zentrum unterrichtet, sieht es auch so. Er setzt sich in seiner Primarklasse für die Leseförderung ein. «Wer gerne liest, liest gut», sagt er aus Erfahrung. In besonderen Lektionen wird das Lesen in seiner Klasse stark gewichtet. Dafür hat er gar eine Schulzimmerbibliothek eingerichtet. Er spricht das Thema auch in Elterngesprächen an und bemüht sich die Lesefaulheit zu bekämpfen. «Wer liest, fährt den entsprechenden positiven Ertrag ein.»

Die Türe in der Stadtbibliothek öffnet sich. Kinder der 6. Klasse von Klara Zurbrügg erobern sich im Nu einen Teil der Kinderbuchabteilung. Bald schon haben die Buben und Mädchen ihre Lieblingsbücher gefunden und vertiefen sich in die Lektüre.

Kindergärten, die Heilpädagogische Sonderschule und viele Schulklassen aus dem Zentrum brauchen die Stadtbibliothek regelmässig als erweiterte Schulstube. Die Grenchner Institution erfüllt somit einen wichtigen Bildungsauftrag. «Im ersten Lesealter, bis zum 12. Altersjahr, sind Kinder in der Regel begeisterte Leser», berichtet Brigitte Stettler, die ein Bücherangebot von mehr als 40000 Titeln verwaltet. Detektivgeschichten und Comics sind bei Buben äusserst gefragt, Mädchen verschlingen eher Bücher über Pferde und verträumte Geschichten. Später sind Vampir-, Liebesgeschichten und Fantasy-Literatur beliebt.

«Ohne Buch kein Textverständnis», äussert sich die Bibliothekarin, die seit 35 Jahren in der Grenchner Stadtbibliothek arbeitet. Ein Buch mit gestaltetem Umschlag und einladendem Klappentext ist nicht das Gleiche, wie das Angebot neuer Medien, wie beispielsweise das E-Book. In der Bibliothek will sie Offenheit vermitteln, kulturelle Schwellenängste abbauen und zum Lesen animieren. Wer liest, versteht und hinterfragt, ist stärker in der Argumentation. Stettler preist das Lesen an: «Es muss nicht Goethe sein.» Sie weiss, dass Bildung autonom macht und Vielleser fantasievoller durchs Leben gehen.