Bielersee
Weil das Wasser wärmer wird, sind die Bielersee-Fische gestresst

Die Seeländer Buchautoren Markus Schär und Beat App haben im Museum Grenchen ihr Buch über den Bielersee vorgestellt.

Daniela Deck
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Aus der Luft sind die neuen Fischtreppen beim Wasserkraftwerk Hagneck und die Schwemmlandschaft gut sichtbar.

Aus der Luft sind die neuen Fischtreppen beim Wasserkraftwerk Hagneck und die Schwemmlandschaft gut sichtbar.

Oliver Menge

«Jede Zeit hat ihre eigene Erkenntnis. Wenn wir heute mit der Juragewässerkorrektion beginnen würden, dann würde die Aare wahrscheinlich in den Neuenburgersee geleitet und nicht in den Bielersee.» Das sagte der Bürer Autor Markus Schär anlässlich des Vortrags im Kultur-Historischen Museum in Grenchen. Zusammen mit Beat App, der die Fotos zum Buch Bielersee – Fisch – Mensch – Natur beigesteuert hat, gab Schär dem Publikum im gut gefüllten Dachstock des Museums einen Überblick zum Leben im und am See. Dass die Delegation aus Büren sehr zahlreich war, darunter Hermann Käser, Präsident des Wasserbauverbands und Projektleiter Renaturierung der Alten Aare, zeigt, dass die Buchautoren den Nerv der Zeit getroffen haben.

Markus Schär begann nicht bei Adam und Eva, sondern weit davor, vor rund 200 Millionen Jahren, als Dinosaurier ihre Spuren hinterliessen. In dieser Zeit sei der Grundstock für den Jurakalk gelegt worden. Als vor rund zwei Millionen Jahren die Eiszeiten begannen, sei die Landschaft entstanden, die wir heute kennen. Nur, dass das Wasser nach der letzten Eiszeit rund 50 Meter höher reichte als heute.

Wasser wird wärmer

Was bis heute gilt: Wasser ist zugleich Segen und Fluch und verbindet und trennt die Gesellschaft gleichzeitig. Markus Schär erinnerte an die Hochwasser der Jahre 2005 bis 2007, die das Hagneck-Wehr beinahe zerstörten. «Heute sind wir soweit, dass wir der Natur etwas zurückgeben wollen.» Aus diesem Grund sei das neue Elektrizitätswerk nicht mit hohen Mauern für ein so genanntes Jahrtausendwasser (2700 Kubikmeter Durchfluss statt der üblichen 300) ausgelegt, sondern mit Schwemmlandschaften – und einem leistungsfähigen Fischpass. Letzterer sei mit einer Kammer zur Beobachtung der wandernden Fische ausgestattet. Die erste Stichprobe mit sechs Fischen habe vor kurzem für Überraschung gesorgt, erzählte der Referent. So habe sich neben einem Hecht auch Brachsme, ein Karpfenfisch, in der Kammer befunden, die dort niemand erwartet hatte. «Fische wandern übrigens auch abwärts, nicht nur aufwärts», erklärte Schär, «eine Knacknuss für Fischtreppenbauer, für die es bis heute keine Lösung gibt.»

Vortrag zum Bielersee Die Buchautoren Beat App, links und Markus Schär

Vortrag zum Bielersee Die Buchautoren Beat App, links und Markus Schär

Daniela Deck

Er sprach auch den Traum der Naturfreunde an, dem einst heimischen Lachs die Rückkehr in die Schweizer Gewässer zu ermöglichen. Allerdings ist Schär überzeugt: «Wir werden das nicht mehr erleben.» Angesichts der Stressfaktoren Klimaerwärmung und Freizeitgesellschaft könnten wir uns glücklich schätzen, wenn die Kälte und Ruhe liebende Forelle in der Schweiz überlebt. Schon ihm als Mensch und «Schönwetterfischer» werde es manchmal zu viel: «Auf der Aare muss ich aufpassen, dass ich nicht über den Haufen gefahren werde.»

Die Welt unter Wasser im Bild

Im zweiten Teil des Abends gab es mit dem Fotografen Beat App einen Perspektivenwechsel. Nach der Vorstellung seiner Tätigkeit als Hobbyfotograf und Buchillustrator, tauchte das Publikum mit App filmisch zum schlammigen Grund des Bielersees. Dort machte es die Bekanntschaft einer Trüsche, einem wenig bekannten nachtaktiven Fisch aus der Familie der Dorsche. Von der Beobachtung von Zooplankton über einen dicken Wels mit einer Behinderung bis zur Erkundung kleiner Bootswracks ging die Unterwasserreise; von den belebten, da besonnten obersten zehn Metern des Sees, bis zur «Mondlandschaft» auf 40 Metern Tiefe.

Fischbestand rückgängig

«Ich lade jeden Bootsbesitzer ein, sein Schiff zu versenken», sagte Beat App halb im Spass, halb im Ernst. Nicht, weil er etwas gegen Schiffe hat, sondern weil die Wracks nützliche Rückzugsorte für Jungfische sind. Dabei ist er sich allerdings bewusst, dass die Berufsfischer keine Freude haben, wenn sich ihre Netze am Bug oder der Ruderklappe eines gesunkenen Schiffs verheddern. Zuvor hatte Markus Schär in seinem Beitrag bereits den Rückgang der Felchenerträge im Bielersee von einst bis 120 Tonnen pro Jahr auf die aktuellen 63 Tonnen thematisiert. Ein Rückgang, für den es zwar diverse Theorien, aber keine gesicherten Erkenntnisse gebe. Und: eine Trendwende sei nicht in Sicht.

Das Buch: «Bielersee – Fisch – Mensch – Natur» ist im Buchhandel erhältlich.