Grenchen

Wegen Wegzug von Bundesamt: Die Zukunft der Grenchner Wohntage ist noch offen

Martin Tschirren, neuer Direktor des Bundesamtes für Wohnungswesen – noch in Grenchen – im Gespräch.

Martin Tschirren, neuer Direktor des Bundesamtes für Wohnungswesen – noch in Grenchen – im Gespräch.

Martin Tschirren, der neue Direktor des Bundesamtes für Wohnungswesen, sagt, wie es bis zum Umzug nach Bern weitergeht.

Ende 2021 wird das Bundesamt für Wohnungswesen BWO gemäss Bundesratsbeschluss von 2018 von Grenchen nach Bern umziehen. Der neue BWO-Direktor Martin Tschirren kam mitten in der Coronakrise ans Ruder des einzigen Bundesamtes im Kanton Solothurn, das nun bald Geschichte sein wird.

 «Am 16. März war mein erster Arbeitstag und ein Tag später wurde der Lockdown verhängt», erklärt Tschirren. So kam es, dass er über mehrere Wochen hinweg mit manchen Mitarbeiterinnen oder Mitarbeitern zusammenarbeitete, ohne sie einmal gesehen zu haben. Letzte Woche sei es dann soweit gewesen, dass er zumindest alle einmal zu Gesicht bekommen habe, erzählt er lachend.

37 Personen stehen auf der Telefonliste des Bundesamtes. Bald werden es weniger sein, denn der Umzugsentscheid des Bundesrates umfasste auch den Auftrag für eine Reorganisation.

Reorganisation und Verkleinerung

«Dies hängt damit zusammen, dass es 2003 einen Systemwechsel bei der Wohnraumförderung gab. Die direkte Unterstützung für einzelne Wohnungen geht langsam zu Ende, da die Förderung nach dem alten Gesetz eingestellt wurde», erklärt Tschirren. Das BWO fördert aber weiterhin den gemeinnützigen Wohnungsbau, u.a. über die entsprechenden Dachorganisationen. Mit dem Umzug nach Bern werden die einzelne Querschnittsfunktionen (Personaldienst, Informatik) mit denjenigen des Sekretariats der Wettbewerbskommission Weko zusammengelegt. Die neue Adresse des BWO ab Ende 2021: Hallwylstrasse 4, 3003 Bern, ein altehrwürdiges Bürogebäude im Bundeshaus-Stil aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Tschirren rechnet mit einem Personalabbau in der Grössenordnung von insgesamt gut acht Stellen, betont aber, dass der Schritt voraussichtlich durch natürliche Abgänge (Pensionierungen Fluktuation) zu bewältigen sein wird. Und er wird nicht schon morgen anstehen. Der vom Bundesrat gesetzte Zeithorizont für die Restrukturierung ist das Jahr 2025. «Auch in Bern werden wir zunächst nicht viel weniger sein als heute.» Aber er  Umzug werden für manche Mitarbeitende zu einem längeren Arbeitsweg führen, meint Tschirren.

Vom Städteverband zum Bundesamt

Seinen Wechsel vom Schweizerischen Städteverband an die Spitze des BWO begründet Tschirren folgendermassen: «Nach elfeinhalb spannenden Jahren beim Schweizerischen Städteverband hatte ich Lust, etwas Neues zu wagen», begründet der 48-Jährige, der zuletzt stv. Direktor des Verbands war.

Da die Wohnungspolitik für viele Städte ein Top-Thema ist und für Tschirren beim Städteverband nebst anderen auch dieses Thema zu seinem Portfolio gehörte, ist die Thematik «Wohnungswesen» für ihn nicht wirklich neu.

Die Tätigkeit des Bundesamtes sei weitgehend durch den Verfassungsauftrag definiert: die Förderung des preisgünstigen Wohnraums insbesondere für Familien, Betagte, Bedürftige und Behinderte gehört ebenso dazu wie die Förderung von selbstbewohntem Wohneigentum, ruft Tschirren in Erinnerung.

Eine weitere Aufgabe des BWO ist die Forschung zu Wohnfragen. Diese wurden bisher mindestens einmal jährlich auf einer Plattform auch öffentlich diskutiert: den Grenchner Wohntagen. Wie es mit der Veranstaltungsreihe ab 2021 weitergeht, ist laut Tschirren noch offen (vgl. Kasten).

Künftig alles nur noch im Home Office?

Dass die Coronakrise auch Auswirkungen auf den Liegenschaftsmarkt haben wird, hält Tschirren durchaus für möglich. Er kann sich vorstellen, dass Home Office künftig einen höheren Stellenwert erhält. «Damit steigt auch die Bedeutung einer guten Wohnumgebung. Ich glaube allerdings nicht, dass Büroräume im grossen Stil leer bleiben», meint Tschirren. Die Vorteile der unmittelbaren Kommunikation und des informellen Austauschs können Videokonferenzen und Chatplattformen nicht ersetzen.

Stark beschäftigt Tschirren auch die aktuelle Diskussion über die Geschäftsmieten, resp. über die Frage, ob es zu coronabedingten Mietzinsreduktionen kommen solle. Dieses Thema fällt in die Zuständigkeit des BWO, weil dort das Mietrecht angesiedelt ist. Wie Tschirren erläutert, ist für den Bundesrat diese Frage nicht über Eingriffe ins Mietrecht, sondern über Verhandlungen zwischen den Mietparteien zu lösen. Das Parlament könnte den Bundesrat in der Sommersession trotzdem beauftragen, gesetzgeberisch tätig zu werden.

Apropos Home Office: während der Coronakrise hätten auch im BWO zeitweise viele Mitarbeitenden von zu Hause aus gearbeitet; allerdings sei für ein Teil der Arbeiten nach wie vor der Zugriff auf Papierakten nötig. Da das BWO-Gebäude genug Platz für das (seit Jahren) schrumpfende Bundesamt hat, sei die Einhaltung von Distanzregeln nie ein Problem gewesen, meint Tschirren.

Wenn aller Augen sich aufs BWO richten

Langfristig lasse sich die Auswirkung von Corona aus den Wohnungsmarkt nur schwer einschätzen, meint Tschirren weiter. Zu berücksichtigen sei etwa die (schon zuvor) sinkende Zuwanderung und die Einkommensverluste aufgrund der Krise. «Vor diesem Hintergrund dürfte die Nachfrage vor allem nach preisgünstigem Wohnraum kaum nachlassen.»

Egal wie unbedeutend das Bundesamt manchen bisher erschienen war: Vier mal pro Jahr richten sich die Blicke der ganzen Schweiz, diesem Land von Mietern, auf das BWO. Dann nämlich, wenn es den Referenzzinssatz veröffentlicht, aufgrund dessen Mieter eine Mietzinssenkung verlangen können (sofern er gesenkt wird). Dies war in den letzten Jahren wiederholt der Fall, zuletzt am 2. März 2020 mit einer Senkung um 0,25 Prozent auf jetzt 1,25 Prozent.

Gestern war es wieder soweit, wobei Tschirren bereits an diesem Gespräch letzte Woche durchblicken liess: «Es gibt kaum Anhaltspunkte für eine Veränderung.» Er lag richtig.

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